Der arme Thor

Die Trennlinie der neuerlichen Bewertungen verläuft exakt an dem Punkt, wo man das Spiel singulär betrachtet oder aber es in den Kontext des Saisonverlaufs einbettet. Die einen betonen Bayerns (unbestrittene) Stärke, die anderen verweisen auf das angesagte Abschenken.

Unabhängig davon, ob es mit Zambrano und Rode besser – heißt: eine normale Niederlage 0:2, 0:3 – gelaufen wäre, ist es die Einstellung und Arbeitsauffassung von Trainer und Spielern, die man hinterfragen sollte, nein, die man hinterfragen muss. Ja, man kann gegen Bayern München auch 0:5 verlieren. Man hätte es auch 0:8, 0:9 verlieren können. Auch das ist alles an sich noch nicht mal verwerflich. Aber die devote Aufgabehaltung von Beginn an, das passive, das kraft- und mutlose Abgewarte, die Herangehensweise „nur irgendwie überstehen“, ist nicht professionell. Es ist unwürdig, dafür auch nur einen Cent Gehalt zu kassieren, geschweige denn die sechsstelligen Summen, die im Eintrachtkader jeder erhält. Ich habe das exakte Ergebnis und die Gefühlslage jedenfalls schon vor Tagen vorhergesagt (siehe letzter Abschnitt).

Es ist nicht populistisch zu fragen, was unser einem blühen würde, wenn er so eine Nullbock-Haltung an den Tag legen würde. Mal ein ganz praktisches Beispiel aus dem Journalisten-Alltag. Nehmen wir einen Sonntag Ende September 2013. Da war Bundestagswahl, Landtagswahl in Hessen und Landratswahl im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Drei Top-Ereignisse an einem Tag, und erst ab 18 Uhr – den ersten Prognosen – kann man wirklich anfangen zu arbeiten, zu produzieren. DAS ist Stress, liebe Leser. Binnen sechs Stunden 50, 60 Zeitungsseiten halbwegs sinnvoll, aktuell und fehlerfrei ins Ziel zu bringen, das ist anstrengend. Und Spaß macht das auch nicht. Man könnte sagen, bisweilen überfordert das den Menschen. Die Überlegenheit der Themenvielfalt gepaart mit der Beschränktheit des eigenen Könnens sind wirklich alles andere als angenehme Vorzeichen für so einen Tag. Und doch hat sich jeder der Aufgabe gestellt, stellen müssen, und es kam etwas Passables dabei heraus. Es gab ein paar Rechtschreibfehler, es schlichen sich Formulierungsfehler ein, das Layout war manchmal nicht das Edelste – man hat es versucht, man hat es geschafft und kann trotz aller Fehler sagen, dass es okay war. Bezogen auf die Eintracht: Wer kann, wer darf das nach diesem Auftritt in Fröttmaning behaupten? Kevin Trapp außen vor gelassen.

Alles egal. Die Front verläuft dort, wo die Ewig-Aufschieber („nächste Woche wird es besser“ / „Mund abputzen“) auf die Alarmierer („seit Anfang 2013 läufts mies“ / „Scheiß-Stürmer“) treffen. Sicher, der Fairness halber muss man darauf verweisen, dass Teams wie Bayern, Dortmund und Leverkusen (vor der Winterpause) nicht unsere Kragenweite sind, dass die entscheidenden Spiele die gegen Braunschweig, Freiburg, Hamburg, Bremen – alle in nächster Zeit – sein werden. Doch bricht sich hier die Welle des Glaubens: Angesichts der spielerischen Offenbarungseide, die Eintracht Frankfurt seit Monaten (!) liefert, ist es doch reine Esoterik an zwölf Punkte aus diesen vier Spielen zu glauben (Summe, Stand jetzt, wären das 30 – also immernoch zwei Siege zu wenig). Was gibt Anlass überhaupt daran zu glauben, dass diese Mannschaft in dieser Verfassung zu einem Sieg gegen beißende, nun auch spielerisch auf der Höhe befindliche Braunschweiger siegen könnte? Wo sind die  Großchancen, die Kombinationen, auf die man verweisen könnte? Wann gab es sie zuletzt? Gegen Hertha gab es sie nicht, gegen Augsburg in der Hinrunde nicht, gegen Leverkusen nicht … Wo? Wann? Wie? Wer? Es stellen sich derart viele Fragen grundsätzlicher Natur – und da ist nicht das Bayernspiel der Auslöser – , dass es einfach schwerfällt auf unsere Eintracht zu setzen am kommenden Samstag.

