Frankfurter Flickschuster

Wenn sich des Kaisers Kleider als Primark-Ware entpuppen, verliert auch das schillernste Outfit Glamour und Glanz. Der Kaiser selbst, nackt wie er dann da steht, wird belächelt. Wer treu zum Regenten steht, wird ihn bemitleiden – ihn, den Umtriebigen, den Planer und Strategen mit Handy am Ohr. Andere, die Geduldigen, springen auf den Zug der Klauselkönig, um im Bild zu bleiben: Klauselkaiser,-Kritiker auf. Zermürbt vom Positiv- und Geduldsgeschwätz bricht das Unverständnis nun auch aus den Zurückhaltenden heraus.

Machen wir uns nichts vor: Bei Eintracht Frankfurt hat von den Verantwortlichen niemand mit dem Abgang der Leistungsträger gerechnet, so, wie die Entscheidungsträger von einem Armin-Veh-Verbleib ausgingen. Dass der monatelangen (Nicht)Suche nach einem Trainer-Nachfolger die mindestens ebenso quälende Untätigkeit bzw. Verschnarchtheit bei Spielerkäufen und Vertragsverlängerungen folgt, ist die logische Folge dieser Fehleinschätzungen. Die Weltmeisterschaft taugt als Ausrede nicht, schließlich ist diese nicht zwischen März und Mai terminiert worden und brach wie eine Heuschreckenplage über die Funktionäre herein. Dass es auch auf dem „überhitzten Markt“, wie Bruno Hübner sagt, möglich ist Spieler zu verpflichten – in puncto Ablösesummen auch nicht zwingend für Mondpreise – sieht man täglich. Mainz hat den chilenischen Abwehrmann Gonzalo Jara ablösefrei verpflichtet (Chile,WM-Teilnehmer). Und in Augsburg, Freiburg und bei so manch anderem direkten Konkurrenten steht wenigstens ein stabiles (Trainings)gerüst, werden auch Spieler verpflichtet, die nicht den Namen aber möglicherweise doch Können in sich tragen – dort, das unterscheidet die Standorte maßgeblich von Frankfurt – wird allerdings mit Perspektivspielern auch richtig und produktiv gearbeitet.

Man muss jedenfalls kein Fan von Peter Fischer, dem scheidenden Eintracht-Präsidenten, sein, um zu verstehen wieso er von mangelnder Identifikation, von Tendenzen im Klub, die ihm nicht gefallen, spricht. Blickt man als Eintracht-Anhänger auf die vergangenen Jahre, die Zeit des Wirkens von Bruno Hübner, hat man das Gefühl, dement zu werden. So viele Spieler, wie in den vergangenen paar Spielzeiten geholt und (zu Kleckerpreisen) verkauft wurden, kann man sich kaum merken. Mohammed Abu, erinnert sich jemand? Ja, lange Zugehörigkeit – das wird romantisiert und wehmütig verklärt sein, war vermutlich nie die Regel. Und doch ändert es (für mich) nichts daran, dass ich mich schwer tue, mich im Saisontakt auf runderneuerte Kader einzustellen. Stefan Aigner, das ist zwischen den Zeilen von Hübner ja am Freitag gesagt worden, wird verkauft. Die Frage ist nur, wann. Sicher, wirtschaftlich könnte man mit Aigner das beste Ergebnis seit zig Jahren erzielen. Für 0 Euro gekommen, für sicher nicht weniger als vier bis fünf Millionen Euro verkauft – aber was nützen einem solche Zahlenspiele? Dann kommt der Nächste, okay. Wird der besser sein? Vielleicht. Vielleicht nicht. Man kann aber doch nicht jeden Leistungsträger, und Aigner ist das mit Sicherheit, ziehen lassen. Zumal, wenn man schon bis auf ein, zwei alle verloren hat – ganz egal, wer als Ersatz kommt. Dann schließt man nur eine Lücke, die bis dato nicht gar nicht da war. Sprich: Was nützt ein Aigner-Verkauf für Betrag X, um diesen etwa in einen Stürmer zu investieren, um dann gleichsam auf Rechtsaußen das (Qualitäts)Loch zu haben? Oder will man dann die Ablöse, sagen wir 4,5 Millionen Euro, auf zwei Neue splitten: Ein Stürmer, ein Außen? Dann wissen wir ja auch wieder, welche Kategorie die Eintracht so im Sinn haben wird. Frankfurter Flickschusterei, wie man es auch dreht und wendet.

Erkennt jemand eigentlich eine Ausrichtung des Vereins, vielleicht gar eine Idee von der langfristigen sportlichen Entwicklung? Jung, deutsch, schnell und offensiv wird ja erstens transfertechnisch gar nicht verfolgt und ist zweitens keine Abgrenzung, keine Inovation, kein Mü anders als bei / zu 35+ anderen Profivereinen. Oder stellt sich die Konkurrenz etwa mit dem Konzept alte, langsame Söldner, die Bälle hinten raus dreschen auf? Platitüden äußern sie in Frankfurt, sie sagen das, was die Leute hören wollen ohne danach zu handeln. Wobei: Aktuell trainiert Thomas Schaaf ja mit der A-Jugend plus Profis. Der Vorwurf, man setze nicht auf Jugend, ist damit natürlich hinfällig.

Fakt ist: Eintracht Frankfurt 2014, das ist Anti-Euphorie, Anti-Vorfreude, Anti-Bundesliga. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber auf meinen Dauerkartenplatz im Stadion habe ich derzeit so viel Lust wie aufs Baden in einer Güllegrube. Einfach, weil ich spüre, dass das so nicht reicht, dass selbst Neuzugänge – wenn sie denn mal im Dritteldutzend kommen – den Saison(start) nicht retten werden. Und, da bin ich meinetwegen hoffnungslos naiver Romantiker, ich Mühe damit habe, den Großteil der geschätzten Spieler durch Mr. Nick Nobody ersetzt zu sehen.

