Die Mär von der Überlegenheit

Ein großes Missverständnis in der derzeitigen Situationsanalyse von Eintracht Frankfurt kursiert. Und aufgrund dessen droht es sich an, dass falsche Schlüsse gezogen werden. Es handelt sich um den Pech-Konsens, die Behauptung man sei schon so oft die bessere Mannschaft gewesen, habe aber trotzdem die Punkte nicht geholt. Was sympathisch klingt und auf den ersten Gefühlsblick richtig erscheint, ändert sich bei der Reflexion der einzelnen Partien.

Lässt man den August, also das Debakel in Berlin, die durchaus starken und unglücklichen Auftritte gegen Dortmund und Bayern sowie den souveränen Braunschweig-Sieg weg, erhellt sich manches. Gegen Werder Bremen profitierte die Eintracht von einem frühen Platzverweis, spielte die Partie gegen einen überdies eher mauen Gegner alles in allem ähnlich souverän zuende wie gegen Braunschweig. Das ist, trotz der Relativierung mit der Roten Karte nicht wegzudiskutieren. Im Nachklang des Kräftemessens mit Stuttgart kann man von einem spielverlaufsgerechten Remis sprechen, wobei schon dort die Waage eher zugunsten der Schwaben ausschlug.

Die Überlegenheits-Mär beginnt mit dem Hamburg-Spiel, das aber sinnbildlich für die Kopfprobleme steht bzw. in vielen Augen den Ausgangspunkt für die Kopfkrise markiert. Bis zum Eckballgegentor in der 45. (+3) Minute war die Eintracht das eindeutig bessere, aktivere Team. Das änderte sich im Laufe der zweiten Durchgang. Da schlief spätestens nach dem zügigen 2:1 Führungstor (54. Minute) vieles ein. Im Rückblick kann man sich zu der These durchringen, das in diesem Spiel erstmals die – vom Konditionstrainer der SGE (!) weggewischten – Konditionsdefizite aufblitzten. Das 2:2 war die Folge eines mindestens 10, 15 Minuten andauernden HSV-Drucks, einer Umklammerung von der sich Frankfurt nie lösen konnte – obwohl bis zum Ausgleichstor (86. Minute) Kevin Trapp im Tor selten eingreifen musste. Das eigene Offensivspiel erlahmte jedoch schon nach gut 65, 70 Minuten. Der Außenstehende dachte: Gegner kommen lassen, auf Konterspiel setzen, Deckel draufschrauben. Geschah aber nicht. Nichts davon. Die Spieler wurden sichtbar müder, jedenfalls fiel die Leistung Mitte der zweiten Halbzeit sichtbar und kollektiv ab (Auswechslungen in der 73. und 88. Minute). Es folgte die Partie in Freiburg, das wohl eine andere, vielleicht auch langfristige Wendung genommen hätte, wenn Vaclav Kadlec eine seiner drei 100%igen-Chancen verwertet hätte. Hätte – Konjunktiv. Fakt ist, dass die Eintracht mit Ausnahme dieser Abschlüsse nichts Zwingendes auf den Breisgauer Kasten brachte, dass die Vorwärtsbewegung von Minute zu Minute mehr eingestellt wurde. Dann das Eigentor, danach nur noch Freiburger Offensivmarsch. Am Ende hatte man mächtig Glück, dass die Gewaltangriffe des SCF nur zu einem (strittigen) Gegentor führten. Jedenfalls ist dieses Remis auch eines gewesen, das durchaus in Ordnung ging, wo man nicht zwingend die bessere Mannschaft war, wo man schon gar nicht von liegengelassenen Punkten sprechen kann. Für Nürnberg gilt in etwa dasselbe. Manierlich, passabel, okay gespielt – aber doch nicht wesentlich besser als der Kontrahent. Schon gar nicht nach der eigenen Führung, umso weniger nach Anbruch der 60. Minute. Im Fünfminuten-Takt nahmen die Bemühungen, zu Abschlüssen zu kommen, ab. Bis gar nichts mehr davon übrig war, dafür aber weitaus mehr Franken-Drang. Die logische Konsequenz: ein abermals durchaus nicht unverdientes Unentschieden. Über die Spiele gegen Mönchengladbach, wo man offensiv wie defensiv heilos unterlegen war und Wolfsburg, deren Trainer die unserigen ja sogar auf das kalkulierbare kräftemäßige Einbrechen hinwies, muss man nicht sprechen. Zu klar waren die spielerischen bzw. taktischen Vorteile beim Gegner. Und dann kam Mainz, ein Spiel, das der Gegner – mit Ausnahme des Meier-Lattentreffers nach 2 (!) Minuten – vor der Schlussphase für sich entscheiden kann. Kevin Trapp musste mehrfach stark parieren, sonst wäre die Partie schon weit vor der 88. Minute entschieden gewesen. Weil nachzusetzen hat die Eintracht nichts mehr. Weder in der 89., noch in der 75., 70. oder 65. Minute.

