Welten? Dimensionen!

Das Leben hält für uns alle einige Stationen bereit. Die großen, wichtigen von Schule, (Uni-)Ausbildung, Ehe/Partnerschaft, Familie und das Verkraften von Schicksalsschlägen ist uns allen vorbestimmt. Dafür braucht es kein Glauben an oder das Verneinen von Gott. Neben den skizzierten Weichenstellungen, die unser Denken und Handeln prägen, formen, verändern, gibt es viele unendlich banalere Einschnitte. Und doch sind sie als solche spürbar.

Wovon schreibt der Typ jetzt, mögen viele Leser denken. Zurecht, scheint diese Küchenphilosophie doch nichts mit dem Kern-Thema dieses Blogs, Eintracht Frankfurt, zutun zu haben. Wieso mir diese Gedanken aus den Fingern quillen und sie eben doch zur Eintracht passen, mag ich gerne erklären.

Am 27. Februar 2015 feierte der FC Bayern München 115. Geburtstag. Im Stadion gab es in der Südkurve eine Choreografie. Mitten drin, unter der Plane und als einer von
75 000 Zuschauern gegen den FC Köln: ich. Ein SGE-Fan mit Leib und Seele zwischen Schickeria, Event-Liebhabern und ja, auch Ur-Fans (es war, das zur Erklärung, der Abschluss des Ski-Urlaubs in Österreich).

Ich spare mir große Ausschweife zur Leisestärke im Allianz-Stadion, zur 0-Emotion no matter what happens und zur absoluten Kommerzialisierung von Verein und Sport. Alles schon 1000 Mal von 1000 Leuten bemängelt. Aus eigener Erfahrubg kann ich nur sagen: ja, stimmt alles. So what? Man wusste ja schon vorher, dass das eigene Herz, die eigene Emotion nur der SGE gehört.

Was ich aber in diesen 91 Fußballminuten sah, hat mein Bild von Möglichem und Realem, von Aktion und Reaktion, von (an)trainierter Spielweise und theoretischer Taktik im Fußball durchaus verändert. Das Wesentliche, das Spiel, der Sport, der Erfolg dieses FC Bayern fußt auf dem Streben danach, der Arbeit an der Perfektion. Und diese Perfektion beruht nicht auf der Klasse von Arjen Robben, Manuel Neuer, Franck Ribéry oder Bastian Schweinsteiger. Es ist die Art, wie sie spielen, sichtbar in (entscheidenden) kleinen Situationen bzw. Entscheidungen. Entscheidend: Bayern München lässt den Ball nie (nie!!!) ins Seitenaus gehen. Sie holen alle Zuspiele, Abpraller, Klärungsversuche des Gegners vor der Linie – und geben den Kontrahenten damit keine Zeit sich zu stellen, zu sortieren, zu atmen. In Abgrenzung dazu Eintracht Frankfurt, die jeden Ball ins Seitenaus kullern lassen. Einwurf-Orgie statt Dauer-Druck. Hat das was mit technischem Können der Einzelspieler zutun? Das verneine ich. Auf diesem Niveau kann jeder Spieler auch in Bedrängnis den Ball passabel annehmen und verarbeiten – und sei es mit einem Rück- oder Querpass (was der FCB permanent tut, wenn es der Priorität Ballbesitz dient). Die Münchener spielen den Ball in 66 Prozent der Fälle immer um mindestens ein, zwei Meter vor den Mitspieler, damit dieser auf ihn zulaufen kann, was automatisch Schwung ins Spiel bringt. Die anderen 33 Prozent der Pässe sind Rückspiele über zwei, drei Meter mit dem Rücken zum gegnerischen Tor. Es ist permanent Bewegung auf dem Feld, auch und gerade fernab des Ballführenden. Kurzpassspiel und lange Diagonal-Flügelwechsel, immer und immer wieder. Im Fernsehen sieht man dieses Wesentliche ja nie, die Dinge, Laufwege, Entscheidungen abseits des Balls. David Alaba beispielsweise marschiert die linke Seite nicht im Sinne von Kilometerfressen rauf und runter, er rennt (immer und immer wieder) in die Anspielräume, fordert – wie sein Vordermann Robben – das Zuspiel. Die Bayern sind geil auf den Ball, das unterscheidet sie von vielen Spielern etwa der Eintracht, wo man das eigentlich nur von Stefan Aigner behaupten kann.

Und dann gibt es, neben so vielen anderen erwähnenswerten Ding, noch den letzten Mann. Torwart Neuer wirft/rollt jeden (jeden!) Ball zum Mitspieler, Kopfballspiel wird, zumal im Mittelfeld vermieden. Das sorgt für den Ballbesitz, für die Chancenlosigkeit von Ping-Pong-Fußball wie man sie etwa über das Bälle-Nach-Vorne-Geschlage durch Kevin Trapp in Frankfurt häufig sieht.

