Alte Leier

Wie unwidersprochen man bei der Eintracht Sätze sagen darf, das ist schon bemerkenswert. Da heißt es dann eben, wie selbstverständlich, dass vor dem zweiten Trainingslager ab 17. Juli wohl kein Neuzugang mehr nach Frankfurt gelotst werden wird. Tja. Schulterzucken. Überhitzter Markt, WM-Jahr und so halt.

Zu dem Zeitpunkt, wenn denn dann mal ein neuer Spieler verpflichtet werden würde, sind schon mehr als zwei Wochen Vorbereitung vorüber. Mit einem Team, dass nun „sogar“ noch Stephan Schröck an Greuther Fürth (zurück-)verliert, also noch einem Kicker weniger, der den anderen als Sparingspartner im Training dienen kann. Jan Rosenthal folgt die Tage, wenn jemand, sagen wir 500 000 Euro zu zahlen bereit ist. Paderborn vielleicht? Die haben nach den 150 000 Euro für Marvin Bakalorz doch sicher noch Reserven …

Spaß bei Seite: Es ist ja nicht so, dass die Eintracht-Verantwortlichen die Abgangs-Entwicklung nicht hätten sehen kommen können. Anders: Es wäre sogar fatal, amateurhaft, wenn sie nicht mit einer Massenabwanderung – gerade der Stammspieler – gerechnet hätten. Ich benutze absichtlich den Konjunktiv, da ich mir es nicht vorstellen will, dass die da im Vereinsheim sitzend tatsächlich dachten, Schwegler, Jung, Rode und Joselu halten zu können. Dass jetzt noch Stefan Aigner auf der Kippe zu stehen scheint, die Begehrlichkeiten der internationalen Konkurrenz bei Carlos Zambrano und Kevin Trapp – den beiden Spielern, für die man wenigstens massiv Geld verlangen könnte, wenn der Klausel-König nicht zugeschlagen hat – weiter bestehen, ist kein Wunder, kommt nicht aus heiterem Himmel. Es sind die Namen und Szenarien, die Beobachter seit Frühjahr, seit abzusehen war, dass die Eintracht nicht mal in der Nähe der einstelligen Tabellenplätze kommen wird, äußern. Ich erinnere abermals an Kollegen Stefan Krieger vom Blog-G der immer wieder von Abschieden vieler Spieler sprach.

Kurzum: Man mag, man kann sich also die Verschlagenheit und Blauäugigkeit nicht vorstellen, die man unterstellen könnte wenn man auf das Transfer-Tableau linst.

Leider rückt dem Eintracht-Fan sofort ins Gedächtnis, wie lange man in Frankfurt für die Trainersuche brauchte. Ende Dezember 2013 sagte Armin Veh, dass er nicht verlängert – dann dauerte es ein halbes Jahr bis man sich (man muss es wohl so drastisch sagen) zu Thomas Schaaf durchgerungen hatte. Schaaf, die beste aller möglichen Lösungen im Traineramt, ist die ärmste Sau in diesem Verein. Von Beginn an wird er in eine Mangelwirtschaft gewzungen, die nicht minder schwierig zu bewältigen ist als nach dem Abstieg. Damals hatte man aber immerhin, wenngleich auch das ein Mini-Wunder ist das Bruno Hübner und Heribert Bruchhagen vollbrachten, einen Stamm von grundsätzlich gutklassigen Kickern beisammen halten und um diese ein Team aufbauen können. Das war viel Arbeit, viel trial and error wie man im Laufe der Saison feststellen musste, aber das Niveau vieler Gegner verzieh so manchen (schildenfeld´esken) Aussetzer. Es reichte für das, für das es reichen musste. Jetzt, Ausgangslage Bundesliga 1, sind die Gegner stärker, der Kader (bislang) nicht.

Makoto Hasebe, Alexandr Ignovski, Timothy Chandler. Alles keine Schlechten, die sind Kategorie „in Ordnung“. Wären sie vergangene Saison, das vielleicht mal als Gedankenexperiment, von den Fans als Verstärkungen bewertet worden? Quasi im Konkurrenzkampf zu jenen Stammhaltern, die sie nun ersetzen? Ich glaube, dass man die Diskussion an dieser Stelle, mit diesem Vergleich führen muss, um zu einem Ergebnis für sich selbst zu kommen. Ich behaupte mal – es ist das, was ich seit Wochen behaupte – dass sie meinetwegen 90 Prozent der Qualität ihrer jeweiligen Vorgänger haben. Das sind auf dem Niveau in der Bundesliga leider je zehn Prozent weniger als – wie wir anhand der Tabellenposition der Eintracht 2014 sehen – nötig um in der Klasse zu bleiben.

