Frust statt Furios

Drei Punkte gegen Hertha BSC Berlin wären es gewesen, die den August mit seinem Auftaktprogramm glimpflich hätten verlaufen lassen können. Man wäre, die Niederlagen gegen Bayern und Dortmund sowie Zählbarem aus Braunschweig einkalkuliert, zumindest nicht ganz unten nach vier Spieltagen – im Gegenteil, das Mittelfeld hätte gewunken. Perdu. Stattdessen das weitaus realistischere Szenario:  Die Umkehr der Vorsaison. Fruststart statt Furiosstart. Und dann, wenn das Torverhältnis nachhaltig geschädigt ist, kommt man vielleicht mal ins Grübeln was da zwichen Juni und August so alles schiefgelaufen ist. Fakt ist, dass etwas kolossal schiefgelaufen ist.

Es gab ja eine Woche vor Saisonstart einWarnsignal: Gegen den FV Illertissen er-quälte man sich ein 2:0. Man wandelte zwar nicht am Rand der Niederlage, aber einfallslos, lustlos, überheblich, bräsig trat man dort schon auf. Lehren aus dem Auftritt? Keine. „Hauptsache weiterkommen“ war die Devise. Durchwursteln. Diese Gefühlsgemengelage konservierte man exakt bis zum Spiel in Berlin. Möglichst wenig investieren, Punkte gegen den Aufsteiger mitnehmen und weiterziehen. Man ist ja Europa. Lauwarm wollte man es haben, da nervt es halt, wenn ein Gegner einem auf den Füßen steht und einen nicht das Bällchen schieben lässt. Das alles bietet keine Grundlage für eine Systemdiskussion – ob 442 oder 4231 – sondern für eine Einstellungs- und Willensdebatte.

Denn Hertha BSC Berlin hat nicht viel mehr gezeigt als die Basics dessen, was man von einem Sportler – da braucht es nicht mal die Vorsilbe Profi – verlangen muss: Einsatzwillen. Aus dieser Essenz ergiebt sich alles andere: Der Durst nach Zweikämpfen, der Hunger auf Kilometer, die Wachsamkeit, die Passpräzision. Und wenn dann ein fahriger Nullbock-Gegner dir gegenübersteht, schenkt man dem auch mal 6 Stück ein -und machen wir uns nichts vor: Wären es 10+ geworden, wäre das völlig in Ordnung gewesen.

Klar: Jeder, der selbst Fußball im Verein spielt oder spielte, weiß wie solche Grützespiele in der Regel ablaufen. Man bekommt aus welchen Gründen auch immer keinen Zugriff auf Spiel und Gegner, dann schießen die anderen ein Tor, zwei – man rennt an, versucht es, scheitert – immer und immer wieder. Den anderen gelingt scheinbar alles, man selber bekommt nicht mal das Gras aus dem Boden gezupuft und ratz fatz hat man 4,5,6 Eier im Nest. Aber: Diese Partie lief nicht so. Die ersten zehn Minuten war das in Ordnung, die Eintracht war durchaus in der Kontrolle. Bis plötzlich die Stellungsfehler zunahmen. Russ, Zambrano, Oczipka – dazu ein Pirmin Schwegler, der bestenfalls unsichtbar über den Platz schlenderte. Dazu die alles andere als neue Erkenntnis, dass Alexander Meier in einem Rautensystem verschenkt ist. Der Rest, die Quittung all dessen steht auf der Anzeigetafel.

Und die Alarmsirenen müssen schrillen, laut, kreischend laut. Man kann Dinge nie zu früh in Frage stellen, diese Lehre muss nach der elenden Skibbe-Zeit in Frankfurt herrschen. Denn es gab 2010/2011, der Saison, die Eintrachtfans auf ewig in den Gliedern hängen wird, durchaus Frühwarner. Nicht die notorischen Schreier, die nach einer Niederlage gleich den Abstieg orakeln und jedem Spieler die Qualität absprechen. Nein, es waren damals Leute darunter, die nah an der Mannschaft sind. So nah, wie es ein Fan eben sein kann. Regelmäßige Trainingsbeobachter, Menschen, die den internen Buschfunk hören/hören können. Die Zweifler wurden damals abgebügelt. Immer wieder wurde, selbst als die Spielweise wochenlang schlimmer, die Ergebnisse mauer wurden, auf den vorherigen Erfolgsweg verwiesen. Der Glaube daran, dass alles wieder gut werden würde, so, wie es mal zwei, drei Monate lang war, wirkte so stark, dass jeder Gedanke an das Abrutschen als Nestbeschmutzung getadelt wurde. Bis es zu spät war, das Ruder sich nicht mehr herumreißen ließ. Damals dauerte der Erkenntnisprozess Monate, viele hatten die Punkte aller Niedergangs-Anzeichen selbst nach dem Abstieg noch nicht verbunden. Die laxen Trainingseinheiten, die auffallenden Fitnessmängel, die spielerische Eindimensionalität, die Grüppchenbildung im Team – nur wenige Faktoren, die manche ansprachen, viele verschwiegen oder übersahen. Das alles ist Vergangenheit, der Verein hat sich gewandelt. Aber, und das ist ein großes Aber: Wir alle, Fans und Journalisten, müssen unliebsame(re) Fragen stellen nach dem Erlebten. Und zwar müssen wir das jetzt tun, am Anfang einer Entwicklung, die keinem gefallen kann. Rücksichtslos.