Sie kicken hundsmiserabel, wenn sie angstbeladen auf dem Platz stehen. Sie kicken hundsmiserabel nach einem Sieg. Wie oft war denn jetzt schon von einer Befreiung, einer Erleichterung die Rede? Sie haben ihre Spiele ja gewonnen – wenn auch gegen die Kellnerauswahlen in der Europa League. Sie haben Leverkusen irgendwie bezwungen, aber einen Schub gab das nicht. Hertha schenkte ihnen den Dreier – und dann versinken sie wieder im Erdboden.

Am Sonntag lief eine interessante Reportage über Skifahrerin Maria Höfl-Riesch. Journalisten begleiteten sie während des Sommers, während ihrer Vorbereitung über vier Monate. Koordinationstraining, Kraft, Ausdauer … Zwei Einheiten pro Tag, jede Einheit hat drei, vier Stunden. In Frankfurt treten sie am Tag, wenn sie zwei Einheiten machen, drei, vier Stunden gegen den Ball und lassen sich kneten. Davon abgesehen, dass die mehr zu schuften scheint als ein ganzes Profifußballer-Team, sgate ihr Haupttrainer einen sehr interessanten (frei zitierten, aber inhaltlich stimmigen) Satz: „Kraft, Kondition, Ausdauer sind nicht so wichtig für die 2 Minuten Berg-runterfahren. Sie sind wichtig für die Regeneration zwischen zwei Läufen und vor allem dafür, eine Saison lang komplett konstante Leistungen zeigen zu können. Es gibt Fahrer, die machen mal einen guten Lauf, gewinnen mal ein Rennen, machen mal ein gutes Resultat – und sind die nächsten Wochen wieder ganz hinten, dann beginnt der Kreislauf von neuem. Da fehlt es an Kraft, Kondition und Ausdauer.“

Tja. Böse Zungen könnten jetzt Rückschlüsse auf Eintracht Frankfurts Zustand ziehen wollen. Stichwort zusätzlicher Fitnesstrainer in den 10 Trainingstagen im sonnigen Abu Dhabi. Man hat offensichtlich, lobenswerter Weise erkannt, dass man schlampig gearbeitet hat vor der Saison. Dass in 10 Tagen aufzuholen scheint kaum möglich.

Und wohin führt uns das alles? Richtig, zu gar nichts, nur zum armen Thor, der genauso viel wusste wie zuvor. Es ändert nichts daran, dass wir jetzt genau das wissen, was wir schon vorher wussten: Schlagen wir Hertha/Braunschweig/Bremen/Freiburg/Nürnberg/Hamburg nicht, sind wir (wieder mal) Erstligist gewesen.

Verkacken wir da, zeigen wir in diesen Partien Leistungen wie in 2013 oder den ersten beiden Rückrundenspielen, steigen wir ab. Dazu bedarf es keines Schwarzmalens, denn irgendwann kommen wir an den mathematisch nicht mehr wegzudiskutierenden, nicht mehr wegzurelativierenden Punkt, dass wir Punktbesseren, den Nicht-Abstiegsplätzen hinterher laufen. Unentschieden reichen nicht mehr, im Gegenteil, es müssen Siege und Bonuszähler gegen Top-Teams her. Nur so bleibt man bei de Leut. Oder will ernsthaft jemand die Trotteligkeit anderer Vereine als Argument pro Eintracht anführen? So belächelend, wie wir schon Nürnberg – 6 von 6 Punkten – weggezweitligat haben?