Abschließend will ich nur wenige Sätze zu der technischen Überlegenheit der Bayernspieler verlieren: Natürlich spielt dort eine andere Kategorie Fußballer, eine andere Gewichts- und Gehaltsklasse als in Frankfurt. Schon beim warmmachen fällt etwa auf, dass der FCB-Torwarttrainer einen besseren, platzierteren, wuchtigeren Schuss hat als 90% der SGE-Spieler. Und doch halte ich an der These fest, dass die Komponente der Star-Spieler in rot-blau-weiß „nur“ ein Faktor für die Überlegenheit des FC Bayern ist. An nichts und niemandem lässt sich das für uns Eintracht-Fans besser erkennen als an der Transformation des Sebastian Rode. Wir alle wissen um Flipper-Seppl, sein Ball-gewinnen-um-den-Ball-zu-verlieren-Spiel, um seine Abschlussallergie. Kaum trainiert und spielt er beim FCB, ist davon nichts mehr zu sehen. In seinen rund 20 Minuten im Spiel gegen Köln beteiligte sich dieser Sebastian Rode am Flachpass-Kombinationsspiel, spielte zwei, drei starke Schnittstellenpässe und drängte mit Macht – und den Willen, den Ball zu bekommen – in Kölns Strafraum. Nichts war da (mehr) zu sehen vom zwar rackendern aber oft vogelwilden Sechser aus Frankfurt.
Ist da einer zum Star, wenigstens zum besseren Spieler geworden, nur weil er Isar- statt Main-Luft schnuppert? Weil er rot-blau-weiß anstatt schwarz-rot trägt? Mitnichten. Verbessert hat er sich über ein offenbar um Längen besseres, anspruchsvolleres, agileres Training als das in Frankfurt der Fall war, offenbar nach wie vor der Fall ist.

Am Ende ist es im Fußball wie im (Berufs)Leben, liebe Leser: Wer mehr will, wer mehr lernt, wer mehr (an sich) arbeitet, wird besser. Nicht von heute auf morgen via Software-Update, aber peu a peu werden Schwächen beseitigt, Stärken betont. Ob das möglich ist, wenn man am Tag nur 90 bis 120 Minuten mit dem Ball und immer wieder Grundlagen trainiert, darf man sicher bezweifeln. Die Trainings, die ich in den vergangenen Jahren in Frankfurt immer mal wieder gesehen haben, egal unter welchem Übungsleiter, ließen mich oft erstaunt zurück. Spätestens jetzt, wo ich den Fußball á la Bayern München mal ganz nah gesehen habe, weicht das Erstaunen der Erkenntnis: Erfolgs-Fußball, was immer man als Erfolg definiert, lässt sich nur mit dem Maximum an Einsatz realisieren. Wer den Nicht-Abstieg als Ziel denkt, wird auch auf dem Feld nur eine Leistung abrufen (können), die dem entspricht. Das Pferd springt nur so hoch wie es muss – auch da scheint es eine Duplizität zwischen Profifußball und Otto-Normal-Berufsleben zu geben.
Von daher hat Heribert Bruchhagen in dieser Woche mit seiner Platz-7-Forderung das Richtige getan und öffentlich artikuliert. Es ist ein Statement gegen den Alibifußball. Auf der anderen Seite wirkt die Maßgabe ebenso amüsant wie verzweifelt, wenn man sich die Leistungen des Teams über die Saison betrachtet anschaut. Eintracht Frankfurts Zufallsfußball existiert, mit Ausnahme der „Machtübernahme“ der Spieler Mitte November, seit fast einem Dreivierteljahr. Damit, fußend auf der individuellen Klasse von drei, vier Einzelspielern, mehr zu erreichen als den Nicht-Abstieg, irgendetwas zwischen Rang 14 und 10, wird nicht möglich sein. Jetzt, vor dem Spiel gegen den Hamburger SV, steht Eintracht Frankfurt noch auf der Rampe um tatsächlich die Bruchhagen-Forderung erfüllen zu können. Um das wirklich zu schaffen, wenigstens den status quo halten zu können, muss endlich ein System und eine Spielweise seitens des Trainers Thomas Schaaf umgesetzt werden, die den Namen verdient. Vor einem Vierteljahr hat die Mannschaft dem Übungsleiter allen Input gegeben. Es bräuchte nicht mehr, als die Spieler wieder loszulassen und die Spieler dort spielen zu lassen, wo sie hingehören. Die Frage ist, wie lange Schaaf sein Gewurstel noch durchdrücken will und darf. Endet die Verbortheit heute? Endet die Ignoranz, auch gegenüber einiger Spieler, heute? Fraglich. Aber wünschenswert. Sehr wünschenswert.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Welten? Dimensionen!

  1. Pingback: Rot-Weißes Round-Up: Uli Bayerschmidt | Miasanrot.de

  2. SGE Fan_Hamburg

    Super Artikel!

  3. Pingback: #Link11 vom 2.3.2015 | Fokus Fussball

  4. So eine Spdkurve ist eine interessante Sache und das in Bayern. 🙂

    Der FCB ist durch und durch auf Erfolg aus. Deswegen passt jemand wie Sammer gut dahin. Da hat jeder Spieler Angst.

    • Diese Smartphones, da wird aus Süd kurzerhand SPD – korrigiert, vielen dank für den Hinweis.
      Und ja, mögen muss man den Verein und die Personen nicht – Willen und Können absprechen, unabhängig von Finanzen, ist unmöglich. Ein Mü von dem würde ich mir in Frankfurt wünschen.

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