Zwei Teams, ein Dilemma

Zwei Spiele, sagt Eintracht-Trainer Armin Veh, seien vorerst genug. Marc-Oliver Kempf, 17 Jahre jung und als Innenverteidiger-Notlösung mit reichlich Lehrgeldzahlungen belegt, soll erstmal wieder zur Schule und nicht ins Stadion gehen. Eine vertretbare Auffassung, zumal Kempf sich nicht als Riesentalent entputte – erwarten darf man das selbstverständlich nicht, er löste vieles ordentlich.

Im Gegensatz zu anderen. Und weil das so ist, wäre es nicht auszuschließen, dass Veh der bisherigen Alternative Vadim Demidov ähnliches raten würde, wie Kempf: Die Schulbank drücken, allerdings die Fußball-, die Verteidigerschule. Es ist schon bemerkenswert, wie ein Profi binnen eines halben Jahres in sehr Grundsätzlichem stagniert. Das Pokalspiel in Aue, nach welchem der interessierten Öffentlichkeit noch Defizite in puncto Fitness vorgegaukelt wurden, erscheint immer mehr wie ein realistischer Eindruck, der das Leistungsvermögen des nordeuropäischen Innenverteidigers früh skizzierte. Demidov stellt sich zwar nicht mehr wie ein Libero alter Schule hinter die Abwehrkette, auch quält er sich nicht mehr im Schneckentempo den Gegenspielern hinterher. Doch seine Mängel sind unübersehbar – und hängen dann doch auch mit Tempo, vor allem mit mangelhaftem Stellungsspiel zusammen. Im Spiel gegen Bayern München etwa, einen zugegeben undankbaren und überstarken Gegner, fiel der Norweger in der Regel dadurch auf, dass er seine Gegenspieler am Trikot festhielt, zupfte, sich stets mit halblegalen Behelfsmitteln über Wasser halten musste. Dazu gesellt sich ein Aufbauspiel, ein erster Pass, der vor allem in puncto Präzision und Konstanz nicht dazu taugt, in den schnellen Angriffsmodus zu wechseln. Im Kopfballspiel macht  Demidov seine Sache passabel, doch das reicht selbstredend nicht aus, um mitzuhelfen, endlich mal die Null zu halten.

Leider sind das keine Erkenntnisse, für die es etwa das Spiel in Düsseldorf gebraucht hätte. Schon gegen Mönchengladbach und Fürth, beide seinerzeit im unteren Drittel der Tabelle beheimatet, war vieles so lala, einiges wackelig, wenig souverän.

Getreu dem Motto „besser später als nie“ sieht es daher so aus, als ob der gescholtene Heiko Butscher nun doch eine Chance erhält. Vier Monate nach seinem Patzer im Pokalspiel in Aue und der Eiseskälte, gepaart von seltsamen Stellenwertsbekundungen („Für das Binnenklima wichtig“), die ihn seitdem entgegenschlug, wird er eventuell als Nebenmann von Carlos Zambrano auflaufen. So jedenfalls interpretiert der Hessische Rundfunk die Tatsache, dass Butscher am Dienstag in ein Leibchen gehüllt mit der Stammformation trainierte.

Der Gegner wird, unabhängig vom Eintracht-Personal, Werder Bremen heißen. Jenes Team, das am Sonntag in Sinsheim vier Mal netzen durfte und offenbar den eigenhändig in die Beine gestrickten Knoten löste. Schützenfest auf dem Dorfplatz, das hat dieser Tage wenig zu bedeuten. Und doch wird genau dieser offensivstarke Charakter das Problem für die SGE sein: Die Hanseaten können vorne viel, allen voran Marko Arnautovic ruft in dieser Saison deutlich mehr von seinem Potential ab als zuvor.

Werder Bremen leidet oder profitiert – seit Jahren allerdings – von demselben Dilemma wie die Eintracht. Während es vorne durchaus gefällt und gefährlich zugeht, Chancen und Tore produziert werden, ist die Defensive ein Torso. Es klingelt immer und immer wieder. Zu oft benötigen die Norddeutschen zwei und mehr Tore, um zu gewinnen. Das klingt in den Ohren der Eintrachtfans 2012 ebenso vertraut wie beängstigend. Denn gelingt es den Frankfurtern abermals nicht, ihr Spiel nach vorne zu tragen, sehr radikal nach vorne zu tragen, wird es Bremen leicht haben. Sie in der Defensive zu beschäftigen, Druck aufzubauen, aufs Tor zu schießen, wird der Schlüssel zum Erfolg sein. Ein Taktieren, ein Abwarten, ein Setzen auf die eigene (anfällige) Defensive gegen Werder, wird in einer Niederlage enden.

Halten wir Heiko Butscher und dessen vermeintlichem Comeback die Daumen, so dass er die Stabilität in die Innenverteidigung bringt, der es für einen Erfolg bedürfen wird. Das zweite zu Null der Saison – es wäre so wichtig.

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