Respekt, ihr Nachbarn

„Mainz wird es schwer haben, an Frankfurt heranzureichen. Wir haben strukturell bessere Voraussetzungen als Mainz. Das schlägt sich in der Tabelle nicht in jedem Jahr nieder, aber tendenziell schon“, sagte Bruchhagen im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ und bekam in seiner Einschätzung die Zustimmung von Christian Heidel, Manager von Mainz 05: „Wir arbeiten daran, uns anzunähern. Aber wir werden die Eintracht wirtschaftlich nie einholen können.“

Dieser Auszug aus einem Interview stammt aus dem Dezember. 2009.

Vier Jahre und wenige Wochen später steht der Transfer von Ja-Choel Koo von Wolfsburg zu Mainz 05 (Volumen rund drei Millionen Euro) sinnbildich für den Überholvorgang, den der FSV hingelegt hat. Ja, sie haben, pardon: hatten es schwer, die Mainzer. Und doch haben sie es geschafft. Scheinbar mühelos, wenn man sich die Nicht-Abstiegsnöte des FSV in den vergangenen Spielzeiten vergegenwärtigt.

Prompt ist Eintracht Frankfurt, das sich immer schon für mehr wert, für überlegen, für besser hielt als so manch anderer Klub, von dem nächsten Konkurrenten eingeholt worden. Die Hybris, die auch ein geerdeter Heribert Bruchhagen nur phasenweite vertreiben konnte, hat keine Grundlage. Apropos Bruchhagen: Sobald er sich mal auch nur zehn Zentimeter aus dem Fenster lehnte, wie etwa in diesem 2009er-Interview, lag er mit seiner Entwicklungs-Prognose daneben. Erinnert sei an die Aussage von vor der aktuellen Saison, die Eintracht habe Werder Bremen hinter sich gelassen und befinde sich etwa mit Stuttgart bald auf Augenhöhe. Die Punktabstände in der Tabelle sind noch überschaubar. Und doch muss man als Eintracht-Fan recht verschämt zu Boden schauen, wenn man solche Sätze hört.

Eintracht Frankfurt – das ist vielmehr so etwas wie der VfL Bochum 2.0 geworden. Mal in der Bundesliga, scheinbar etabliert, dann abgestiegen. Mainz ist indes vom belächelten Pseudo-Derby-Kleinverein zum großen Bruder, zum Vorbild, zum good-practice-Beispiel geworden. Aus der Zwangslage, mit überschaubaren Mitteln gut und effektiv auskommen zu müssen, macht Mainz weitaus mehr als Überlebenskampf Spitz auf Knopf. Eine Gesamtstrategie liegt dem zugrunde, Trainer Thomas Tuchel – dieser ekelhaft erfolgreiche Unsympath – und Manager Christian Heidel haben einen Plan, verfolgen diesen. Es werden sinnvolle, auf das System, auf die Strategie, auf die sportliche Herangehensweise bezogene Einkäufe getätigt. Es werden junge Spieler einbezogen, aufgebaut, eingebaut, verkauft. Mittlerweile ist selbst ein Stefan Bell, der in Frankfurt keinen Zeh zu Boden brachte und auch keine Chance erhielt, im Profiteam vollwertig angekommen.

Natürlich kann man – zurecht – darauf verweisen, dass der Überholvorgang FSV/Eintracht mit Transfererlösen zutun hat. André Schürrle sei nur genannt. Aber an wen soll das ein Vorwurf sein? Die Mainzer bilden die Spieler, die sie erst sportlich, dann finanziell nach vorne spülen, eben auch aus. In der eigenen Jugend oder eben als Anfang-20er von anderswo transferiert erhalten sie ihre Chancen in der Bundesliga. Und, in Frankfurt glaubt man es kaum, die Leute nutzen ihre Chance. Vielleicht nicht im ersten, zweiten, dritten Spiel. Aber über die Saison gesehen. Nicolai Müller, mittlerweile Nationalspieler, wird Mainz die nächsten zig Millionen einbringen, wenn er denn verkauft werden würde. Shawn Parker wird in der nächsten Saison ein Kandidat für den Durchbruch sein. Im Tor kündigt sich Loris Karius als ein Nachrücker an. Kein Verein braucht drei, vier, fünf dieser Spieler-Kategorie pro Saison. Einer kann schon reichen, um den Verein auf zwei Jahre recht sicher über die Erstligarunden zu bringen. Abermals gilt: sportlich und finanziell.

