Das Zerrbild Europa

Sucht man in diesem verhundsten Auftritt gegen Werder Bremen eine symbolische Szene, dann war es die verunglückte Hereingabe von Marco Russ auf dem Flügel in Richtung Alexander Meier, irgendwann Mitte der ersten Halbzeit. Mit der Pike wuchtete er, nachdem ihm auf der offensiven Außenbahn schon einiges missraten war, den Ball in Richtung Fünfereck. Bande. Torabstoß.

Diese spezielle Situation ist deshalb so symbolschwanger, weil sie die komplette Malaise von Eintracht Frankfurt widerspiegelt: fußballerisch ist da nichts, gar nichts. Ein gelerneter Innenverteidiger und Rechtsfuß, der 1,90 Meter misst, spielt im linken offensiven Mittelfeld – und soll dementsprechend Schwung, Flanken und Torgefahr bewirken. Dieser Scherz ist derart schlecht, dass man nicht mal bei einem Eintracht-Gegner, dem man alles Üble wünscht, lachen würde.

Wie schlimm muss es um die einstigen und aktuellen Top-Transfers Kadlec, Barnetta, Rosenthal, Inui, Aigner und Co. bestellt sein, dass ihnen als gelernten Offensivspielern ein hühnenhafter Verteidiger vorgezogen wird? Gut, Takashi Inui durfte eine Weile zeigen, was in ihm steckt: wenig. Eine gelungene, von Joselu ziemlich mager antizipierte Chance sprang bei seinem Wirken heraus. Nicht, dass vorher oder nachher (es) irgendjemand besser gemacht hätte als der Japaner – aber bezeichnend ist das doch für einen, der sich anbieten würde sollen. Ähnliches gilt für Aigner. Es ist müßig, über jenen SGE´ler etwas schreiben zu wollen im Nachklang zu diesem Spiel. Es war kollektiv peinlich, es war individuell peinlich. Mit Ausnahme von Carlos Zambrano und Pirmin Schwegler – der gegen Stuttgart (dis SGE-Bilanz gegen den VfB ist deaströs!) gelbgesperrt fehlen wird – war das ein einziger Offenbarungseid.

Und doch sind wir klüger, wissen wir doch jetzt, dass wir das von den Endspielwochen zu erwarten haben. Ideenloser, mutloser, träger, auf Sicherheit bedachter Fußball gegen 10 Spieler einer Mannschaft, die man tabellarisch abhängen wollte und die ab der 75. Minute krämpfegeplagt auf dem Rasen sitzen blieben.

Drei als solche zu bezeichnenden Torschüsse fabrizierte man im zweiten Durchgang auf den Kasten von einem Torwart, der als einer der dünnsten der Liga gilt. Eine Abwehr, die mit die wackeligste der Liga ist, stellt man nicht vor Probleme. Ja, aber wie auch? Man versucht es ja nicht mal! Quergeschiebe, Seitenwechsel, alles spielt sich auf einer Linie ab: 30 Meter vor dem Tor. Defensive Mittelfeldspieler und Verteidiger sollen das Offensivspiel gestalten, ein Mittelfeldspieler die Tore machen. Wie, und diese Frage hätte ich gerne mal von den Hochwohlgeborenen der Eintracht beantwortet, soll das denn gelingen? Wie kann man gegen einen Mitkonkurrenten, den man zu Hause empfängt, der richtig dünn war, der eine Stunde in Unterzahl war, der keinen Deut weniger Druck hat als man selbst, so einen Auftritt hinlegen?Die Antwort: Wenn man selbst kein Mü besser ist, wenn die eigene Qualität mit der des anderen Limbo tanzt.