Gebetsmühlenartig wiederholt daher die Sehnsucht, dass die Eintracht mal einen gutklassigen Spieler präsentiert. Dass muss kein Bendtner, kein Marin (gutklassig?!) sein. Aber einer, wo man mal weiß, ahnt, dass der was können kann. Genau deshalb steigt schon wieder die Angst in mir, wenn ich von einem herbeigerüchteten polnischen Stürmer lese. Es wird nicht lange dauern bis jemand bei dem, Lukasz Teodorczyk heißt er, ein Lewandowski-Herkunft-Argument anführt (der „Hessische Rundfunk“, die Abschreibekönige, ist für solche Transfermarkt.de und Wikipedia-Recherchen prädestiniert). Bei Polen denke ich, wieso auch immer, sofort an Tschechien, ich sehe Vaclav Kadlec, ich denke an Martin Fenin. Und ich erinnere mich an die Hoffnung, die in mir wuchs, als die ihre ersten Spiele gemacht, gute Ansätze gezeigt hatten. Danach war es sportlich nur noch finsteres Grau, das Spieler aus diesen B- und C-Ligen zu leisten im Stande waren.

Nun gut. Genug der Sorge. Vaclav Kadlec, das ist bei mir in den vergangenen Wochen vielleicht untergegangen, traue ich durchaus den Sprung zu einem guten Offensivspieler zu. Ganz zufällig hat er seine Tore, Vorlagen und agilen Auftritte ja nicht auf den Rasen gebracht. Die rund vier Millionen Euro Ablöse und die überzeugten Jubelarien samt Hängepartie um diesen Wunschtransfer, das ist nach einem Jahr aber schon recht klar, wird er vermutlich nicht wert gewesen sein. Zu hoffen ist etwas anderes, das ist doch klar.

Ich verliere noch ein abschließendes Wort zur Jugend und Thomas Schaafs Ankündigung, diese verstärkt einzubinden: In Frankfurt spielte man diese Karte nur, wenn der Mangel den Damm durchbrach. So damals, als mans ich für „jung, deutschsprachig und aus der Region“ feierte und Ochs, Russ und Co. in die Profimannschaft hievte. Das war seinerzeit aus der Not geboren, man hatte nämlich schlicht keine Asche. Es funktionierte damals, auf bescheidenem Niveau, aber es funktionierte. Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen und der Tenor heute ähnelt dem von damals. Man sollte bei allem anerkennden Nicken angesichts der angekündigten Jugendförderung nicht vergessen, von welcher sportlichen Ausgangslage und von welchen Spielern man redet. Erstens droht, Stand jetzt, Abstiegskampf pur – ob mit oder ohne junge Leute. Zweitens sind die erste Reihe der Nachwuchsleute Marc Stendera, Marc-Oliver Kempf, mit Abstrichen wohl Luca Waldschmidt. Bei Ersterem darf man, je nachdem wie schwer sich die Knieverletzung ausgewirkt hat, noch zuversichtlich ob einer guten, hilfreichen Entwicklung sein. Bei Kempf muss man, nichts anderes geben all seine Auftritte im Profiteam als Resümee her, skeptisch sein. Er hat(te) das Niveau nicht. Und Waldschmidt? Weiß niemand etwas zu, sinnvoll, ihn auszuprobieren – was aber eigentlich nur geht, wenn man tabellarisch halbwegs gesichert ihm mal 10 Minuten hier, mal 20 Minuten da geben kann.

Leider, und hier gehe ich wirklich abschließend auf die Grundstimmung ein, hat sich nach der furiosen Hinrunde 2012/2013 schon Anfang 2013 wieder etwas gewisses Bleiernes in Frankfurt breitgemacht, unterbrochen von ein paar fasziniereden Europapokalauftritten und vereinzelten Saisonhighlights. Und doch hat man das Gefühl, dass auch in dieser Kurz-Epoche wieder Chancen ungenutzt, Entwicklung verschlafen wurde(n). Armin Veh, als Anschieber betitelt, hat es letztlich zu kurz ausgehalten, bzw. er hat zu früh abgeschlossen mit dem Kapitel Eintracht Frankfut. Es wäre erhellend zu wissen, wieso. Mein Gefühl sagt mir, dass Heribert Bruchhagen – den ich jahrelang schätzen und stützen gelernt habe – mittlerweile zu lange maßgeblich am Ruder sitzt.

Over and out. Diskussion gerne frei!

