Ein Abgesang

Wie ein Naturgesetz: Der Überlebensinstinkt schlägt den Ehrgeiz. Es gewinnt im Fußball derjenige, der mehr will, der Bock hat, auf dem Feld zu leiden, sich zu schinden. Derjenige, der den einen Meter mehr läuft, den einen Joule mehr in die Zweikampfhärte investiert. Auch und vor allem deshalb, weil davon nichts mehr übrig ist, reißt Eintracht Frankfurt nichts mehr. Die Niederlage der Eintracht in Augsburg ist dem mangelnden Willen auf Frankfurter Seite geschuldet. Die Körpersprache, der Gesichtsausdruck der Spieler zeigten es früh an: Sie wollen nicht arbeiten, sie möchten chirugisch das Bällchen übers Feld treiben, dem Gegner aus dem Weg gehen. Man könnte meinen, wie schon gegen andere laufstarke und engagierte Teams wie Fürth, Stuttgart, Mönchengladbach oder Freiburg, dass man sich im rot-schwarzen Dress bereits zu fein für Kärnerarbeit ist. Kaum runter vom Sportplatz in Aue oder Ingolstadt, schon tritt das Vergessen ein. Ist das so? Die Läuterung scheint bei einigen von kurzer Dauer gewesen zu sein, hielt so lange vor, wie der sportliche Erfolg, der Höhenflug anhielt.

Der Fluch der guten Tat, er wird sich jedenfalls erfüllen. Von einem Aufsteiger mehr als den Klassenerhalt zu erwarten, zu erhoffen ist grotesk. Das gilt nach wie vor auch für Frankfurt. Doch weiß jeder, dass diese Ausgangsposition – das Schneckenrennen um die Europa League Plätze – eine einmalige Gelegenheit für Sensationen bietet. Der SC Freiburg wird es hinein schaffen ins europäische Geschäft. Und Eintracht Frankfurt wird sich betont zufrieden mit Rang acht aus der Saison verabschieden. Wenn es so läuft, wie es sich andeutet, sogar mit einer Punktzahl unterhalb der besten Funkelsaison (2007/2008) mit 46 Punkten (exakt wiederholt in 2009/2010).

Und dann, wie will man das Abschneiden dann bewerten? Realistischer- und fairerweise dürfte man es nur unter dem Aufsteiger-Aspekt. Dennoch: Das Gefühl, eine einmalige Chance vergeben zu haben, wird alles überdecken. Schließlich sah jeder monatelang, wie ein halbes Dutzend Teams von Punkt zu Punkt kroch und wie der ehemals sieben Punkte (!) betragene Vorsprung von Eintracht Frankfurt auf die Konkurrenz schmolz. In Erinnerung bleiben wird das Rumgeeiere bei den Verträgen, die vier, fünf Wochen, in denen man etwa gegen Hannover, Mönchengladbach und Freiburg – drei direkte Verfolger – zwei von neun möglichen Punkten holte. Wie man gegen am Boden liegende Stuttgarter verlor, vom  Tabellensiebzehnten (Augsburg) vorgeführt und vom Tabellenletzten (Fürth) an den Rand der Niederlage gedrängt wurde. Es wird wenig  übrigbleiben von diesem furiosen, mitreißenden und erfolgreichen Monaten. Und das große Versprechen, das damit verbunden gewesen zu sein schien, es droht sich in Luft aufzulösen.

Es waren die Sätze aus dem Herbst, die eine Zeitenwende hätten markieren können. Jenes Gefühl: Wir, die Fans, verzeihen dieser Mannschaft jeden Misserfolg, wenn sie denn nur ihren Stiefel, derart ehrgeizig und kompromisslos herutnerspielt, wie sie das tut. Wenn sie sich gegen jedes Team aufopfert, rennt und ackert. Wenn sie vor großen Namen nicht kuscht und kleine Namen genauso aggressiv bespielt. Was ist davon, was wird davon bleiben? Diese Stimmungslage fühlt sich bereits jetzt an wie ein entfernter Traum, wie die Phase der Erinnerung nach dem Aufwachsen aus dem Halbschlaf.

Ein Vierteljahr später dämmert einem, dass einem die aufgezeigte Perspektive vielleicht vorgegaukelt wurde, man sich sie selbst einredete. Es wurden starke Reden geschwungen zu den Emporkömmligen aus Frankfurt, den aufsteigenden Sternchen mit Vornamen Sebastian. Dem besten Spieler der Hinrunde, dem stärksten Torhüter. Die Superlative blendeten, weil jeder genau das im Team, in den Spielern sah, sehen wollte. Die immer böse, aber offenbar doch wahre Unterstellung , dass ein Kollektiv phasenweise über seinem Niveau spielte, wollte und konnte man angesichts der Fußballfeste zwischen August und Dezember 2012 nicht wahrhaben wollen.