12, 13 Punkte aus den sechs entscheidenden Spielen? Die einfachsten drei hat man mal non chalant liegen gelassen. Die Abschenk-Taktik der vergangenen Wochen ist jedenfalls nicht aufgegangen. Diletantismus statt Dominanz. Dass man zu zehnt („uns hat die Rote Karte nicht gutgetan“) im Duell der miesesten Mannschaften nicht nur gewinnen, sondern auch einen Rückstand aufholen und zum Sieg drehen kann, hat gestern ein Team aus Nürnberg bewiesen, dass nebenbei noch zwei Stammspieler mit Schwerstverletzungen ersetzen muss. Wirkt ungleich schwerer als diese 90-Extraminuten in Südeuropa, die unsere (nicht verletzten) Spieler derart schlauchen.

Das alles da auf dem Platz ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, schon klar. Man hat keinen Anspruch auf Unterhaltung, nicht auf Siege, ja nicht mal auf gute Spiele oder gar ein Abo auf Erfolge. Aber die Investiiton von 2,5 Fahrstunden alle zwei Wochen, gepaart mit 400 Euro für Karte und sicher ähnlichen Spritbeträgen, steht in keinem Verhältnis dazu, elf Männern beim lustlosen Erledigen ihrer Arbeit zuzusehen. Von den Nerven, die einen das kostet, ist da noch nicht gesprochen. Ich habe großen Respekt vor der Zurückhaltung der paar Tausend, die sich zur Verarsch-Show nach München oder Dortmund durchgerungen haben. Gegen Bremen haben wir jetzt einen Teil von deren Ungläubigkeit ob des Dargebotenen nachempfinden können.

Jetzt werden sie sich am Donnerstag wieder schwer was darauf einbilden, wenn sie diese Mannschaft aus Porto bewzungen haben werden. Juchhu. Frohlocke, Volk! Und am Ende verdichten sich dann doch die Anzeichen, dass da in Europa zum Großteil Thekentruppen aus Thekenligen herumlaufen. Dauermeister, Champions-League etc. hin oder her: Einen mauen Bundesligisten, das erleben wir ja jedes Wochenende, simulieren diese Europapokal-Gegner wohl zu bestenfalls 75-80 Prozent. Aber feiern, diesen Fehler mach(t)en wir zu lange, werden wir diese Erfolge zu 100 Prozent. Wenn uns das, dieses Zerrbild der sportlichen Realität,  mal nicht zum Verhängnis wird.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Das Zerrbild Europa

  1. Simme

    Bringst es auf den Punkt. Gerade dieses ständige Quergeschiebe ,immer wieder auf Oczipka, der selten was mit dem Ball anzufangen weiss,immer wieder planlose Bälle aus dem Halbfeld….insgesamt kaum dynamik im spiel,wenig abwechslungsreiche angriffe….4 zentrale Mittelfeldspieler in der Startaufstellung, Flum andauernd im luftleeren Raum und ohne Bindung, Russ aber auch sehr schwach, Rode wie immer bemüht aber in der nähe des 16er nur noch ein Ärgernis und so weiter….Ausnahme Zambrano, der wirklich alles ausgeputzt hat. Schwächere Bremer wird man wohl kaum nochmal sehen in Frankfurt, aber es reicht halt einfach nicht.Verwunderlich bleibt warum AV nur zweimal wechselt.Weiss nach dieser Vorstellung auch nicht wo die ganzen Punkte noch herkommen sollen.

  2. Olli

    Danke für das Mitleid fürs Dortmund-Spiel. Die Anreise war zwar nicht so weit, aber das hat das Spiel auch nicht besser gemacht.

    Heute hat uns die Rote Karte wohl eher nicht so gut getan. Traditionell tun wir uns bei defensiv-stehenden Gegnern schwer. Das Bremen nach Gelb-Rot hinten drin steht ist absolut verständlich.
    Das Ding kurz vor Schluss vom Meier muss einfach rein – egal wie schlecht alle waren und das Spiel war. Das Gleiche gilt für Joselu.

  3. Na_ich

    Ich hätte Veh zu gern vorm Winter ausgetauscht gehabt, da hätten wir vielleicht noch den Slomka bekommen.

    Jetzt müssen wir mit dieser Pfeife wohl bis zum Ende durchhalten.

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