Zu „guter“ Letzt noch ein persönliches Wort. Es ist müßig und lässt einen auch immer wieder als Besserwisser, als egozentrischen Belehrer dastehen, wenn man von sich sagt: Ich hab doch gewarnt, ich hab doch aufgezeigt, dass da was schlecht läuft. Vor allem aber: Warnung hin, Mahnung her – man hat nichts davon. Weder gibt es eine Entschuldigung derjenigen, die einen als Schwarzmaler verspottet und angefeindet haben, noch lernt irgendjemand irgendetwas für die Zukunft. Im Gegenteil. Es geht immer weiter, als ob nichts passiert wäre, das man mit ein wenig Reflektionsgabe, ein bisschen kritischem Nachdenken, ein bisschen weniger aus-der-Hand-fressen hätte verhindern können. Und der nächste Fehltritt ist dann wieder nur Schwarzmalerei. Parole: wird schon, vollstes Vertrauen, ist noch Zeit, wartet ab. Vertrauen in die gleichen Leute, die den Karren bereits und wiederholt mit Ankündigung in den Dreck gefahren haben und jetzt darauf hoffen, dass dieser sich von selbst daraus zieht.
Wie gesagt: Als Bedenkenträger, ob nun als Fan oder als Journalist, bekommt man keine Akzeptanz, keinen Zuspruch, man bekommt schon gar nicht recht. Das einzige, das für einen selbst hängenbleibt und beruhigt, ist, dass man offenbar an keinem Cassandrakomplex leidet, wenn man am Ende doch wieder Recht hat. Davon ab: Ich habe nie verstanden, was an Cassandra der Makel gewesen sein soll. Jedenfalls bin ich der festen Überzeugung, das wir alle das Beste für unseren Verein des Herzens wollen. Ebenso überzeugt bin ich mittlerweile aber auch, dass es da draußen mehr Leute wie mich gibt, die eben lieber früher und durchgehend kritisch die Geschehnisse deuten. Das sollte nämlich eigentlich die Lehre aus dem sein, was wir in Frankfurt seit so vielen Jahren erleben – ob wir es ändern können, oder nicht.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Frankfurter Flickschuster

  1. Irgendwann werden auch die letzten feierfans sehen was da so passiert in dem verein. lange kann das ja eigentlich nicht mehr dauern denn es wird wirklich von jahr zu jahr schlimmer. am ende rettet man sich immer irgendwie aber das kann es doch wirklich nicht sein.
    Seit jahren bin ich wirklich treuer eintracht fan und habe schon viel geld investiert in diesen verein aber ganz ehrlich. so langsam habe ich keine lust mehr. es tendiert dazu das ich mir die ergebnisse anschaue und dann entweder grinse oder eben nicht ( meistens ja doch eher letzteres) . Es ist traurig was in diesem Verein passiert und das es anscheinend niemanden gibt der mal den Mund aufmacht und versucht was zu aendern.
    Das war bei vielen anderen Vereinen in der Bundesliga auch schon so. Ein paar haben es geschafft sich zu erneuern und viele nun mal leider nicht. Ich mag gar nicht darueber nachdenken zu welcher Kategorie die Eintracht in naher Zukunft mal gehoeren wird.

  2. Adlerschnabel

    Ich bin „Kunde“ bei Eintracht Frankfurt. Das wird mir schon beim Online-Ticketing gesagt. Und hier, bei BW’s emotionsgeladenen Warentest, wird plausibel erklärt, dass der Deal nicht lohnt, ich ziemlich verarscht und mich nur ärgern werde.
    Das Dumme bei mir ist, dass ich trotzdem kaufe.
    Oder.. nein, diesmal nicht. Ich werde in meine Kneipe Eintracht schauen gehen und unterstütze lieber meinen Wirt als Bruno. Der muss über 500 € pro Monat an Sky blechen. Da bekomme ich statt langweiligen Ultra-Singsang und zu erwartendes Spieler-Auspfeifen und/oder „Schaaf raus“ Gegröle wenigstens gutes Bier und gutes Essen für mein Geld, während ich mich wahrscheinlich über Bruno und seinen Anhang auf den Rängen ärgere, das Pack, welches die Akteure auf dem Rasen und den Trainer für ihren Frust verantwortlich machen wird.
    Das wird das Preis-Leistungs-Verhältnis bessern, aber meine Wut wohl leider kaum dämpfen.

  3. Jermaine Jones Junior

    Leute, ich mahne hier grundsätzlich ein wenig zur Ruhe.
    Für mich gilt unter Trainer Thomas Schaaf ganz klar die Annahme, dass wir ziemlich sicher NICHT absteigen werden. Wieso gibt das anscheinend niemanden hier Grund zum Anlass sich ein wenig zu beruhigen?

  4. Mich würde interessieren wie es Alex Meier aktuell geht. Der muss sich doch auch ziemlich verarscht vorkommen. Vertrag verlängert und gehen der Trainer und die wichtigen Mitspieler. Sarkasmus an: Vielleicht sollte er auch gehen. Bei so viel Restlaufzeit gibt es bestimmt eine gute Ablösesumme. Sarkasmus aus.

    Jetzt schaun mer mal, wie es weiter geht. Die handelnden Personen haben durchaus Ehrgeiz und wissen auch was auf dem Spiel steht. Wer weiß, so wie ich nicht mit Schaaf gerechnet habe, so kommen jetzt vielleicht Spieler, die Schaaf für sein Konzept braucht.

    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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