Godot

Mich hat der Weltmeistertitel wenig emotionalisiert. Liegt zum einen daran, dass ich den Ausgang ja vor Turnierstart orakelt habe und ich daher alles andere als überrascht ob des Ausgangs bin. Auf der anderen Seite, auch das erklärte ich bereits in den Tagen vor dem Eröffnungsspiel, kann ich nicht heute für die freudig weinen, die ich 34 Wochen in der Bundesligasaison auspfeife. Da fehlt mir letztlich der Bezug. Anerkennendes Nicken, warmer Applaus, Gratulation ob eines verdienten Turniersiegs – so stand und stehe ich dazu. Dass die Basis des Ganzen die Abkehr vom Hacke,Spitze,1,2,3-Fußball ist, wesentliche Element des typisch deutschen Effizienzfußballs inklusive Standardstärke den 4. WM-Titel begründen, das ist es, was mich viel zufriedener macht. Offenbar haben Löw und Co., nach Jahren der Kopiersucht verstanden, dass andere das Geschnörkel besser können – die Deutschen aber wiederum in anderem besser sind, etwa bei Laufstärke, Fitness, wie am Sonntag zu sehen war.

Nun, da sich jeder geäußert hat und das noch ein paar Tage lang tun wird, wenden wir uns wieder zu 100 Prozent der Eintracht zu. Dort ist ja nach wie vor Ödland angesagt. Selst im geduldigen Kollegenkreis wird mittlerweile gespottet, dass man als Eintracht Frankfurt offenbar auf dem „überhitzten Markt“ nur 38-Jährige, zweifach am Knie operierte, ablösefreie 3-Tore-in-20-Spielen-Stürmer vom FC Timbuktu II verpflichten könne. Tja. Könnte man alles als abtun, Vertrauen und so, aber spätestens die Trainersuche von Dezember 2013 bis Mai 2014 haben sensibilisiert. Umso erstaunlicher ist es, das das Gros der Bundesligisten – die direkte SGE-Konkurrenz ebenfalls – eifrig vor sich hinverpflichtet. Und das mit bisweilen gar nicht so schlechten Leuten. Augsburg sei genannt, auch Köln liest sich auf dem Papier brauchbar.

Das ist aber alles redundant. Tägliches Warten auf Godot. Mehr oder weniger neu ist die Frage danach, wer denn neben diesem ominösen Stürmer noch so kommen sollte. Es wird ja seit Wochen nur über den zentralen Mann vorne gerätselt, dabei drückt der Kickschuh ja wahrlich auch auf anderen Positionen – gerade in der Qualitätsspitze. Was ist etwa mit der Sechser-Position? Johannes Flum, Makoto Hasebe und Marco Russ im Kampf um zwei Plätze, (noch) ergänzt durch Martin Lanig – Robustheit und gewisse Torgefahr mag gegegeben sein, Dynamik und zügiges Konterspiel hingegen dürften (weiter) brach liegen. Da kommt die große Unbekannte Alexandr Ignosvki, die mangels Trainingsbeteiligung aktuell rechts hinten aufläuft, ins Spiel. Dann die Frage der Außenbahnen: Die Zukunft von Stefan Aigner bleibt mindestens bis 31.8. völlig ungewiss, die Hoffnungen auf Inui und dem wechselwilligen Rosenthal ruhen zu lassen, gegebenenfalls auf einem Stürmer Kadlec für den Flügel zu setzen, ist mehr als riskant. Sturm, linkes und rechtes offensives Mittelfeld – da reden wir schonmal über drei Neuzugänge, die zwingend kommen müssen. Dazu sollte man nicht vergessen, dass man auf den defensiven Außenbahnen auch ein Problem hat: wenn schon kein quantiatives, so doch ein qualitatives. Chandler – da wird man abwarten müssen – und Allround-Mann Ignovski auf der einen, das Wackel-Duo Oczipka und Djakpa als Pärchen auf der anderen Seite. Ob es schaden kann, da den abgekühlten Markt auch nochmal zu beäugen?

Wir warten also weiter, liebe Leser. Wollte Nicki Bendtner nicht eigentlich medienwirksam eine Entscheidung zum Vereinswechsel verkünden? Hm. Zieht sich.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Godot

  1. Ich bin da entspannt. Wenn ich mir anschaue, dass Ur-Schalker und Ur-Dortmunder hinter die Farben schauen können, dann kann ich das auch. Werden sich Draxler und Großkreutz in der BL wieder bekämpfen? Natürlich, so wie ich mich freue, wenn der FCB und die anderen 16 Mannschaften verlieren. Aber BL und N11 sind einfach unterschiedliche Dinge.

    In Anbetracht der leider richtigen Zusammenfassungen von BW gehe ich davon aus, dass es wahrscheinlich für längere Zeit das letzte zu feiernde Ereignis war. Mir fehlt in Anbetracht der Situation komplett die Vorfreude auf die neue Saison. Ich hoffe wirklich, dass wir alle positiv überrascht werden und dass wir Lobpreisungen auf Hübner & Co schreiben werden.

    Und wenn nicht, werden wir es uns trotzdem anschauen.

