Mein Tabubruch

Politik hat in meinem Blog über Eintracht Frankfurt nichts verloren. Manches Mal musste ich mich selbst an diese vor 4 Jahren gefasste Maßgabe erinnern und zurückhalten. Denn hin und wieder, Thema Stadionmiete / Stadionbau , lassen sich Dinge rund um das Sportliche nicht vom Strukturellen, vom Gesamtkontext trennen.

Heute breche ich die Maßgabe doppelt. Zum einen geht es um Politik, um ein Gesellschafts-Thema zum anderen nicht um die Eintracht. Es geht um persönliche Worte, das ist mir, der entgegen der Millionen sich nie auf Facebook äußert, an diesem Tag wichtig.

In Paris sind mehrere Berufs-Kollegen von mir ermordet, hingerichtet worden. Journalisten, Redakteure und Menschen, die für unsere Arbeit in den Redaktionen unerlässlich sind. Es sind Männer und Frauen gestorben, die in Extremform das taten, was tausende Journalisten täglich tun: sie übermitteln Geschehnisse, Sie holen Dinge aus dem Schatten, sie regen über allem zum denken an, und ja, sie provozieren (Reaktionen). Durch Text/Worte, durch Fotos, Grafiken, Illustrationen.

Das verkraften viele, zunehmend mehr Menschen nicht. Das, was in Paris geschehen ist, religiöser Hintergrund oder nicht, ist ein Fanal. Dem liegt Hass zugrunde, Hass auf jene, die mitunter schmerzliche Wahrheiten, schlicht Wahrhaftigkeiten, auch (manch kontroverse – davon lebt Demokratie, Freiheit!) Meinung veröffentlichen.

Religion, Politik, Gesellschaft: Die Medien-Verachtung hat sich vor langem Bahn gebrochen, ist mittlerweile schick. Vom Obdachlosen bis zum Professor wird sich gerne ereifert über die bösen, die machtmissbrauchenden Medien. „Lügenpresse“ – das werden sich die Attentäter auf Charlie Hebdo ebenso gedacht haben wie viele aus dem Pegida-Stall in Dresden und den unzähligen dunklen Winkeln des Internets, wo die anonymen Heckenschützen ihr Gift verbreiten.

Lesen, reflektieren, diskutieren – alles was Vernunft, Bildung, Demokratie, den guten Menschen ausmacht, geht seit geraumer Zeit zugrunde. Weil der Mensch nichts mehr lernen, sondern weil er kundtun will. Informieren ist out, das eigene Weltbild und alles was an „Information“ hinein passt ist zur Wahrheit geworden, alles und jeder das/der dieses in Frage stellt, ist ein Feind. „Hängt ihn, den Überbringer der schlechten Nachricht“ – so war es immer unter Menschen. Die Ursache, der Verursacher sind stets fein raus. Der Überbringer, nennen wir ihn Journalist, ist der Übeltäter.

Das wird in den wirren Köpfen der Paris-Attentäter vorgegangen sein. So, wie in vielen Köpfen da draußen so ein Gedanke existiert. Journalisten, Medien sind schon lange nicht mehr die Guten. Nicht mehr jene, die Presse- und Meinungsfreiheit leben, die dafür sorgen, dass man sich (auch über sie) überhaupt erst aufregen kann. Medien, dieses so fabelhaft dankbar anonyme Wort, sind die 12 toten Pariser Journalisten. Es sind die Menschen, die im Krieg Bilder machen und Geschichten schreiben, die zeigen was das reale Gesicht unserer Welt ist. Es sind Interviewer, die in Berlin oder Buxtehude Fragen stellen. Medien, das sind Leute in Metropolen, in Kleinstädten, auf Dörfern, die – nicht alle, weil nie (!) alle – ihr Möglichstes versuchen um aufzuklären, um den Mitmenschen zu zeigen was passiert. Medien sind Menschen. Medien sind – nicht alle, weil nie (!) alle – mutige Menschen. Medien sind Menschen, die oft mehr im Kreuzfeuer stehen als die Themen und Personen, die sie beschreiben. Medien, das bin auch ich, Björn Wisker, das sind viele gute, engagierte, Wahrhaftigkeit liebende und dafür oft 13,14 stunden pro Tag arbeitende Journalisten-Kollegen. Nicht alles, was man weiß oder glaubt zu wissen, ist veröffentlichbar. Nicht, um Dinge zu verschleiern oder jemanden zu schützen, sondern weil die Quellenlage es nicht zulässt. Lügenpresse, das sind nicht Charlie Hebdo oder andere. Lügner sind all jene, die im Internet ihre Thesen als Wahrheit verkaufen, deren „Arbeitsweise“ durch keine Standards definiert ist.

Ich bin bestürzt über die Ermordung meiner, wenn auch persönlich unbekannten Kollegen. Auch und gerade, weil dieser Anschlag in einem größeren Kontext steht und diesem ein Gedanken-Mechanismus zugrunde liegt, den ich für ebenso kreuzgefährlich wie (bereits) gesellschaftsfähig halte.

Je suis Charlie.

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Mein Tabubruch

  1. Jermaine Jones Junior

    Ich bin gespalten, weil mich solch schreckliche Ereignisse wie die in Paris Trends auslöst, dessen (An)teilnahme immer schick ist. An meiner Uni gibt es eine historische und bewegende Ausstellung über die Ermordeten des NSU-Terrors. Aber darüber scheint ja keiner mehr zu berichten. Ich bin nicht Charlie, ich bin nicht „11. September“ und auch nicht Tugce, sondern einfach nur tolerant, weltoffen, ein wenig naiv/verträumt/idealistisch und kritisch-differenziert.

    • Möchte den Blog wahrlich nicht zur Poltik-Plattform umwidmen, aber nur so viel: Ich halte so etwas weniger für einen Betroffenheits-Trend sondern für ein Statement für unsere grundlegendsten Grundwerte.

      Zu NSU: Deine These halte ich für falsch. Sehr wohl wird weiter darüber berichtet. Zum einen ist der Gerichtssaal nach wie vor voll mit Journalisten (die über jeden Verhandlungstag publizieren). Zum anderen wird etwa im Zuge der ganzen Pegida-Sache und dem Sumpf Sachsen auch NSU thematisiert. Nicht immer auf Spiegel Online und Co – aber die „großen“ 5 (+TV) sind ja glücklicherweise nicht alles an Profi-Medien im Land.

      Ich bin auch nicht Charlie – aber als Journalist bin ich (Teil der) gelebten Presse- und Meinungsfreiheit. Daher betrifft das Geschehende Medienleute – glaube ich – automatisch noch mehr.

  2. wayan

    Ich verfolge als Fan im Berliner Exil seit einiger Zeit diese Seite, und freue mich immer wieder über die mit Herzblut geschriebenen Kommentare zur Situation der Eintracht – herzlichen Dank dafür! Das wollte ich schon länger mal sagen, aber erst der „Tabubruch“ bringt mich spontan dazu, mich auch zu äußern: Das sind die passenden Worte zu dieser schrecklichen Tat und der dahinter stehenden Haltung. Nochmals danke.

    Je suis Charlie

    • Hallo wayan, danke für die Rückmeldung. Es ist immer schön, mitzubekommen für wen man etwas schreibt bzw dass es am Lesestoff interessierte Leute gibt.

      Das klingt bei meinem Tabubruch wohl durchaus an/mit: Im Beruf weiß ich manchmal nicht mehr, ob Interesse, Neugier, Debatte etc noch in den Menschen leben oder ob all das durch die zig Amüsement-Möglichkeiten im Internet bereits tot ist.

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