Ein Schnittchen

Dieser Verein raubt mir die Kraft. Viel mehr noch dann, wenn dessen Mannschaft nicht spielt. Denn wenn man so hört, welche Pläne da von den Funktionären geschmiedet, welche Personalien für den Trainerposten gehandelt werden … Entschuldigt also, verehrte Leser, wenn ich in den folgenden Zeilen einige Dinge vermische, verkürze, die in der Realität so einfach nicht sind. Es geht irgendwie um alles. Um Spieler, Trainer, Zukunft, Konzepte. Irgendwo muss der Unglaube heute mal hin, sorry.

Wie kann man denn ernsthaft eine Idee formulieren, die lautet, einen schwerverletzten Sebastian Rode – der zuvor erst kramphaft gehalten und dann gratis an den Ligakrösus abgegeben wurde – gegen Gebühr auszuleihen, damit dieser Spieler seine immer durchwachsener werdenden sportlichen Leistungen in dem Team fortsetzen kann, in dem er nie den Unterschied ausgemacht hat? Was wollen wir bei Eintracht Frankfurt? Sind Rückholaktioen von Ehemaligen die einzige Transferoption, die den Herren Hübner, Hölzenbein und Bruchhagen einfallen? Neben dem Scouting aus Kicker Sonderheften, natürlich. Wie will sich Eintracht Frankfurt positionieren? Als die Könige der Einfallslosigkeit, die Prinzen des Stillstands? Oder will der Verein besser werden, Stück für Stück, auf drei, fünf, zehn Jahre gesehen? Oder verwalten die Funktionäre gutgläubig einen status quo – und zwar solange, bis Red Bull Leipzig, Ingolstadt, gar Heidenheim und Co. endgültig diesen Klub kassiert haben?

Was glaubt Eintracht Frankfurt, wird in den nächsten Jahren geschehen? Die Konkurrenz wird immer mehr Geld investieren, in Trainer, Spieler, Infrastruktur. Es wird den Vereinen zunehmend egaler werden, wie es um die tatsächliche finanzielle Ausstattung bestellt ist – denn zur Not zieht man sich einen Mäzen, einen Investor an Land. Was Wolfsburg und Hoppenheim hineingetragen haben, macht mit dem Hamburger SV der erste Traditionsverein bereits salonfähig. Und Hertha BSC Berlin ist ja ebenfalls bereits gepämpert. Man setzt auf die fiktive, virtuelle Langzeitentwicklung – und hofft ganz fahrschulmäßig mit geschlossenen Augen, sich am Lenkrad festhaltend darauf, dass man nirgendwo gegen kracht, dass es schon gut geht mit dem Kurs, dass man die Rendite einspielt.

Kurzum: Neben dem sportlichen, wie es zunehmend einen fiskalischen Abnutzungskampf geben – mehr noch als er jetzt bereits stattfindet. Die Tabelle wird  – und das sage ich als Fan von Heribert Bruchhagen – nicht nach Soll und Haben auf den Festgeldkonten errechnet. Das Schlimme ist ja, dass der oben skizzierte Weg aufgehen wird. Das hat uns die Bankenkrise doch gelehrt: Geld ist eine völlig unerhebliche Größe, die Summen sind science fiction. Man gibt sie halt aus – irgendwie geht das schon gut. Da, angesichts dieser Realität muss man doch nicht mehr den ehrlichen Kaufmann mimen. So zynisch es auch ist: Niemand wird es Eintracht Frankfurt danken, den nütztlichen Idioten zu geben. Fressen, oder gefressen werden – es ist Sportdarwinismus. Abseits von Vermögen, von Investoren gibt es aber – und da kommen wir zurück zur absurden Rode-Rückholaktion – andere Pferde, die man satteln kann, satteln muss, um in dieser feindlichen Umwelt zu bestehen.

Das Schiff Eintracht Frankfurt muss wendiger, schneller, zielstrebiger werden. Es muss sich einen klaren Anstrich verpassen, einen Kurs ausgeben, den konsequent und ohne Kompromisse verfolgen.

Die Jugendarbeit, das Nachwuchszentrum gilt es an sich zu reißen, zu professionalisieren. Und zwar mit den besten verfügbaren Trainern – nicht irgendwelchen Ex-Verdienten und Veteranen, denen man sich verpflichtet fühlt, die man zu versorgen gedenkt. Das Netz der Vereins-Kooperationen im Nachwuchsbereich muss man auf einen größeren Radius ausdehnen, man muss etwa ins profifußballerisch brachliegende Ostdeutschland gehen.

Im Profibereich muss der Verein bzw. die AG eine Marke, eine Spielphilosophie vorgeben. Nicht der Trainer hat ein Konzept zu entwickeln und vorzustellen, nein, der Verein bzw. die AG hat ein Korsett zu erstellen, in dem sich ein / die zukünftigen Trainer bewegen sollen. Der Kader muss dann strukturell – unabhänging vom jeweiligen Coach – auch so zusammengestellt werden. Sprich: Lege ich mich als Verein etwa auf eine defensive, konter- und standardsituations geprägte Mannschafts-Philosophie fest, dann stelle ich einen Trainer an, der diese teilt, entwickelt, perfektioniert. Oder aber ich will rücksichtslosen Offensivfußball (á la Thomas Schaaf) spielen lassen. Dann brauche ich einen dementsprechenden Kader. Wie man es auch dreht: Der Verein muss den Weg vorgeben – aber mit den aktuell handelnden Personen auf der Führungsebene ist das schwer denkbar. Man hat förmlich vor Augen, wie dort die Spieler- und Trainersuche abläuft: „Ja, hallo, dann erzählen Sie doch mal, wie Sie sich das so vorstellen hier bei uns“ – und dann wird erzählt, dann dürfen die Michael Skibbes dieser Welt auf Flipcharts Zeug aufmalen und die Anzugträger nickend anerkennend ob der Schlagworte „offensiv, unterhaltsam, jung, deutsch, stabil, langfrisitg erfolgreich“.