Und doch gab es Anzeichen. Wenn man nämlich auf die einzelnen Spieler schaut, die Schwächen erkennt und analysiert. Bastian Oczipka etwa, wochenlang als kommender Nationalspieler gehyped, ist defensiv eine Zumutung. Das war er am ersten, das war er am zehnten und das war er am 29. Spieltag. Überzeichnet wurde das von zehn Torvorlagen und, zumindest bis Dezember vor allem effektiven Vorstößen. Ein anderes Beispiel: Sebastian Rode, angeblich der Wunschspieler der ganzen Fußballvereins-Welt verbessert sich nicht (mehr). Er spielt, was und wie er immer spielt, von Tag eins bis jetzt: Agil, forsch, dynamisch gegen den Ball – doch sobalb er die Kugel am Fuß hat, regiert König Zufall. Von der Abschlussschwäche gar nicht zu reden. Das lässt sich für viele Eintrachtspieler fortsetzen.

Nichts von der Kritik schmälert die Tatsache, dass dem Team unfassbar früh der Klassenerhalt gelang. Nichts davon soll den Fußball Furioso der Hinrunde kleinreden, zumal die SGE nicht das erste Team ist, das eine super Hinrunde hinbringt, danach jedoch steckenbleibt. Jedoch ändert alles Lob und alle Wertschätzung, die man mehr als nur der Fairness halber äußern muss, nichts am bitteren Gefühl, gescheitert zu sein. Gescheitert an sich selbst, gescheitert daran, das Mögliche möglich zu machen, die reife Frucht zu pflücken. Auf ein Neues anno 2013/2014? Die emotionale Kraft des Fans für die Aufrechterhaltung des Glaubens schwindet umso stärker, desto häufiger und krasser eine Mannschaft, ein Verein Chancen liegenlässt. Was soll, was muss denn noch passieren, damit Eintracht Frankfurt mal den Arsch an die Wand bekommt? Leichter (von der Ausgangsposition und Konkurrenzsituation her gesehen) wird man nach Europa so schnell nicht mehr kommen. Und doch wird nächstes Jahr das ganze Umfeld genau diesen Schritt erwarten – weil das die aufgezeigte und propagierte Perspektive ist/sein soll.

Der Sturm, so scheint es, steht uns erst noch ins Haus. Irgendwann in der kommenden Saison, wenn klar wird, dass mit einem breiteren Kader am Ende auch „nur“ irgendetwas zwischen 8 und 12 realistisch sein wird. Wenn überhaupt. Ich wage nicht mal, vom schwierigen zweiten Aufsteigerjahr und den häufigen Negativentwicklungen im Zuge dessen zu sprechen. Noch läuft ja die Bundesligasaison. Noch sind 15 Punkte zu vergeben. Aber da der Trend Eintracht Frankfurt seit Monaten den Mittelfinger zeigt und die Leistungen zunehmend besorgniserregend sind, gibt es keinen Grund, noch auf Europa zu hoffen. Katapultiert der Zufall die Mannschaft doch irgendwie hinein, wird es niemanden geben, der sich nicht darüber freut. Aber aktiv daran glauben? Ich tat es bis zum Auftritt in Augsburg, doch nun bin auch ich ernüchtert. Wegen der Niederlage, vor allem aber wegen der durch Schiedsrichter und Fußballgott abgwendeten 5:0, 6:0 Klatsche, kurz: der „Leistung“. Und überhaupt: Wer solche Kicks auf den Rasen bringt, hat in Europa einfach nichts verloren. Schon gar nicht, um dann in Runde eins gegen Homved Kapalutschistan rauszufliegen und vorher schwer Geld investiert zu haben. Aber das bleibt uns ja offenkundig erspart.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Ein Abgesang

  1. na ich

    wir wurden von Hoffenheim vorgeführt? die waren doch vorm Spieltag 17. oder?

    aber geiler Beitrag.

    • Vorgeführt sicher nicht, wir taten uns gegen die damals sehr schwer. Wobei das ja auch egal wäre, zumal nach deren Trainerwechsel. So Spiele gibts halt. Aber es entpuppt sich halt zusehens alles als Etwas, eine Entwicklung, die in einem größeren (Negativ)Kontext stand und steht. Darauf wollte ich hinaus.

  2. Herr Schnitzelmann alias Einstein

    Diesem Kommentar ist gar nicht, aber auch wirklich rein gar nichts mehr hinzuzufügen! Auch wenn es sehr sehr weh tut, sich das als Fan der Eintracht druchzulesen, es ist leider die Wahrheit.
    Die Chance ist zum greifen nah, nur scheint es keiner der Adlerträger zu begreifen, dass man dafür auch rennen, beisen, kartzen muss!

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