Das Finale

So inflationär, wie in dieser Spielzeit von Schlüsselspielen gesprochen wurde, hat das Wort jede Schärfe, jede Brisanz und jeden Inhalt verloren. Man immer es gegen direkte Konkurrenten ging, so die Geschichte 2012/2013, fühlten sich viele bemüßigt von einem eben solchen zu reden. Und ein wenig Ironie steckt schon dahinter, dass das einzige wahre Schlüsselspiel der Saison am letzten Spieltag über die Bühne geht, ein Finale im wahrsten Sinne des Wortes ist. Das ganze noch gegen ein Team, das eben kein direkter Konkurrent war in dieser Saison.

In wenigen Stunden wird jedenfalls ein Spiel an- und 110 Minuten später abgepfiffen, das die Deutungshoheit über ein ganzes Fußballjahr festlegt; über Wochen, Monate, vielleicht Jahre. Rutscht die Eintracht heute aus den Europapokalrängen, ist die Saison von einem dunklen Schleier umhüllt. Die vertane Chance würde den gefahrlosen, überragenden Klassenerhalt und eine Top-Platzierung überstrahlen. Betonte Zufriedenheit wäre, bei allem Respekt für die Gesamtleistung der Mannschaft, angesichts dessen Fehl am Platz. Der Verein wird die PR-Maschine unabhängig vom Ergebnis anwerfen und in diese Richtung lenken. Legitim, aber nervig und schmerzhaft zugleich wäre das.

Krallt sich das Team jedoch an Rang 6 fest, wird über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte etwas Großes in der Erinnerung bleiben. Wie ich schon vor rund drei Wochen schrieb: Armin Vehs Meisterschaft mit Stuttgart ist von der Wertigkeit nicht viel höher einzuschätzen als das, was heute gegen 17.25 Uhr spruchreif sein könnte. In den vergangenen Tagen lag eine angespannte Atmosphäre über Frankfurt. Ist Wolfsburg ein dankbarer Gegner, wie viele meinen, oder einer der ungemütlichsten, den man sich vorstellen kann? Es ist wie immer im Leben: Optimisten und Pessimisten haben unterschiedliche Auffassungen, weil sie verschiedene Sichtweisen auf die Dinge pflegen. Die einen sehen die schwache, bestenfalls unbeständige Radkappen-Truppe aus der Hinrunde. Die anderen sehen den Wandel seit Dieter Hecking Trainer ist und schauen auf die VfL-Auswärtsbilanz (drittbestes Team der Liga). Dazu mengen beide Lager ihre Eindrücke aus dem Bremenspiel – die einen sehen den Punkt als wichtig und verdient, die anderen als nicht ausreichend und glücklich. Über die Leistung selbst ist man sich ebenfalls uneins: War das 30 Minuten schwach und 60 Minuten stark, oder 30 Minuten schwach, 15 Minuten stark und 45 Minuten Geplänkel? So richtig überzeugend, sattelfest und entschlossen bissig, so viel ist wohl Konsens, war der Auftritt in Norddeutschland nicht. Clever? Das kann man so sehen, obwohl die Interviews der Spieler nach Abpfiff durchaus unterschiedliche Analysen zulassen.

Aus all dem zieht jeder Fan seine Schlüsse. Aus all dem wurstelt er sich seine Gemütslage vor dem alles entscheidenden Spiel zurecht. 51 000 verschiedene emotionale Zustände in rot-schwarz werden wir erleben. Vieles werden wir unterschiedlich bewerten. Nur in einem Punkt werden sich alle einig sein: Reicht es nach Abpfiff irgendwie zu Rang 6, wird eine Welle der freudigen Erleichterung durch das Stadion und viele Wohnzimmer schwappen. Die Party kann beginnen – hoffentlich.

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