Gegen die Lemminge

Die tabellarische wie sportlich-qualitative Befreiung von Eintracht Frankfurt kam keinen Moment zu früh. Die Vorzeichen standen derart schlecht, dass der Mannschaft samt Trainer dieses Comeback, nein, das Come-In sehr hoch anzurechnen ist. Zum ersten Mal seit vielen Monaten hat man das Gefühl, das Team sei in der Saison, im Wettkampfmodus angekommen, könnte tatsächlich den einen oder anderen Gegner ärgern, Punkte holen und schlußendlich auf einem Rang im gesicherten Mittelfeld landen.

Was war das monatelang für eine Qual! Eine vorhergesehene zumal. Die Berichterstattung aus den Trainingslagern, die veröffentlichten Eindrücke in der Vorbereitung – alles trat so ein, wie es die Frankfurter Sportjournalisten prognostizierten. Da ist man als Berufskollege gespannt, ob in den Redaktionen von „Frankfurter Rundschau“ und Co. inzwischen so viele Entschuldigungs-Mails eingetrudelt, wie Droh-Mails versandt worden sind. Die Antwort, die Handlungsweise der Leser kenne ich, keine Sorge.

Was lernen wir aus den Entwicklungen der vergangenen Wochen und Monate? Zum einen, jenen Experten zu vertrauen, zu glauben, die a) wesentlich mehr Erfahrung haben, b) deutlich mehr Fachwissen über Fußball als solchen und das Gebilde Eintracht Frankfurt besitzen, c) täglich und dauerhaft näher an Team, Stimmungen und Perspektiven sind, als 99,9 Prozent der Fans und meinungsstarken Beobachter. Zum anderen sollten wir erkennen, dass es sinnvoll, nein, dass es die Pflicht eines jeden (un-ideologisierten) Eintracht-Fans ist, frühzeitig auf Missstände hinzuweisen, Fehlentwicklungen aufzuzeigen und ja, anzuprangern. Lieber die eine Woche zu früh, als die eine Woche zu spät. Lieber der nervige Mahner, die verspottete und angefeindete Cassandra sein, als der Ewigtreue, der unmündige Klub-Lemming. Gerade die Erfahrung des Abstiegsjahrs unter Trainerimitat Michael Skibbe und der ebenso verspäteten wie glücklosen Inthronisierung von Christoph Daum, sollte jedem SGE-Fan für Jahre, Jahrzehnte ins Gedächtnis gebrannt sein. Das war, das ist der sportliche Sündenfall gewesen, der längste Abstieg der Fußballgeschichte – weil er von allen, die es, die die Entwicklung sehen konnten/wollten, erkannt wurde.

Es ist also kein Fehler, kein Makel, Kritik zu äußern. Es ist kein Frevel, alle möglichen Entscheidungen kritisch zu hinterfragen – schon alleine deshalb, weil man sie so (öffentlich) einem Check unterzieht. Immerhin entstehen so, und nur so – durch Diskussion, durch den Austausch von Standpunkten und Erfahrungen – Ideen, mitunter gar produktive Lösungswege.

Demokratische Menschen, das bedarf es dafür. Leute, die einen Diskurs führen wollen, die sich freimachen von Ideologie, von allzu tief sitzender Emotion, dienicht im Trikot schlafen gehen (und Eintracht-TV abonieren). Wie in der Vergangenheit immer mal wieder von mir gehandhabt, bin ich mir deshalb auch nicht zu schade, bei Bedarf mea culpa zu sagen, mich zu entschuldigen für zu forsch Geäußertes. Dennoch bin ich der Meinung – schon qua meines Berufs, der aber hier mit dem Blog nichts zutun hat – , dass das Aufmerksammachen stets besser ist als das Schweigen. Lieber einmal zu laut gebrüllt, als zu leise gepiepst. Das muss niemandem, schon gar nicht den Kritisierten gefallen. Aber wenn es zu einem (im Rahmen des möglichen) positiven Ergebnis beiträgt, bin ich nicht minder glücklich als jeder Funktionär und Fan, der es gut mit der Eintracht meint.

Das alles ist jetzt vermutlich sehr viel Meta-Ebene gewesen, entfernte sich immer weiter vom eigentlichen Thema, der Kurzfrist-Entwicklung der SGE. Aber wann, wenn nicht zu entspannten/entspannteren Zeitpunkten, sollte man so etwas ansprechen? Man sehe es mir nach.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Beiträge

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s