Überhaupt: Seit wann bessern die Nöte anderer unser Punktekonto auf? Seit wann steigtert deren Graupigkeit unser Spielniveau? Nein, das sind selbstgebastelte Beruhigungspillen in der ebenso selbstgemachten Pipi Langstrumpf Welt. Für Eintracht Frankfurt sieht es richtig finster aus. Nicht wegen den anderen, sondern wegen sich selbst.

Schlägt unsere Eintracht die andere Eintracht, hält sie den Kopf über Wasser. Das ist aber nur die Grundvoraussetzung für das, was folgen muss (ja, muss, ich Anspruchshalter, ich unerträglicher!): Eine Serie positiver Ergebnisse. Gegen direkte, gegen indirekte, gegen keine Konkurrenten. Sieg hier, Sieg dort, Remis hier, Remis dort. Jetzt müssen in 15 Spielen nämlich 18 Punkte her, eine Ausbeute, für die wir bislang 19 Spiele brauchten.

Gewinnen wir nicht gegen Braunschweig, müsste Armin Veh fliegen. Konjunktiv, weil das nicht passieren wird. Die Zeche würde man zahlen. Aber wir wissen ja, wer die am Ende wirklich begleicht: Der Fan, der dann wieder in Bundesliga zwei sonntags zu den 1500 anderen Sportplatz-Gängern nach Aalen fährt.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Beiträge

2 Antworten zu “Der arme Thor

  1. Herr Schnitzelmann

    Für mich ist der Trainer in der Hauptverantwortung für die bisher miserable Saision. Wie kann man als Profi eine so schwache Vorbereitung hinlegen, dass man nicht mal 60 Min Fussball spielen kann?
    Und das auch noch, wo man doch genau wusste, was auf einen diese Saison zukommt?
    Das geht mir nicht in den Kopf.
    Und ich glaube auch, dass wir es gar nicht mehr in der Hand haben, ob wir absteigen oder nicht, es wird einzig daran liegen, ob es 2 oder 3 Teams gibt die noch schlechter/glückloser sind als wir. Und das ist alles andere als sicher!
    Am Ende kann es aber sehr gut sein, das man das eine Jahr Europacup mit dem nächsten Abstieg bezahlt.
    Das wäre auch wieder typisch Eintracht. Aber vielleicht kommt ja dann mal ein Trainer, der länger als eine Saision Lust hat, gut zu arbeiten.

    • Adlerschnabel

      Einen solchen Trainer, der hier mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gut arbeitete, hat man vor ein paar Jahren aus dem Stadion gejagt. Damals haben auch die Scouts gezeigt, dass sie durchaus in der Lage sind, mit geringen finanziellen Mitteln gute Kicker wie Meier, Chris usw zu finden, die niemand auf dem Zettel hatte. Als dieselben Scouts den „nächsten Schritt“ versuchten, aber dann für viel Geld, welches eben diese Billigtruppe zuvor erwirtschaftete, mit Caio und Fenin in die Tonne griffen, wurden die Erwartungen des Umfelds enttäuscht und es wurde dem Trainer schlechter Umgang mit den angeblichen Perlen unterstellt, die man der durchs Dorf getriebenen Sau vorwarf.
      Das hat die Verantwortlichen offenbar veranlasst, nunmehr nur noch Trainer mit großen Namen zu verpflichten, die das schwierige Umfeld akzeptieren kann. Und auch die Scouts haben vermutlich keinen richtigen Bock mehr, nachdem ihre Kicker, die sie mühevoll ausgruben, vom „fachkundigen“ Frankfurter Publikum ausgepfiffen und beleidigt wurden, wie etwa der nunmehr vom selben Publikum als Fußballgott gefeierte Meier.

      Da uns dieses Umfeld aber niemand abnehmen wird, muß man seitens der Verantwortlichen an der mangelhaften Kommunikation mit den Fans ansetzen. Das Internet, insbesondere das Forum, halte ich in diesem Zusammenhang für wichtig. Das ist aber mit HB offenbar nicht zu machen. Bruchhagen antwortet sofort mit Jähzorn-Ausbrüchen, wenn ihm der Internet-Beauftragte damit kommt, wie er im G-Blog einmal mitteilte.

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s