„Wir bräuchten halt auch mal so einen Krachertransfer“ – hört man im und ums Stadion häufig genug. Seit Jahren. Doch Fakt ist: Die Eintracht ist Lichtjahre davon entfernt, einen Spieler dieser Kategorie(n) zu besitzen. Sebastian Rode, an dem man sich devot festklammerte anstatt Geld für ihn zu verlangen, wechselt letztlich für 0 Cent zu Bayern München, dem finanziell potentesten Verein Deutschlands. Selbst für den, den vorgeblichen Eintracht-Edelstein hätte niemand eine schürrleske Summe bezahlt. Vielleicht vier Millionen Euro – das wäre eine realistische Maßeinheit gewesen. Für die Eintracht wäre schon das der Rekordtransfer der vergangenen wie viel Jahre?! Wer soll es denn sein in Frankfurt, mit dem man in den kommenden ein, zwei, drei Jahren Summe X erzielen könnte oder wollte? Sebastian Jung? Unabhängig der von Klausel-König Bruno Hübner offengehaltenen Hintertüren würde auch der Rechtsverteidiger keinen Euro-Quantensprung versprechen. Auch so irgendwas um die vier Millionen Euro +/- könnte man da, bei Klassenerhalt, im Optimalfall erwarten. Im Prinzip bliebe nur Carlos Zambrano, für den diese scheichgepemperten englischen Vereine sicher die eine oder andere Millionen über Marktwerkt hinlegen würden. Da könnte mal eine veritable Summe, sechs, sieben, acht Millionen zu holen sein. Mit dem Unterschied, dass weit und breit keiner wäre, der den Peruaner auch nur im Ansatz ersetzen könnte.

Und die Jungen? Da wird es richtig finster. Kittel? Dudda? Wille? Hien? Wie man es mit Marc-Oliver Kempf hält, ist ja eindrucksvoll klar geworden in der Winterpause. Und Luca Waldschmidt, der angeblich ebenfalls so hochtalentierte Mittelfeldmann, dem hat man nach dessen Kritik an der ihm vermittelteten Chancenlosigkeit in Richtung Profiteam gleich mal die Trockenrasur gegeben.

Dem kreuzbandgerissenen Marc Stendera bietet man jetzt immerhin – ganz filantropisch – einen langfristigen Vertrag an. Aber bis auf ein paar angstfreie und bei Standards überzeugende Auftritte hat man da noch keinen Anhaltspunkt für eine Prognose.

So kann man das jetzt Profi für Profi, Amateur für Amateur durch-theoretisieren. Zum x-ten Mal schwirrt mir daher der Satz von Eintracht-Jugendleiter Armin Kraaz durch den Kopf. Der sagte zu Journalisten, man könne die Top-Talente gar nicht mehr in Frankfurt halten, die würden rund um die B-Jugend / A-Jugend zu anderen Klubs abwandern. Sie sähen anderswo bessere Chancen, auch mehr Geld. Klar, man muss als Verein, als Eintracht nicht jeden Stuss mitmachen, nicht jeden Betrag bieten und betteln, dass ein Teenager weiter schwarz-rot trägt. Aber wenn man merkt, dass die Nachwuchsspieler, die man als die besten Leute aus der Jugend zu den Profis schickt, im Vergleich eben nur die B- und C-Ware sind … dann läuft irgendetwas sehr verkehrt. Das ist jedenfalls ein Erklärungsversuch dafür, wiesoMarco Russ (!) und Patrick Ochs (!) für je drei Millionen Euro (!) die Top-Transfers von Eintracht Frankfurt waren und sind (Wolfsburg kaufte die übrigens. Womit sich der Invesotren/Scheich-Kreis und die damit verbundenen Mondpreise schließen)

Wie auch immer man es dreht: Wenn Mainz 05 es schafft, aus einer finanziell wie sportlich sicher nicht einfacheren Position heraus, mindestens auf Augenhöhe mit Eintracht Frankfurt zu sein, wenn der SC Freiburg nur durch Ausverkauf Zentimeter hinter der SGE zu halten ist, wenn selbst der FC Augsburg zum Sprung ansetzt, kommt man nicht um die Analyse herum, dass Eintracht Frankfurt große strukturelle Probleme hat.