  2. Philipp

    „…kann ich nicht heute für die freudig weinen, die ich 34 Wochen in der Bundesligasaison auspfeife.“

    erzähl mir wen du 34 wochen lang auspfeiffst und erzähl mir vor allem warum!!! das ist der größte blödsinn den ich seit langem gelesen habe und dass er von einem vermeintlichen fußball-kenner kommt, macht es umso tragischer. ich lese deinen blog seit sehr langer zeit und erfreue mich oft an deinen informativen beiträgen, doch hast du mit diesen worten jeglichen kredit verspielt.
    beim fußball geht es nicht darum jemanden auszupfeiffen sondern sich am schönen spiel zu erfreuen. und wenn eine mannschaft so hochverdient den titel holt, wie es diese jungs getan haben ist es egal, wo jeder einzelne herkommt. und genau das haben die 23 kerle bewiesen.

    was machst du wenn thomas müller und kevin großkreutz nächstes jahr in frankfurt spielen??? hörst du dann auf, frankfurt anzufeuern??? oder feuerst du dann nur noch 9 frankfurter spieler an???

    schade.

    • Ich pfeife die Teams aus, die gegen meine Eintracht spielen. Und da Teams aus Spielern bestehen, pfeift man dementsprechend diese aus. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich – oder irgendjemand anderes – im Waldstadion mal Thomas Müller, Kevin Großkreutz o.Ä. angefeuert hätte. Ich halte es für reichlich heuchlerisch, heute hü, morgen hott zu rufen.

      Übrigens: Ja, ich behalte mir, Vereinswechsel hin oder her eine durchaus skeptische Haltung gegenüber jenen bei, die ich „nicht mag“ oder deren sportliche Qualität mir persönlich nicht ausreichend erscheinen. Ich verweise bspw. auf meine einst Haltung zu Zambrano, die er durch phasenweise überragende Leistung positiv beeinflußt hat. Ich würde hingegenb bspw. Peniel Mlapa bestimmt nicht zujubeln, nur weil er in schwarz-rot spielt.

      Dass es speziell für jene, die mit Fußball nur alle zwei bis vier Jahre mal was am Hut haben, opportun ist, abzufeiern – bitteschön, ist unbenommen. Ich erkenne, wie ich ja schrieb, die Leistung an. De Titelgewinn ist verdient, sie haben ihn sich erarbeitet. Das ist zu goutieren, was ich auch tue. Muss ich in Tränen ausbrechen deswegen? Nein. Mich packt die Emotion nicht wenn die Nationalmannschaft spielt. Das ist Kern des Ganzen. Mich packt die Eintracht, das war so, das ist so und das bleibt so. Zumal: Seit Äonen spielt kein SGEler mehr für Deutschland – wo genau soll ich da meine sportliche Identifikation festmachen? Es ist ja niemandem die Freude verboten, weshalb ich es seltsam finde, für das Nicht-Emotionalisiertsei in eine Rechtfertigungsposition gedrückt zu werden.

    • Olli

      BW hat diese Aussage, dass er die 23 Spieler der Nationalmannschaft in der Liga – im Stadion – verbal niedermacht schon öfters gebracht. Zurecht.

      Auch ich kann mich schon sehr lange nicht mehr mit dieser Nationalmannschaft identifizieren. Es mag daran liegen, dass seit Ewigkeiten kein Frankfurter mehr ernsthaft vertreten war. Zum Großteil zurecht, weil wir einfach nicht die entsprechenden Leute im Kader haben und hatten. Einige Kerle sind aber außer reiner Arroganz von Löw und seinen Vorgänger kategorisch ignoriert worden, weil sie eben in Frankfurt kick(t)en. Das hat der Öfteren zu Abgängen geführt (Schneider, Ochs, Russ, Jung).
      Und es wäre absolut heuchletisch, bei der WM nach einem „Im Tor mit der Nummer 1: MANUELL“ lautstark „NEUER“ zu rufen um in der Liga in gleicher Situation das traditionelle „Arsc*****, Drecks**, Hur******“ folgen zu lassen. Ich feuer ja auch nicht die Bayern in der CL an – oder den BVB oder S04. Manchen gönne ich es Erfolg zu haben, aber im Endeffekt war der geilste Abend als Bayern anno ’99 gegen ManU am Ende völlig unglücklich verloren hat.

      In Brasilien haben zwar 23 Jungs mein Heimatland vertreten. Sie haben völlig verdient und mit einer wahnsinns Leistung zurecht diesen Titel geholt. Gönne ich es Ihnen: Ja. Freu ich mich mit Ihnen: Na ja. Es sind halt nicht „meine Jungs“ die da gespielt haben.

      Und es gibt auch Spieler in Frankfurt die ich nicht so symphatisch finde. Zambrano zum Beispiel. In den ersten beiden Jahren bei uns habe ich mich für den teiweise geschämt. Er hätte locker ein dutzend mal ne rote Karte sehen müssen, hat viele versteckte (harte) Fouls und Tätlichkeiten begangen. Es ist dafür nie belangt worden. Zum Glück ist das deutlich besser geworden.

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