Die Uhr tickt

Das Nervigste an Umzügen ist, zu erkennen, wie viel Krempel sich über die Jahre angehäuft hat. Da glaubt man, spar- und genügsam zu sein, doch beim Ausräumen der Schubladen bemerkt man, wie viel Konsummist man tatsächlich besitzt. Einen Haushalt in zwölf Praktikerkartons zu stopfen wird so zu einer organisatorischen Aufgabe. Und ist nur auf eine Weise zu bewältigen: Kill your darlings, weg mit vielem Mist, alte Triebe abschneiden. Wer den Text bis hier gelesen hat, wird sich zurecht fragen, wie der Autor den Bogen zur Eintracht spannt. Er löst das so:

Entscheidungen, darum geht es. Man kann ewig abwägen, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist. Die Uhr stört das nicht, sie tickt unbeirrt weiter. Bis irgendwann der Tag kommt, an dem man zu einer Entscheidung gezwungen wird. Die dann plötzlich wirkt, abprupt. Das ist aber fast nie so. Man manövriert sich durch Zögern und Taktieren in immer komplizierter werdendere Situationen. Es sollte klar sein, was ich damit meine: Das Geschacher um Trainer Armin Veh und um die beiden Spieler Sebastian Jung und Sebastian Rode. Mittlerweile weiß doch ganz Fußballfrankfurt, dass der Eine nicht ohne die Anderen zu halten sein wird und vice versa. Das befördert die Eintracht in eine scheinbar schwierige Lage: Mächtig Geld und Perspektive draufpacken – das verlangen alle drei in Bezug auf ihre Zukunft in Frankfurt, und das durchaus abhängig voneinander. Doch schwierig ist es eben nicht für den Verein. Er kann für zwei Spieler, wenn die Summen halbwegs realistisch sind, einen zweistelligen Millionenbetrag einstreichen. Fähige Trainer, so sympathisch, eigenständig und charakterstark Armin Veh auch ist, lassen sich auch finden, wenn man nicht auf Populismus und Jugendwahn hereinfällt. Kaum ein Eintracht-Fan wird bezweifeln, dass Veh ein Glücksgriff für Verein, Mannschaft und Umfeld ist. Aber die Stimmen mehren sich, dass ein kleines Königreich – wie die Frankfurter Rundschau vielsagend titelte – schon mehr ist, als ein Trainer erwarten kann.

Natürlich möchte Veh mehr Geld ausgegeben wissen, doch Risikobereitschaft hat nichts – und da liegt der Hase im Pfeffer – mit den Summen zutun. Risiko lässt sich auch so definieren, dass man trotz potentiell hoher finanzieller Mittel weniger ausgibt und konsequent auf low-budget-Verpflichtungen setzt. Siehe Freiburg: Zehn Millionen Euro für Papiss Cisse einstreichen und nur einen Bruchteil investieren. Steht das Team schlechter dar als Frankfurt? Ist das Risiko des Spielerverlusts größer als das Ausgeben mit vollen Händen? Ich neige zur Antwort nein. Sicher verlangt Veh nichts Unmenschliches. Aber er hat den neuen Kurs doch gesetzt, der Verein bewegte sich seit seinem Amtsantritt spür- und sichtbarer als in den vier, fünf Jahren zuvor. Er darf aber auch nicht erwarten, dass ein Frachter  mal so nebenbei seine Prinzipien über Bord wirft. Der Kompromiss ist stets gesünder – und Veh sollte sich an die Geldhochburgen Wolfsburg und Hamburg erinnern; und vor allem, wie es ihm da erging. Allen voran in puncto Anerkennung.

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