Zum Scouting, wenn man es denn so bezeichnen will, habe ich zuletzt schon genug geschrieben.

Jedenfalls, und da kommen wir zur Trainerdiskussion, steht da wieder der Minimalwurf zu befürchten. Damals, als die gescholtenen bösen fehlerbehafteten Medien von einem Treffen zwischen den SGE-Funktionären und Markus Babbel berichteten, wurde sie barsch abgebürstet. Alles Blödsinn, ein, zwei Tage Hospitanz, mehr nicht. Jetzt, einen Monat später, ist ein Treffen mit dem Ex-Verteidiger bestätigt. Und wie als Vorwarnung spricht Bruno Hübner davon, dass die drei Kandidaten, die er auf der Liste hat, „entweder unter Vetrag stehen oder sich im letzten Jahr sportlich weiterentwickelt haben“. Sportlich weiterentwickelt – jo, da kann einer das Totengräbertum verfeinert oder irgendeinen DFB-Lehrgang besucht haben. Die Bilanz eines Kandidaten dadurch nicht besser.

Roger Schmidt. Markus Babbel. Mike Büskens. Eintracht Frankfurt gibt sich offenbar mal wieder mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden. Manchmal frage ich mich, wie miserabel und hoffnungslos es finanziell um diesen Klub stehen muss, dass man ausschließlich zur verfügbaren Bückware greift.

Da bleibt nur zu hoffen, dass sie in Frankfurt einen Funken Cleverness besitzen und absichtlich  angstmachende Aussagen gezielt streuen. Um davon abzulenken, dass sie an einem Könner dran sind. So, wie Alexander Madlung das in einem Interview mit dem HR anklingen ließ: Es solle einer her, der schon Erfolge vorzuweisen hat. Schaut man sich auf dem Trainermarkt um, ist die Auswahl an solchen Leuten gering. Thomas Schaaf – das war es dann auch. Doch die in der Regel sehr gut informierte Zeitung „Frankfurter Rundschau“ hat dessen Engagement quasi ausgeschlossen.

So oder so: Nach einem persönlichkeitsstarken und auch mit Meriten geschmückten Trainer wie Armin Veh – bei allen Fehlern und Attitüden die man ihm vorwerfen kann – wäre es reichlich verrückt eine wirklich lahme Ente wie Markus Babbel ans Steuer zu lassen. Wie wenig Kredit so ein Typus in Frankfurt hätte – das kann man auch etwa auf Büskens ausdehnen – , darauf gibt die ad-hoc-Umfrage des HR einen Eindruck: 2,1 Prozent für Babbel einen Vorgeschmack – weil jeder (und ganz doof ist die Masse der Fans dann doch nicht) weiß, dass man dann auch gleich auf das Eigengewächs Alexander Schur setzen könnte. Und doch klingt Babbel, wie auch Büskens nach einem typischen Eintracht-Kompromiss: Man versuchts mit einem jungen, semi-neuen Trainer, der schon Erfahrung hat. Kein Schnitt, sondern ein Schnittchen. Wie auch bei einer Rode-Rückholaktion: Weil man weiß, was man bekommt und es machbar erscheint, macht man es.

Um es kurz zu machen: Nach dieser Saison – so sie hoffentlich mit dem Verbleib in der der ersten Liga endet – hört der Trainer auf. Es werden Spieler, darunter Stammspieler, den Verein verlassen. Einige für lau, andere für ein paar Euro. Ich möchte nach deren Wechsel weder deren Beine weiter hier kicken sehen, noch möchte ich einen Trainer, der im Umfeld, im Verein, im Kader mit wenig Kredit antritt. Eintracht Frankfurt, das wird auf lange Sicht so bleiben, wird ein Klub sein, der häufiger verliert als gewinnt. Da kann man es sich nicht leisten, sich einen Übungsleiter ans Bein zu binden, der nach zwei, drei Niederlagen kollektiv und umfassend in Frage gestellt wird, der nur qua Präsenz für Unruhe sorgt. Und das, so fürchte ich, wäre einer vom Schlag Markus Babbel. Also setzen wir mal unsere Hoffnungen auf diesen Roger Schmidt. Paderborn. Salzburg. Mausgrau. Ist dann wohl von den in Frage kommenden Kandidaten der am wenigsten schlimmste. Forza … und so.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Ein Schnittchen

  1. Jermaine Jones Junior

    Otto Rehagel und Mario Basler auch. Ich hoffe so sehr auf Thomas Schaaf…

  2. eauso

    Guus Hiddink wäre auch frei – nicht das es möglich/machbar wäre, aber bei all den Übelkeit auslösenden Namen die gerade in der Luft schweben… Mal so ein Kontergedanke

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