Man wird, das zum Thema unliebsame Fragen stellen, dann vielleicht auch mal nachbohren müssen, wie das denn mit der Transferbilanz so aussieht. Etwa die grundsätzliche Frage stellen, wieso man die seit Monaten erkennbaren Schwachstellen im Team 2013/2014 derart fahrlässig ignorierte, dort sicher nicht angemessen, bestimmt nicht konsequent genug handelte? Linksverteidigung und Sturm, auch Innenverteidigung – zumal man den zuletzt ans Mittelfeld gewöhnte Marco Russ als Sechser einzusetzen gedachte. In die Breite zu investieren war, was Johannes Flum und Jan Rosenthal angeht, sinnvoll, notwendig. Aber dahinter? Dort liest sich alles wie  Füllmaterial, um es böse auszudrücken. Ein zweiter Stefano Celozzi (Stefan Schröck), zwei Notkäufe (Joselu/Marvin Bakalorz) und ein Ersatztorwart (Felix Wiedwald). Plus das schon lächerliche Gezocke um jenen Vaclav Kadlec, der diese Fülle an Baustellen alleine gar nicht schließen könnte, selbst wenn er Edin Dzeko 2.0 wäre. Es könnte sich herausstellen, dass man nicht so sehr die falschen Leute, sondern Spieler für die falschen Positionen geholt hat.

Es ist zwar absolut unsinnig nach dem ersten von 34 Spieltagen die Apokalypse auszurufen, den Abstieg schon als eingeschlagenen Weg anzusehen. Jedoch wäre es töricht nach dieser Klatsche, diesem spielerischen Offenbarungseid vorne wie hinten – zumal gegen einen (ja, ich sage es) Mitkonkurrenten -, auf das Prinzip Hoffnung zu setzen. Das klappt bereits seit Jahresbeginn nicht, siehe Rückrunde. Noch steht in der Bundesliga „nur“ eine Traumhinserie – und die ist eine schöne Erinnerung, mehr nicht. Und Erinnerungen und Rückbesinnungen bringen keine Punkte. Und von denen muss es im August mindestens drei, eher vier geben. Ansonsten sieht man die Lichter des angestrebten gesicherten Mittelfelds schnell von hinten, von ganz hinten. Die Welle des Erfolgs, die uns ab August 2012 zur Topsaison spülte, könnte uns nun ganz leicht überschwemmen.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Frust statt Furios

  1. Herr Schnitzlmann

    tja, nachdem ich gesehen habe, wie die gegen Illertissen schon heillos überfordert waren und keiner wirklich bock gehabt hat, schneller als 3 km/h zu laufen, wurde mir schon ganz schlecht wenn ich auch nur an Berlin dachte. Dass man aber dermaßen lustlos u. arrogant auftreten würde, dass hat mich dann doch überrascht. Aber kein Wunder, man glaubt in Frankfurt nun ehrlich, dass man zu den größeren gehört. Komischerweise geht man dann davon aus, dass man Spiele allein deswegen gewinnt, weil man eine gute Saison gespielt hat. Dass der Gegner dann vor lauter Angst, man könne ihm den Ball abnehmen, den Ball schon von ganz allein hergibt.
    Das Gegenteil ist eingetreten, Berlin hat nicht überragend gespielt, die Eintracht hat einfach nicht mitgespielt.
    Unglaublich, so ein Leistung ist einfach unglaublich.
    Aber ich kenn ne Lösung, man sollte mal in Hoffenheim schauen, ob nicht einer aus der Abwehr ausgemustert wurde, denn könnte man einfach verpflichten und den Leuten dann erzählen wieviel ungenutztes Potential in ihm steckt. Was anders fällt mir auch nicht ein!

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