Endlich kein Harakiri mehr

Was genau ist eigentlich so ein Umfeld? Vereine haben das ja scheinbar, doch was zählt da rein? Und wie wird es nervös, dieses nicht greifbare Etwas? Jedenfalls wabert ein Gefühl durch Frankfurt, dass schon den Schwefel aus dem Schlund der Hölle wittert. Da wagt es die Mannschaft, der Aufsteiger doch tatsächlich, gegen den Meister der vergangenen beiden Jahre zu verlieren! Und gegen den bis dato Tabellenzweiten aus Leverkusen ebenfalls. Aufgemerkt: Derselbe Verein, dem vor gut einem Jahr noch attestiert wurde, er steige nicht souverän genug aus der Zweiten Bundesliga auf. Es ist schon bemerkenswert, wie sensibel und in der Reaktion giftig der Fan werden kann. Niederlagen gegen Topklubs und ein Remis gegen den zumindest stabilden, soliden und disziplinierten FC Nürnberg reichen aus, um Floskeln ins Internet zu schütten. Sand im Getriebe, stotternder Motor – der ganze Bums, der lediglich auf einer Beobachtung fußt: der Optik, dem gefühlten Auftritt der Mannschaft. Nur, weil Eintracht Frankfurt keinen Harakirifußball mehr spielt, schwadronieren einige von der Abwärtsspirale.

Dabei wird genau anders herum ein Schuh draus: Endlich (!) ist die Mannschaft reifer und rennt nicht mehr naiv nach vorne. Was das bedeutet, wohin das führen kann, sah man gegen den erstarkten Hamburger SV. Dass man das nicht mal eben analog auf Spitzenteams wie Leverkusen und Dortmund anwenden kann, sollte jedem nicht völlig verblendeten Zuschauer klar sein. Was in Westfalen geschah, war erwartbar. Ebenso vom Ergebnis wie auch vom Spielablauf. Sicher sah es phasenweise nach totaler Ergebenheit, Unterlegenheit aus, was die SGE auf den Platz brachte. Das war es auch. Die Frage darauf sollte aber lauten: so what? Was genau ist eigentlich in der angeblich so stotterigen Rückrunde bislang passiert? Man baute den Vorsprung auf Rang 5 (in Worten: fünf) auf sechs Punkte aus, jetzt bleiben drei – nach einem nicht gerade laschen Anfangsprogramm. Auf Rang sieben sind es fünf Punkte Vorsprung, nach wie vor. Und die Wochen der Wahrheit, wo sich die Tendenz zeigen wird, beginnen genau jetzt. Freiburg bildet den Auftakt, danach kommt Spieltag für Spieltag eine ganze Schar von Teams, die auf Rang sechs schielen. Diese gilt es in Schach zu halten, die meisten davon muss man schlagen, um Ende März noch Ansprüche auf den ganz großen Coup anmelden zu können.

Richtungsweisende Spiele, das hat der gelassene Armin Veh sehr richtig erkannt, gibt es gefühlt jede zweite Woche. Das zu betonen ermüdet deshalb, weil eigentlich auch der Letzte kapiert haben sollte, dass die Bundesliga nunmal eng ist; dass es nicht wie bei Fußball Manager, Fifa oder der Primera Division klaffende Lücken in der Liga gibt, die in Stein gemeisselt sind.

Ich jedenfalls wehre mich bis zum Schluss gegen überzogene Anspruchshaltung. Das resultiert nämlich nur darin, dass man im Mai einer Mannschaft nicht den riesen Respekt zollt, der ihr jetzt schon gebührt – für einen phänomenal frühen Klassenerhalt. Der Fluch der guten Tat, ich werde mir den Schuh nicht anziehen, sollte es am Ende nicht für Europa reichen. Freuen kann ich mich nach wochenlanger Bescheidenheit mindestens genauso gut über einen Coup, wie als wenn ich es Woche für Woche als eine Art Recht empfinde, dass man mir als Fan gefälligst einzuhalten, zu gewähren hat.

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