Das Gefühl

Meine Berufskollegin und Freundin Sara Peschke hat vor kurzem diesen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht. Dieser beschreibt eine Entwicklung, die zwar Nische ist und bleiben wird, der aber eine interessante Grundstimmung aufgreift.

Vielleicht liegt es am Alter. Aber ist es nicht wirklich so, dass der Profifußball immer überreizter zu werden scheint? Montags geht es los, sonntags endet es – und schon beginnt der Zyklus von vorn. Die immer selben Nasen bemühen die immer selben Floskeln. In diesem Jahr versucht sich Trainertyp A an der Neu-Erfindung des Sports, im nächsten Jahr Trainertyp B. Und am Ende rennen ganz simpel 20 (+2) Leute einem Ball hinterhe. 90 Minuten Fußball gibt es dann, mal optisch übel wie SGE vs. HSV am Sonntag, mal elektrisierend wie SGE vs. Wolfsburg vor eineinhalb Jahren. In der Tabelle steht am Ende einer der beiden Primat..Primuse vorn. Geld schießt Tore, Geld bietet kundenorientierten Fußballzirkus, Geld zieht Geld an.

Hinter den vergebenen Honigtopfrängen, die alle paar Jahre durch Investorenklubs ergänzt werden, balgen sich die Verbliebenden um möglichst schadlose Platzierungen, reihen sich irgendwie mehr oder minder ambitionslos ein. Sie führen letztlich einen Abwehrkampf, in dem es darum geht, doch noch möglichst lange in der Bundesliga zu bleiben. Es geht darwinistisch um das Überleben in einer Welt von ökonomisch gepämperten „Vereinen“, keine Spur mehr von Kampfansagen, geschweige denn Meisterschaftsüberlegungen außerhalb von Bayern München, Borussia Dortmund. Pseudo bescheiden geben sich dann noch Wolfsburg und Leverkusen, bald Leipzig, sowieso Hoppenheim. Da wirkt es eher putzig, um das Wort naiv zu vermeiden, dass dei Fans von Union Berlin einen in Schwarz gehüllten Protest gegen RedBull Leipzig führ(t)en. Ja, es ist super, dass die Berliner das offensiv betreiben. Und ja, es ist sinnlos, wie heutzutage jedweder Gedanke zum Stopp eines Trends sinnlos ist. Alles, was Mode ist, wird gut geheißen. Fortschritts- und Technikglaube. Hörig, würde es mancher nennen.

Verdruss ist wohl das richtige Wort. Aber wie soll man auch anders fühlen? Da schaut man auf die Tabelle in der zweiten Bundesliga und weiß, was (auch in der ersten Liga bald) Sache ist. Da kicken Aalen, Sandhausen, Ingolstadt rum! Das sind Spiele, da kommen weniger als 8000, oft weniger als 5000 Zuschauer in das Stadion. Und am Fernseher werden das sicher keine Millionen verfolgen, es würde wundern, wenn es – die Sky-Konferenz ausgenommen – auch nur eine niedrige fünfstellige Zuschauerzahl wäre. Das ist in der Bundesliga, bei den dafür prädestinierten Klubs, nicht anders, siehe Wolfsburg gegen Hoffenheim.

Nein, früher war nicht alles besser. Uerdingen, Wattenscheid, Homburg – das waren auch keine Massenmagneten. Es ist wie gesagt auch eher ein Gefühl, das sich auszubreiten scheint. Man gibt als Fan ja schließlich doch einiges, vor allem Emotion, Kraft, Zeit. Dinge, die noch über Geld stehen. Erwartet man dafür die von Sara Peschke angesprochene Liebe? Vielleicht nicht, nicht mehr. Man erwartet eigentlich nur, dass man nicht den Bezug zum Verein des Herzens verliert. Dieses Gefühl geht nämlich über Ergebnisse und Platzierungen, auch über Spielweisen hinaus. Es geht dabei nicht um die Sehnsucht nach Dauersingsang von Selbstbeweihräucheren in der Kurve, es geht schon gar nicht um Pyrotechnik. Es geht darum, dass Fußball am Ende Fußball bleibt – keine scripted Reality-Veranstaltung, flankiert durch amerikanisierte TV-Berichterstattung, den „Super-Samstag“ und Co.

Überlebt sich der Fan etwa mit (seiner) Zeit? Man will es nicht hoffen. Aber wie die Bachelorstudiengänge zur Normalität für Neu-Studenten werden, wird es in wenigen Jahren auch keine Debatte mehr über die Investoren-Klubs geben. Dann schauen sich zwar auch nicht wesentlich mehr Leute die Existenz dieser gepriesenen Fußballlaboratorien an. Aber das Gefühl wird ein anderes sein.

Forza SGE!

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