Wenn es nach einer Stunde nicht mindestens 2:0 für Frankfurt steht, mit welchen Torabschlüssen auch immer das gelingen soll, kann es mit Punkten nichts werden.  Jetzt kann man trefflich darüber diskutieren, ob man von liegen gelassenen Punkten, von der Behauptung der besseren Mannschaft alleine deshalb sprechen kann, weil man führte, weil man späte Gegentore kassierte. Oder aber ob man die Spielverläufe differenzierter sehen muss, dementsprechend die Leistung der Eintracht nüchtern mit denen der jeweiligen Kontrahenten vergleichen muss. Das ist am Ende ein Stück weit eine Glaubensfrage.

Die Frage, die mich treibt ist: Wann setzten die Kopfprobleme, die nun von Experten herausgearbeitet wurden, ein? Denn prinzipiell hat sich an den spielerischen Auftritten der Eintracht wenig geändert. Offensiv ist da seit Wochen schon nichts mehr, defensive Anfälligkeit ist aufgrund des Dauerdrucks die logische Konsequenz. Das versuchte ich aufzuzeigen, das ist meine These. Und weil das so ist, glaube ich an die Heilsamkeit der harten Arbeit, der Mehrarbeit, des Immer-mehr-als-die-anderen-wollens. Jedenfalls tue ich mich äußerst schwer mit dem Glauben an eine mentale Krise. Natürlich spielt das rein, aber der Kopf ist nicht der Auslöser für den seit Wochen zu beobachtenden Niedergang. Zumindest war erst die Schludrigkeit, erst der Kraftmangel da – irgendwann, als den Spielern dämmerte dass sie deswegen unterlegen sind und es an den Ergebnissen und Spielverläufen sahen, gesellte sich ein schmerzender Kopf dazu. Ob man daher nun nicht den Bock zum Gärtner macht indem man am Symptom, nicht an der Ursache arbeitet, das ist mein Hauptbedenken.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Die Mär von der Überlegenheit

  1. Pingback: #Link11: Proppenvoll | Fokus Fussball

  2. Herr Schnitzelmann

    Wenn ich mir anschau, wie in der NBA alle 2 – 3 Tage gespielt wird, die Teams dafür mal schnell von Boston nach Miami fliegen, und trotzdem Leistung bringen können, dann ist dass, was man in Frankfurt wegen den 4 Extraspielen gerade abzieht, dermaßen Heulsuse, dass ich mich echt frag, warum die harten Kerle, die sie gern wären, zwar jede Menge Zeit haben, sich den kompletten Körper zutätowierenzu lassen, aber wohl keine Zeit haben, um mal ne Extraschicht nach dem Training zu fahren. Meier natürlich ausgenommen!

    Alles schön nach dem Motto: „Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, dann ist die Badehose schuld!!!“

    Einfach lächerlich, Fussballprofis sind mit die verweichlichsten Milliönäre die man sich vorstellen kann! Nen Arsch voll Kohle aber zu faul um sich selber die Schuhe zu binden.

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