Die Kaderschmiede

Die A-Jugend-Spieler von heute sind nach Einschätzung der Eintracht-Verantwortlichen – aber auch anderer Klubfunktionäre – so gut, dass sie es von der Jugend umstands-, umweglos ins Profigeschäft, in die Bundesligen schaffen. Eine U23, zweite Mannschaft, Reserve brauche es nicht mehr. Deren Unterhalt sei zu teuer (800 000 Euro pro Jahr für die SGE). Resümee der Vereins-Chefs: Es schaffen zu wenige Spieler über diesen Weg, über die dritte / vierte Liga den Sprung in die erste(n) Mannschaft(en).

Das ist zusammengefasst die Haltung, deren Hintergründe man detailierter etwa hier oder, mit Kritik von Dortmund-Trainer Jürgen Klopp, hier nachlesen kann.

Nach so einer Entscheidung vergeht dann nicht mal ein Vierteljahr, und der geneigte Fußballfan stößt auf diese End-September-Meldung. Was fällt ihm auf, dem Leser, dem Fan? Dass da irgendwo sehr schnell die Logik-Kette gerissen zu sein scheint. Die Einschätzung der Stärke der eigenen Jugend, wonach die – und das angeblich seit Jahren – höheres Potential besitzt als eine U23, kommt angesichts solcher Entwicklungen ebenso früh wie gehörig ins Wanken.

Man kann das für Frankfurt in zwei Richtungen drehen: Quantitativ haben es in den vergangenen Jahren zwei Kicker ohne, zwei Kicker mit/über U23 in den Profibereich geschafft (wir rechnen mal nur diejenigen, die auch wirklich mehr als einmal in der Bundesliga / zweiten Liga gegen den Ball getreten haben).

Den Weg über die U23 zu den Profis nahmen zuletzt Marco Russ und Sebastian Jung erfolgreich. In Russ‘ Fall ist das acht Jahre her (ab Frühjahr 2006 wurde er regelmäßig eingesetzt) in Jungs Fall sind es fast fünf Jahre (2009/2010 stieß er zu den Profis).

Ohne U23 haben es Marc Stendera (2012), im oben verlinkten Artikel wird noch Luca Waldschmidt (2014) genannt, der von der A-Jugend, neudeutsch U19, zu den Profis „geschafft“. Die Anführungszeichen sind absichtlich gewählt, denn ZU den Profis haben sie es sehr wohl geschafft, vertraglich, aber sportlich durchgesetzt BEI den Profis haben sie sich nicht – bei Stendera wird das aber vermutlich in der Tat nur eine Frage der Zeit sein.

Ergo: Man könnte die These aufstellen, dass die einzigen Nachwuchsspieler, die es bei und über Eintracht Frankfurt zur Bundesligatauglichkeit, zu einer gewissen Qualitätsgüte geschafft haben, aus der U23, aus der erst-Jugend-dann-Reserve-Prägung kamen/kommen.

Nimmt man Marc-Oliver Kempf (nun in Freiburg Stammspieler) hinzu, schlägt das Pendel bei der Bewertung „wie werde ich bundesligatauglich“ eher in Richtung U23 denn in Richtung Jugend aus. Rechnet man Sonny Kittel (vor den ersten Profieinsätzen ohne U23-Erfahrung) rein, wiegt es sich wieder auf. Aykut Özer sollte man wegen der besonderen Torwartumstände außen vor lassen.

Es bleibt so oder so schleierhaft, wie, anhand welcher tatsächlichen personellen, sportlichen Entwicklungen – Beweise sozusagen – man die eigene Jugend(arbeit) als stark genug / als stärker einschätzen und die Anti-U23-Entscheidung treffen konnte.

Die Tatsache, dass Profi-Trainer Thomas Schaaf junge Spieler wie den seit Wochen verletzten Joel Gereghizer (18 Jahre, keine U23-Erfahrung) mit ins Sommer-Trainingslager nahm, ihn einsetzte und lobte ist kein Indiz für die hohe Güteklasse des Spielers oder gar der SGE-Jugend. Dieser Schritt ist a) dem Rumpfkader der Vorbereitung geschuldet und b) haben in den vergangenen zehn Jahren alle Trainer mal Talente in Vorbereitungen eingesetzt, sie gelobt. Vor allem aber haben sie sie gewogen und offenkundig für zu leicht befunden. Alexander Hien (Wormatia Worms), Erik Wille (MSV Duisburg), Julian Dudda (Werder Bremen II), Juvhel Tsoumou (FK Senica) – nur vier Namen aus den letzten Jahren. Um die Klammer zu oben zu schließen: Tsoumou spielte recht häufig für die U23, Hien eine halbe Saison, Dudda und Wille spielten dort nicht.

Kurzum: Bei Eintracht Frankfurt spielt es keine Rolle, ob jemand aus der U23 oder A-Jugend kommt – bis auf wenigste Ausnahmen scheitern alle. Die größte Chance auf Einsätze, auf einen Durchbruch, auf nachhaltige könnte man den Ex-U23-Spielern zuschreiben. Jedenfalls ist das Abstellen auf die höhere Qualität heutiger Jugendspieler eine fadenscheiniges Argument für die Abschaffung der U23. Es ging nicht so sehr um eine Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern um eine Kostenrechnung. Und da waren 800 000 Euro für einen kompletten Kader, aus dem zumindest theoretisch ein an körperlich robusteres Viertliga-Senioren-Partien gewöhnter Spieler entwachsen kann, zu teuer. Wie viel man von diesen flux eingesparten 800 000 Euro im Handstreich in die Dienste Timo Hildebrands als dritten Torwart investiert hat, werden wir wohl nie erfahren.

Am Samstag um 18.30 Uhr geht es gegen den 1. FC Köln. Das wird garantiert ein Leckerbissen 😉 Aber was soll`s: Nur die Punkte zählen, nicht die B-Note. Es brauchtnNoch 27 Zähler bis zum Klassenerhalt – auf geht`s, U23, Jugend hin oder her.

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