Und nein, die hängen nicht nur mit der Stadionmiete zusammen, die so hoch ist wie nirgendwo sonst. Man sollte ja von einem Verein aus der Europastadt, von einer Weltmetropolen-Geburt etwa erwarten können, die Einnahmeseite – unabhängig von den lukrativen Fernsehgeldern – zu verbessern. Aber man hielt ja auch lieber jahrelang an Jako, dem Aldi unter den Trikotherstellern, fest. Ein bisschen mehr darf es nach all den Konsolidierungsjahren bald mal sein. Das ist mit Sicherheit kein Plädoyer für eine Rückkehr zur Ära Ohms/Hölzenbein und Co. – nur die Struktur-Stagnation muss mal ein Ende haben. Denn wenn 50+1 bald erstmal offiziell fällt, hebt die Flut die Boote so hoch über die SGE hinweg, dass diese ihre vielen Baustellen wegschwimmen sieht bevor der Spatenstich gesetzt ist. Das kann von uns Fans ja wirklich niemand wollen.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Respekt, ihr Nachbarn

  1. Adlerschnabel

    @Anonym
    Auch das Publikum und sein Karneval-Image ist in Mainz konkurrenzfähiger. Die rheinischen Frohnaturen haben gegenüber den Eintracht-Hools auch hier die Nase vorn. Die Eintracht-Hools werden nach meinem Eindruck vom Eintracht-Vorstand schlicht in Watte gepackt. Vermutlich weil die Schnittmenge mit den für den „Support“ zuständigen Ultras, die mit ihren Choreos und dem „Support“ für einen Großteil des Publikums, insbesondere auch für die Business- und Logengäste, vielleicht wichtiger als das Geschehen auf dem Rasen sind, zu groß ist. Und einen vernünftigen Dialog, einen direkten Draht des Vorstands zu den Hools gibt es, wie du richtig schreibst, nicht. Auch das ist in Mainz wohl anders. Die Eintracht-Führung zahlt dann offenbar lieber zähneknirschend die Strafen und nimmt den Imageverlust hin, anstatt wesentlich mehr Einflussnahme auf diese Fans zu versuchen und stärker und direkt mit ihnen zu kommunizieren. Hinzu kommen Figuren wie Fischer, der mit seinen handfesten Erlebnissen im Stadtwald schon im HR-„Heimspiel“ prahlte und an den früheren Halbwelt-Anhang erinnert, aber von einem Großteil der Fans geliebt wird. Dieses Image, gegen das auch ein HB nicht ankommt, weil auch der nicht wirklich mit diesem Teil der Basis kommunizieren will, führt zusammen mit den Hools im Ergebnis zur Zurückhaltung der Banken und anderer finanzkräftiger Dienstleister in Frankfurt, die von ihrer Vertrauenswürdigkeit leben und mit Hools, Randalierern, Zündlern und Halbwelt nicht in einen Topf geworfen werden wollen.

  2. Jermaine Jones Junior

    Ob Nike (mit geschätzen 3 Mio Euro ggü. JAKO mit 1 Mio Euro) den Braten nun fett macht, wage ich zu bezweifeln. Mainz wird es tatsächlich weiterhin schwer(er) haben als wir, wenn man Stadiongröße, Anzahl der Mitglieder, Sponsoreneinnahmen und Vereinskultur/Tradition (interessant aus Marketing-Sicht) zum Vergleich ansetzt. Der Mainzer Erfolg basiert darauf, dass die Vereinsstrukturen kleiner und daraus folgend flexibler, zugleich auch schneller sind als die unserer. Wenn man weiterhin noch die Erwartungen des Mainzer Umfelds in Betracht zieht – die weitaus niedriger sind – erscheint nun mal jedes Ergebnis (Platz 15 oder besser) positiv („Mainz, wie es singt und lacht“). Nicht alles was glänzt ist Gold.

    • Angesichts dessen, was du über die Strukturunterschiede, die Vorteile Frankfurts schreibst, macht es das Urteil über die Eintracht ja noch vernichtender. Wären die Voraussetzungen derart viel besser, so kommt man ja nicht umhin festzustellen, dass man in Frankfurt daraus nichts, sicher aber viel zu wenig macht.

      Davon abgesehen: Seit ich in den 80ern Fan der SGE wurde, habe ich diese Diskussion ob der vermeintlichen Stärken – Wirtschaftskraft, Einzugsbereich etc. – schon X Mal gehört und mitgemacht. In mehr als einem Vierteljahrhundert ist es nicht geglückt, diese angeblichen Standortvorteile zu etwas zählbarem zu formen. Es bleibt alles Theorie. Es ist doch viel mehr so, dass wir absteigen, aufsteigen, absteigen, aufsteigen – in welchem Turnus auch immer.

