Für Klarheit braucht es keine 40 Punkte

Schwupps, schon geistert die Meldung wieder durch den nimmersatten und daueraktiven Internetkosmos: Armin Veh soll einen unterschriftsreifen Vertrag von Schalke 04 vorliegen haben. Und Meister werden, das sagte er ja kürzlich beim Blatt mit vier Buchstaben, will er auch nochmal (Wollen und können – zwei Paar Schuhe, seit jeher). Die Lobeshymnen auf Armin Veh sind seit seinem Amtsantritt berechtigt, und eben deshalb wecken er als Typ und seine fachlichen Qualitäten einige Begehrlichkeiten. Man mag argumentieren, dass die Schalke-Gerüchte, die schon seit Wochen umher geistern, durch einen direkten Konkurrenten sehr bewusst gestreut sind. Aber Veh gibt sich wahrlich keine Mühe, die Gerüchte zu entkräften – und dass er sonst ein Freund klarer Worte ist, muss einen Eintracht-Fan hellhörig machen. Da sich zudem jenes Gerede schon lange hält und mit den Wochen eher mehr als weniger Schwung, Futter und Wahrscheinlichkeit erhält.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Hängepartien um den Trainer und seine beiden Lieblingsspieler Jung und Rode ihr Schärflein beitragen zur aktuell eher verhaltenen sportlichen Situation. Was ist Ursache, was Wirkung? Mit bösem Zungenschlag könnte man fragen, ob die Ratten das sinkende Schiff verlassen, oder ob die Ratten das Schiff erst zum sinken gebracht haben? (um Missverständnissen vorzubeugen: Sinken ist auf diesem Niveau heilos übertrieben).

Im Grunde stellt sich für alle Beteiligten eine Frage: Wollen sie als wesentliche Säulen eines Vereins, einer Mannschaft etwas von Dauer erarbeiten, sich – welch pathetisch scheinendes Wort – unvergessen machen? Oder sehen sie ihre 10,11, 12 Jahre als betriebswirtschaftlich geplante und angelegte Karriere? Ist es wirklich ein Unterschied, 1 Million oder 2 Millionen Euro zu verdienen? Das mag eine naive Frage sein, aber es bedarf doch keines sozialistischen Denkens um diese Frage auch mit Nein beantworten zu können. Auf diesem Niveau ist das kein Sprung mehr wie von 1000 auf 2000 Euro netto.

Ja, das Argument, es gehe gar nicht so sehr ums Geld sondern um die sportliche Perspektive, wird kommen. Sehr bald. Titel wolle man gewinnen, Meisterschaften und Pokale. Ketzerisch gefragt: Möchte Spieler XYZ dazu etwas aktiv beitragen, oder nur auf dem Mannschaftsfoto zu sehen sein? Es gibt so viele Spieler, die von mittelklassigen Klubs zu den Großen wechselten. Wie das Gros endete, davon zeugen viele „Was macht eigentlich …?“ Spalten. Natürlich haben Sebastian Jung und Sebastian Rode das Potential, bei besseren Vereinen als Eintracht Frankfurt zu spielen. Aber sie werden nicht, sorry für das schiefe Bild, explodieren. Es fällt äußerst schwer sich Sebastian Rode, diesen bissigen, fleißigen Renner im Ensemble des BVB oder Bayern Münchens vorzustellen. Ilkay Gündogan etwa, in etwa Rodes Jahrgang, ist ihm um Längen voraus. Von Sebastian Kehl und Nuri Sahin gar nicht erst zu sprechen. Die Vergleich mit Bastian Schweinsteiger, Javi Martinez, Toni Kroos und Co. spare ich gleich ganz aus. Und was sollte es denn sonst für sie sein, welcher Klub wäre denn einer, wo sie sich a) dauerhaft behaupten und b) ganz oben und um Titel mitspielen könnten? Schalke 04? Sicher, im Uefa-Cup wäre man ziemlich sicher Dauergast. Bei einem Publikum, das gerne die eigene Mannschaft auspfeift und wo ebenso gerne Druck unterm Kessel ist. Immer. Bayer Leverkusen? Schon eher, und auch das nicht nebenbei. Fakt ist: Bei Eintracht Frankfurt können sie alle, Trainer wie Spieler, etwas aufbauen, einem  höheren Zweck in ihrer Karriere dienen. Das mag romantisch, geradezu töricht klingen angesichts der Millionengehälter und aalglatten Profisportler-Sozialisation. Aber unter uns: Warten wir nicht alle auf denjenigen Spieler, der dem Markt den Mittelfinger zeigt und quasi antizyklische Entscheidungen trifft? Was braucht es schon für einen Revoluzer heutzutage? Er muss nur das nicht tun, das andere ständig tun.

Mein Gefühl sagt mir, dass die Hängepartien um Jung, Rode und Veh ein entscheidender Grund dafür sein werden, dass am Ende Europa ein schöner, langer Traum gewesen sein wird. Der Fluch der guten Tat, wie die Frankfurter Rundschau einst titelte, wird im schlimmsten Fall im Exodus ohne Europa enden: Top-Platzierung, aber nichts zählbares und trotzdem die Spieler und den Coach verloren. Das ist der worst case. Hoffen wir, dass Spieler und Trainer nun endlich die Traute haben, das Versteckspiel zu beenden. Für Klarheit braucht es keine 40 Punkte.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Für Klarheit braucht es keine 40 Punkte

  1. Frank

    Deine Kritik an Vehs „Geeiere“ teile ich. Dass er nicht bis zur Rente in Frankfurt bleiben wird, ist klar, ein Bekenntnis zur nächsten Saison überfällig.
    Ob Schalke ihn wirklich im Sommer verpflichten will, weiß ich natürlich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ich vom Glauben abfalle, wenn er ausgerechnet dahin geht. Die sind mit der Hupe richtig gut in die Saison gestartet. Dann –keiner weiß warum- klappt gar nichts mehr, die Hupe geht und Keller kommt. Der bekommt Woche für Woche auf den Hut, wird aber von der sportlichen Führung nicht in Frage gestellt. Und ausgerechnet jetzt, nachdem sie mit Keller die Kurve zu kriegen scheinen, soll Veh ein Vertrag vorgelegt worden sein. Und das ist nur das letzte halbe Jahr.
    Da müsste dann aber richtig viel Geld im Spiel sein, sollte Veh sich in diese Chaotenriege einreihen und er hätte dann genau die Umstände, die ihm schon in Wolfsburg und vor allem Hamburg die Arbeit verleidet haben. Kurzum: Das mit Schalke glaube ich nicht.

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