Wider dem langen Hafer

Das Aufbauspiel von Eintracht Frankfurt zusammengefasst: Ein Innen- oder Außenverteidiger, ja selbst Torwart Kevin Trapp, schlagen nach Ballgewinn den Ball lang und hoch ins offensive Mittelfeld. Genauer gesagt werden die hohen Bälle stets bis 25, 30 Meter vor das gegnerische Tor gespielt. Die Zuspiele landen in einem direkten zentralen Bereich, wo a) Haris Seferovic das Zuspiel abschirmen und auf einen der drei nachrückenden Mittelfeldspieler weiterleiten soll oder (seltener) b) wo ein Außen-Mittelfeldspieler im Sprintduell dieses erlaufen und auf den Zetralen (Seferovic) hereingeben soll.

Wird das Mittelfeld mal nicht mit einem langen Ball überbrückt, kommt den Außenverteidigern (Anmerkung: Bei der SGE sind das nicht die technik- und spiel- und passstärksten) die Spielmacherrolle zu. Sie sollen sowohl nach einem Ballgewinn mit einem kurzen Pass ins defensive Mittelfeld oder auf die vor ihnen postierten offensiven Außen den Angriff initiieren (oft via Doppelpass), als auch den Tor-Abschluss durch Flanken und Hereingaben final vorbereiten. Sie sind also häufig sowohl Ausgangs- als auch Endpunkt des Eintracht-Aufbaus.

Es stellen sich daher zwei Fragen: Welche Rolle kommt den defensiven Mittelfeldspielern zu und wie lauten die Anweisungen für die offensiven Außenbahnspieler? Zu den Sechsern: Dass Makoto Hasebe durchaus die ordnende Funktion hat, den Strukturgeber miemen soll und das auch tut, sah man in Abschnitt eins gegen Augsburg. Da

Schaafs System leuchtet nicht ein. Der Trend im Fußball ist es seit Jahren, Überzahl im Mittelfeld zu schaffen. Mittlerweile geht das sogar so weit, dass die Viererkette bei einigen (siehe Bayern München) ausgedient zu haben scheint, um einen Mann in der Grundformation 10, 15 Meter weiter vorne, im Mittelfeld zu haben. Im Extremfall (siehe Bayern München) schieben dann außer einem zentralen Verteidiger (Dante) – früher mal Libero genannt – zwei der drei verbliebenen Defensiven (Boateng / Badstuber) vor, einer geht bisweilen mit in Richtung Grundlinie, der andere spielt de facto eine Halbposition, wie im klassischen 3-5-2, wie es die meisten Kreisligisten mangels Technik und Kondition seit 50 Jahren durchziehen.

Jetzt kann man zurecht als Argument anführen, dass anti-zyklische Herangehensweisen – also das Entgegentreten mit der genaue gegenteiligen Herangehensweise – das beste Mittel sind um Erfolg zu haben. Doch dazu müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Zum einen muss der Gegner qualitativ oder personell überlegen sein, der Gegner darf also nicht der eigenen Leistungsebene entsprechen. Zum anderen müssen die eigenen Spieler die Herangehensweise nicht nur verinnerlicht haben, sondern für genau diese Idee quasi gemacht worden sein. In Bezug auf die Eintracht: Ein Fußball, wie ihm Schaaf vorschwebt, kann man nicht mit einer offensiven Dreierreihe Piason, Inui, Kadlec spielen lassen. Das sind drei Fußballer, die Bälle – schon gar keine langen, auftitschenden – nicht behaupten können, die mit dem Ball am Fuß gerne fuddeln, ins 1-gegen-1 gehen. Die jedenfalls in Laufduellen regelmäßig an den robusteren Gegenspielern scheitern und die offenbar auch nicht so viel schneller sind als ihre Gegenspieler, als dass sie solche Zuspiele erlaufen und dann noch in Richtung Torchance kreieren diesen weglaufen. Dazu gesellt sich die Tatsache, dass man es sich bei allen in der Offensivreihe um Spieler handelt, die eher schwach(brüstig) im Torschuss sind. Takashi Inui rutschte da gegen Augsburg sogar noch ein für ihn überdurchschnitlich guter raus in der ersten Halbzeit, auch der eine Versuch von Vaclav Kadlec war okay; aber ein gelernter Stürmer, einer für vier Millionen Euro Ablöse darf da den Torwart mal überwinden.

Für die Auftsellung / das System / die Torschussstärke mit und von Nelson Valdez gilt das übrigens genauso. Auf Dauer, bis jetzt, hätte das auch nicht funktioniert. Tat es ja, wenn man die Spiele gegen Vik. Berlin, Freiburg und Wolfsburg als Beispiele nimmt, auch nur bestenfalls phasenweise. Es gilt jedenfalls, was schon früh unter Trainerimitat Skibbe zu sehen war: Die Mannschaft ist zu leicht ausrechenbar, offensiv fehlen ihr die Mittel. Das ist im Resultat das, was die Beobachter von „Frankurter Rundschau“, „Frankfurter Neuer Presse“ und Co. in ihrer Tagesberichtersattung zwischen Juni und August – während der Saisonvorbereitung – widergaben und analysierten.

