Magie des Moments

Wenn sich wildfremde Menschen in den Armen liegen, sie sich freudestrahlend anschreien, sich gegenseitig rütteln, schütteln, weinen: Dann ist Großes, Historisches geschehen. Die Eintrachtfans, die das Privileg genossen, die 90. Minuten im Stadion zu erleben, werden dies nicht vergessen.

Sekunden bevor auf dem Videowürfel das Ergebnis in Hamburg eingeblendet wurde, staute sich eine erwartungsfrohe Extase im Stehblock auf, die ihresgleichen suchte. Es waren vielleicht zehn Sekunden der Unruhe, des Rauschens, dann erschien die ellenlange Anzeige der Frankfurter Neuen Presse, die Zwischenstände präsentiert – und dann leuchtet das 0:1 für Leverkusen in Hamburg auf, Stefan Kießling als bester Frankfurter des Tages erzielte es. Was in den Sekunden danach auf den Rängen passierte, ist so in diesem Stadion noch nie dagewesen. Ein ohrenbetäubender, freudetrunkener Lärm brach sich Bahn, er führte wenige Sekunden nach der Nachricht sogar zum 2:2 – weil Wolfsburgs Verteidiger das Kommando seines Torwarts nicht hören konnte. Dieses Tor, die endgültige Entscheidung wurde gefeiert, ja, aber sie fühlte sich wie eine kleine Lärmspitze inmitten eines Jumbojet-Starts an. Die Emotionen hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon verselbstständigt, Tränen flossen den Fans die Wangen herunter, Schluchzen und Zittern waren in allen Blöcken zu hören, zu sehen. Oberhalb von Block 41 sprangen, fielen Zuschauer tanzend und kreischend die Treppen herunter – sollte sich jemand verletzt haben dabei, merkte er/sie es selber nicht, zu aufgeregt, zu gelöst und voller Adrenalin gepumpt war der Körper.

Mausetod, aufkeimende Hoffnung, Elfmetertor, Rote Karte, Abseitstor, Rückstand, Torwartwechsel, Aufholjagd, Europa: Es war das Ende eines Eintrachtspiels, wie es typischer für diesen Verein nicht sein könnte. Und die Erlösung wird sich bei keinem Verein der Welt in solchen Emotionsausbrüchen, vulkanartig, ihren Weg durch Körper und Geist suchen. Die Anspannung, die Ungewissheit, das Zittern, das Wissen, das nichts souverän, nervenschonend über die Bühne gehen wird  – welche Fangruppe kann schon nachempfinden, wie sich das als Dauerzustand, quasi als Markenkern des Vereins anfühlt?! Seine Siege zu schätzen wissen, diese Worte hingen vor wenigen Monaten als Banner im Stadion. Sie sind so wahr. Damals, heute, morgen. Und genau deshalb, weil man in der Vergangenheit so viele kleine und große Rückschläge erlitten, Chancen liegengelassen und Abstiege verkraftet hat, war, ist es so wichtig, auf Rang 6 eingelaufen zu sein. Unabhängig von dem, was nun in Richtung Europa Leauge passiert oder nicht.

Diese Entspannung kann man sich nun leisten, da eine Saison – zudem aus eigener Kraft – gekrönt wurde. Über 34 Spieltage war man nie schlechter als Position 6 – und das ist eine famose Leistung. Dabei sah alles danach aus, als würde das Team, wie befürchtet, verkacken. Denn sls Bastian Oczipka, der in der kommenden Saison nicht mehr viele Spiele von Beginn an absolvieren wird,  seinen dritten Stellungsfehler binnen 20 Minuten produziert hatte und Wolfsburgs Stürmer den Ball diletantisch per Vollspann an das Lattenkreuz nagelte anstatt die Pille mit der Innenseite zu schieben, hätte bereits alles vorbei sein können. 0:1, 0:2, Lattenschuss – selbst als Alex Meier, der nun hoffentlich endlich auch beim letzten Querkopf als DER Spieler Eintracht Frankfurts geschätzt wird – den Anschlusstreffer erzielte, Wolfsburg nur noch zu zehnt war … so richtig nahm dem Team das die Angst nicht. Die Anfangsphase der zweiten Halbzeit, als Linksverteidiger Oczipka endlich ausgewechselt war und Constant Djakpa – von dem jeder weiß, dass er als Hoffnungsträger eigentlich nicht taugt – die Seite dicht machte, durfte man wieder auf den Rängen an das Unmögliche glauben. Plötzlich war Zug im Spiel, Zugriff hatte man auf die Partie. Das Abseitstor von Marco Russ, es passte in die Phase, in die Gemütslage, es passte zu Eintracht Frankfurt.

Und irgendwann, auf dem Videowürfel erschienen stets Resultate, wurden Tore rund um Hamburg angezeigt, kroch das Spiel in Richtung Schlussphase. Dann türmte sich die Welle der Emotionen auf, die Erlösung griff um sich und die Fans spürten um die geschichtsträchtige Magie des Moments.

Danke Eintracht Frankfurt! Für eine Saison, für einen Saisonabschluss, der den vergangenen gut zwei Jahren würdig war. Wenn die nächste Saison solide gespielt wird, keine Negativspirale einsetzt, wird man behaupten können,dass der Abstieg in der Skibbesaison am Ende offenbar einem Zweck diente, den man vielleicht erst allmählich begreift.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Beiträge

2 Antworten zu “Magie des Moments

  1. Simme

    Hallo Björn, habe die letzte Saison häufig deinen Blog gelesen,da du spannend und an den richtigen Stellen auch kritisch schreibst.War selber schon länger nicht mehr im Waldstadion und hatte eben beim Lesen eine kleine Gänsehaut bekommen. In der Sky-Konferenz konnte man die Stimmung nur erahnen.Also mach weiter so und auf eine geile nächste Saison in Europa !…Gruß Simme

    • Hallo Simme, danke für das Feedback. Es freut mich, dass ich dir und dem einen oder anderen Leser etwas mitgeben kann. Ich will versuchen, weiterzumachen. Danke nochmal, die nächsten Texte sind bereits geschaltet 🙂

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s