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Alte Leier

  1. Pingback: #Link11: Orang Utan Klaus | Fokus Fussball

  2. Staniii

    Veh hat zwar eingies angeschoben aber letzten Endes stehen wir mit Alexander Madlung (zum Glück) und ohne U23 da. Seit dem Aufstieg
    sah das Konzept wie folgt aus, bitte gerne korrigieren: Spieler aus Liga 2,
    Spieler aus Liga 1 die man den 2-3 Vereinen noch weg kaufen kann,
    Leihspieler mit und ohne Kaufoption.
    Jetzt sind wir beim nächsten Schritt bzw. den nächsten beiden, Spieler von
    Absteigern kaufen (was ist eigentlich mit Kyotake?) und / oder viel Geld
    ausgeben. Um es auf den Punkt zu bringen, wo bleibt da die Nachhaltigkeit?

    Kein gezieltes Scouting in dem Teich in dem die SGE fischen kann (Liga 2+3, U23 und Süd-/Osteuropa). Keine Partnerschaft egal ob Madrid,
    Mailand, FSV, Darmstadt usw. wo man Leute wie Bakalorz und andere
    U23 Spieler hätte hin schicken können / wo man jetzt die Ü19 Spieler hin schickt die man halten will.

    Denn wenn wir ehrlich sind, sobald Geld in die Hand genommen wurde,
    wurde nicht wirklich viel daraus und man ist mit günstigen Spielern immer
    besser gefahren. Da wir aber alles wissen das nicht der Trainer das Konzept
    vor gibt sondern der Verein und Hübner diesbezüglich noch in der
    Findungsphase ist, lehne ich mich entspannt zurück und schrecke erst
    wieder auf, wenn es heißt „Der nächste Schuss muss sitzen“.

    • Das trifft es meines Erachtens ganz gut: Es fehlt die große Idee, der Gesamtplan. Man widmet sich stets einer Aufgabe, die dann irgendwann mal mehr oder minder umgesetzt – und ebenso schnell wieder verworfen wird. Ich erinnere abermals an die Maßgabe „jung, deutschsprachig, aus der Region“, die exakt solange galt, wie sie opportun, wieder etwas Geld in der Kasse war.

      Später mehr.

  3. Herr Schnitzelmann

    Was kann denn bitte Bruchhagen dafür, dass es Vereine gibt, die Geld scheinbar selber drucken. Wo nimmt Hannover allein die Millionen für Joselu her?
    Wer`s ein Computerspiel, würd ich sagen, die cheaten!

    Den Knackpunkt seh ich vielmehr bei unserem Hobbyscouting. Da kommt nicht viel bei rum. Gleiches gilt für die Nachwuchstalente. Hier fehlt es meiner Meinung nach nicht am Talent der Kicker sondern an Geduld und der richtigen Strategie der Verantwortlichen, diese in den Kader zu integrieren!

    • Ich sage nicht, dass Bruchhagen etwas dafür kann, dass anderen die Summen latte sind, die einfach Betrag X zahlen, komme was wolle. Ich sage, dass die „Ehrlichen“ die Verlierer sein werden. Wer sich heute nicht klar darüber ist, den Weg über Investoren/Mäzene oder nenn es, wie du willst, gehen zu müssen, wird bald im Unterhaus kicken. Es sei denn, der Verin hat eine bahnbrechend gute Struktur, ein felsenfestes Konzept, eine Top-Jugend. Alles ist in Frankfurt nicht gegeben.

      Mag ja sein, dass aktuell die eine oder andere Weiche gestellt wird, etwa das leidige Thema Hölzenbein/Weber-Scouting zu beenden. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass bei der SGE alles nur Stückwerk ist, da hangelt man sich von einer Baustelle zur nächsten, Mangelverwaltung auf kleinstem gemeinsamen Nenner.

      • Herr Schnitzelmann

        Da muss ich dir leider recht geben, ohne Sponsor wird zukünftig nix mehr laufen, da man mittelmäßige Spieler wie z.B. Joselu dann auch unter 6 Mio nicht mehr halten kann.
        Das gleiche passiert ja auch schon im Jugendbereich, wo die Vereine mit Geld einfach jedes Talent auf Teufel komm raus mit Kohle locken.
        So wird man über kurz oder lang ne Bundesliga haben, die mit Firmenmannschaften oder Sponsorenteams besetzt ist.
        Schade aber wahr.
        Wenn man das in Frankfurt nicht erkennt und sich nicht endlich professionell Aufstellt, dann wird man in der Tat in Zukunft in Liga 2 oder 3 kicken!

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