      Fakt ist, dass Mainz – glänzendes Gold hin oder her – besser arbeitet. Sie machen aus wenig(er) (viel) mehr. Erwartungen des Umfelds spielen da eine vorgeschobene Rolle. In Frankfurt erwartet doch heutzutage auch niemand, der halbwegs klar im Kopf ist, mehr, dass man in die Top-6, ach, in die Top-8 gehört, als Abo sozusagen. Mittelfeld als Maximum, mit einem Nadelstich nach oben alle paar Saisons, das hat sich doch schon durchgesetzt als Höchst-Erwartungshaltung.

      Ich würde wirklich gerne mal über die Strukturen sprechen. Nehmen wir doch mal das, was da gestern passiert ist auf der Mitgliederversammlung des Vereins (nicht AG!). Da spricht sogar einer von Professionalität eines Taubenzüchtervereins. Und in diesem strukturellen Feld, so leid es mir tut, sehe ich arge Probleme bei der Eintracht.

      • Anonymous

        Keine Mannschaft in der 1. Bundesliga schöpft sein wirtschaftliches Potential aus. Auch nicht der FC Bayern (später Eintritt in den US-amerikanischen und asiatischen Markt, Merchandising gut, aber ausbaufähig, Hoeneß-Prozess wg. Steuerbetrug). Eintracht Frankfurt wird auch in den nächsten 10 Jahren seinen Standortvorteil nicht nutzen. Das hat (leider) gute Gründe. Grund 1: Ein Global-Player wie die Deutsche Bank wird und kann sich nicht mit einem regionalorientieren Club wie Eintracht Frankfurt identifizieren. Bis Eintracht Frankfurt regelmäßig international, idealerweise Champions League spielt, bedarf es viele, sehr viele Jahre, bis die Mannschaft sportlich reif, gewachsen und stabil genug ist. Grund 2: Eintracht-Hooligans. Ein gutes Marketing und Sport-Sponsoring setzt voraus, dass der Sponsor im Einklang mit den „Konsumenten“ (hier: die genannten „Fans“) steht. Leider ist das noch nicht der Fall. Am Anfang der Saison gab es einen ersten positiven Trend, der in Bordeaux wieder einmal gestoppt wurde. Auch da fehlt es an geeigneter Kommunikation zwischen Eintracht-Vorstand und der Basis. Wo wir nun zu den Kompentenzen kommen.
        …Eigentlich wollte ich jetzt eine lange Ausführung starten 😉 aber ich fasse mich kurz: Es fehlt einfach überall an geeigneten Managern für Medien, interne und externe Kommunikation sowie Nachwuchsförderung. Aber wenn es beim FC Bayern schon nicht optimal läuft… Irgendwie glaub ich, dass überall in der Bundesliga Leute im Vorstand sitzen, die ihre Taschen voll machen wollen und absolut keine Ahnung über Unternehmensführung haben

  3. carnevalmz

    Sehr gut geschrieben und auch richtig analysiert.

    Vor etlichen Jahren habe ich noch die Personalpolitik der Eintracht bewundert, als man mit Alex Meier, Stefan Lexa und anderen gute Spieler aus der 2. Liga holte (die ich gerne bei Mainz 05 gesehen hätte) und ansonsten auf den Nachwuchs setzte (Russ, Ochs), anstatt wie zuvor teure Millionen-Flops aneinander zu reihen. Auch dass man nach dem Aufstieg mit Aigner, Inui und Occean quasi die Elite der 2. Liga mit in die Buli nahm, war sehr lobenswert und auch mit Erfolg gekrönt.
    Zuletzt wundere ich mich aber immer häufiger, und zwar darüber, dass man nicht der Jugend vertraut und somit der Konkurrenz gute Spieler überlässt. Auch Mainz 05 hat davon schon so oft profitiert. Etliche Stammspieler der 05er waren zuvor in Frankfurt gewesen: Nicolai Müller, Jan Kirchhoff, Daniel Gunkel, Mimoun Azaouagh, Toni da Silva, Christian Demirtas und vor allem Michael Thurk waren für die Eintracht nicht gut genug und brachten uns Mainzer dorthin, wo wir jetzt stehen. Selbst Jürgen Klopp war früh in Frankfurt (als Spieler allerdings) durchgefallen.

    Mit ein wenig mehr Geduld und guter Arbeit mit den jungen Talenten könnte Frankfurt auch diese Transfererfolge haben, die Mainz 05 wirtschaftlich voran brachte.

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