Einen der größten Fehler, den die Verantwortlichen um Sportdirektor Bruno Hübner („In der ersten Halbzeit ein gutes Spiel gemacht“) jetzt machen können, ist das Team stärker einzuschätzen, es stärker zu reden, als es ist. In dieser Grundformation mit diesen Spielern, mit dieser lässigen Schnicker-und-Schnippler-Einstellung einiger Mittelfeldspieler droht Thomas Schaaf samt Team an der Bundesliga zu scheitern. Es mag so, in den ersten drei, vier Saisonwochen, wo sich alles und jeder in der Liga noch zurechtrüttelt, für einen Sieg gegen Freiburg und einen Willenspunkt gegen Wolfsburg reichen. Es hätte mit (noch mehr) Glück auch für einen Punkt gegen Augsburg reichen können. Aber ergebnisunabhängig reicht das, was Eintracht Frankfurt in der Anfangsphase der Saison spielerisch zeigt nicht, um eine gewisse Zuversicht, eine gewisse Entspannung aufkommen zu lassen. Von Spaß am Zuschauen ganz zu schweigen, wobei das, die Vergnügungssteuer für mich immer eine untegeordnete Kategorie war.

Was muss der Trainer also ändern? Er muss entweder die Spieler aufstellen, die sein Spielsystem funktionieren lassen, oder das Team die Spielweise spielen lassen, die es am besten beherrscht. Welcher Schritt ist sinnvoller? Wie Thomas Schaaf selbst nach wie vor sagt und zugibt, haben die Spieler beim Erlernen und Umsetzen des Geforderten Probleme. Das alleine sollte nach drei Monaten Arbeit mit der Mannschaft als Argument reichen, eine andere Herangehensweise zu etablieren. Viel stärker wiegt jedoch die Tatsache, dass Schaaf sehr wohl jene aufstellt, von denen er den Eindruck hat, dass sie das von ihm Geforderte noch am besten umsetzen können. Da sie das offenbar nicht können … Auf dem nun gesunden, trainierenden (aber noch nicht in Form sein könnenden) Stefan Aigner werden Schaafs Hoffnungen ruhen. Nicht ganz zu unrecht. Der rechte Mittelfeldspieler erfüllt nämlich, zusammen mit (einem theoretisch fitten und in Normalform befindlichen) Jan Rosenthal, als einziger die körperlichen und spielerischen Voraussetzungen für die bisher gezeigte und von Schaaf wohl verlangte, oben skizzierte Spielweise. Beide, also Aigner und Rosenthal sind schnelle, aber vor allem körperlich robustere, durchsetzungsstärkere und im Torschuss bessere Spieler als Piason, Inui, Valdez/Kadlec. Dann könnte man zuletzt noch darüber streiten, ob es mit Alexander Meier oder Takashi Inui oder Lukas Piason oder oder oder (Marc Stendera?) als zentral Offensivem hinter Stürmer Haris Seferovic (besser) gelänge. Vermutlich mit Meier, wenn auf dem linken Flügel dann doch einer der Flinkeren – Piason oder Inui (Stendera?) – auflaufen würde. Kadlec hingegen sollte man schlicht dort aufstellen, wo er hingehört: in den Sturm, als Ersatz- oder Nebenmann von Seferovic.

Im defensiven Mittelfeld muss und wird Schaaf ebenfalls etwas ändern. Neben dem gesetzten Makoto Hasebe, der wie bereits beschrieben immerhin durchaus seine Strategenrolle aufblitzen lässt, wird Slobodan Medojevic (für Marco Russ bzw. Martin Lanig) dauerhaft in die Startformation rücken. Er zeigte gegen Augsburg zwei, drei Mal Balleroberer- und auch Antreiber-Qualitäten. Denn sowohl Ballgewinne als auch die schnellen 5,6 Schritte nach vorne bis zum Abspiel gibt es weiterhin viel zu selten im Spiel der Frankfurter.

Trainer Thomas Schaaf könnte auch das System, die Spielweise ändern. Er könnte sich strategisch wie personell an der mehr oder weniger bewährten Variante der Vergangenheit orientieren. Das würde er mit der etwaigen dauerhaften Hereinnahme Aigners im Ansatz bereits tun. Die einzig offene Frage bliebe dann, ob man den bislang stets blassen, gar lustlos wirkenden Lukas Piason weiter mitschleppt oder nicht. Die Alternative hieße, den ebenfalls weiterhin schwachen (wenn auch im Vergleich zu den letzten 18 Monaten leicht verbesserten) Takashi Inui doch wieder auf den linken Flügel und dafür Alexander Meier hinter Stürmer Seferovic zu stellen. Ob sich das dann 4-2-3-1, 4-1-4-1, abkippend, schwimmend, falsch oder was auch immer schimpft, ist sowieso latte.

Klar käme dieser Schritt einem Umwerfen der urpsprünglichen Idee des Trainers gleich. Doch deutet bereits Schaafs Dreifachwechsel zwischen Halbzeit und Minute 55 im Spiel gegen Augsburg auf eine Einsicht, auf von ihm erkannte zwingende Änderungen hin. Medjojevic wird, wie bereits geschildert, sicher in die Starterlf rücken. Das kann bereits etwas bewirken. Aber es wird nicht die Schwächen und Probleme mindern, die ab dem Moment entstehen, in denen der Ball in Richtung des gegnerischen Tors gepasst werden muss. Stefan Aigners Rückkehr – aber nicht bei 80, 90 Prozent Leistungsvermögen – erscheint so oder so zwingend. Und trotz diesen beiden Schaltern wird auch die arg strapazierte Geduldsfrage um Takashi Inui und die damit verbundende causa Alexander Meier beantwortet werden müssen. Der Schlüssel, den Schaaf dazu in der Hand hält, heißt Lukas Piason. Setzt der Trainer ihn auf die Bank, kommt vor allem erstmal die Rotationsmaschine in Fahrt – aber vielleicht dadurch auch die Eintracht.

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