Das gescheiterte Eintracht-Experiment

Gegen den 1. FC Köln ist das Erwartbare, wenngleich auch um den doppelten Faktor (4 Gegentore statt die prognostizierten 2) passiert. Sobald ein Gegner kratzt, läuft, nah bei den Frankfurter Spielern steht, ist die SGE chancenlos. Es ist eine Mannschaft, die zu wenig Willen an den Tag legt um das mangelnde Können auszugleichen. Wen Spieler wie Lucas Piazon teilnahmslos über den Platz schlurfen, wie in Halbzeit eins geschehen, oder nach einem Gegentor (1:2) der nächste kollektive Einbruch geschieht – dann reden wir erstmal von mangelnder Einstellung. Die fehlende Klasse folgt auf dem Fuße, etwa in Person von Timothy Chandler. Es ist bedauernswert, um wieviele Stufen er schwächer ist als sein Vorgänger Sebastian Jung. Auch Marc Stendera, so talentiert er sein mag, ist kein Faktor im Frankfurter Spiel. Gerade aus der exponierteren Position des offensiveren Zentralen müssen mehr Impulse, muss mehr zwingendes kommen. Wenn dann nicht mal die einst gelungen Standards funktionieren, hat man wenig Aufstellungs-Argumente für ihn. Und so könnte man die Liste fortführen.

Trainer Thomas Schaaf entwickelt sich, Tabellenbild hin oder her, immer mehr zu einer Zumutung. Ohne Not tauschte er gegen Köln das Personal aus. Nach einem besseren, zumal erfolgreichen Spiel gegen Hamburg, fliegt der im Vergleich zum Dauer-Unruheherd Zambrano 1000-mal ruhigere Alexander Madlung aus dem Team. Auch in der Offensive, die ohnehin stotterte, wird abermals personell reingegrätscht. Was genau berechtigt die Nominierung von Carlos Zambrano und Haris Seferovic? Letzterer befindet sich seit Dezember 2014 in einer Schaffenskrise, die sich eben nicht primär an der Toranzahl ablesen lässt. Er irrlichtet auf dem Platz herum, rennt Stefan Aigner vor den Füßen herum und sucht sinnfreie Abschlüsse, wie jener Drehschuss aus 25 Metern nach rund einer Stunde. Und Zambrano? Der verstrickte sich lieber in eine Privatfehde mit viel Show auf beiden Seiten, anstatt souverän zu verteidigen. Er darf sich das 1:0 und das 3:1 anheften. In Kiew wird einem das egal sein.

Aber ist all das, ob gegen Köln oder andere Teams verwunderlich? Nein, ist es nicht. Der Trainer trifft am Fließband falsche Entscheidungen. Im konkreten Fall ist das die schon angesprochene Zambrano/Seferovic-Hereinnahme, gepaart (mal wieder) mit der Auswechsel-Verweigerung. Seferovic, Piazon, Zambrano, nach dieser ersten Halbzeit auch Meier – es hätte einige Kandidaten gegeben, die unbedingt hätten ausgetauscht werden müssen. Aber (mal wieder) erst als das Kind im Brunnen liegt, das 2:1 gefallen ist, unternimmt der Trainer überhaupt etwas. Aber was, liebe Leser, was! Er versetzt seinem Team mal non chalant den Todesstoß. Er nimmt mit Makoto Hasebe den einzigen Strukturgeber und noch einen der Besseren an diesem Trümmertag aus dem Spiel, löst somit das ohnehin stets zahlenmäßig unterbesetzte (defensive) Mittelfeld auf und bringt einen Außenspieler wie Takashi Inui. Diese Idee zu bekommen, sie dann sogar noch umzusetzen, fordert viel Flexibilität was den Fußballsachverstand anbelangt.

Doch es wird in den kommenden Stunden und Tagen wieder beschwichtigt, auf den (noch) zufriedenstellenden Tabellenstand verwiesen werden. Die Umbruch-Lüge wird wieder herbei-gemärt, die Geduld bei der Entwicklung wird gepredigt – nach nunmehr neun Monaten. 24 Spieltage plus zwei Pokalrunden hat der Trainer in und mit diesem Team nichts entwickelt. Es ist ein Mix aus Zufall im Positiven und Diletantismus im Negativen. Und da sind wir noch lange nicht bei der Debatte um die Leitungs-Konstanz. Streng genommen gibt es diese ja sogar: Klatschen gegen die Kleinen, gewinnen gegen die Großen (oder die, die man dafür hält).

Von einem Sieg war Eintracht Frankfurt im Spiel in Köln jedenfalls so weit entfernt wie der Uranus von der Erde. Schon vor dem 1:0 hätte Schiedsrichter Knut Kircher problemlos und zurecht auf Strafstoß nach Foul von Chandler entscheiden können. Der Rest ist wiederkäuen des hier Geschriebenen.

Fakt – und zugleich keine Neuigkeit – ist, dass Eintracht Frankfurt nicht im entferntesten das Potential für Rang 7 oder gar 6 besitzt. Diese Mannschaft muss und wird froh sein, wenn sie sich aus dem akuten Abstiegskampf raushalten könnte. Das sollte trotz all den individuellen Bolzen und spielerischen Unzulänglichkeiten, den Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen des Trainers machbar sein, getreu der am Main seit Jahren geltenden Maßgabe: hoffentlich finden sich drei, die noch schlechter sind. Rang 10 bis 13, in Frankfurt ist man damit abseits jeder Ausgangslage, entfernt vom Streben nach dem (realistisch) Möglichen glücklich. Mit einem Sieg in Köln hätte man 34 Punkte auf dem Konto gehabt, das wäre zu 90, 95 Prozent der Klassenerhalt gewesen. Das hätte Antrieb genug sein können, auf Europa, Rang 7 den man in so einem Fall erobert hätte, hätte man nicht mal schielen müssen. Perdu.

Die Bilanz gegen die Fußball-Dominatoren:

Stuttgart: 5 Gegentore, 0 Punkte
Freiburg 4 Gegentore, 3 Punkte
Köln 6 Gegentore, 3 Punkte
Hertha 4 Gegentore, 1 Punkt (im Heimspiel)
Mainz 5 Gegentore , 1 Punkt
Paderborn 3 Gegentore 0 Punkte
Hannover 1 Gegentor 0 Punkte

—–> 28 Gegentore, mehr als die Hälfte der Gesamtgegentore (49 mittlerweile) gegen diese Mannschaften, die aktuell alle zwischen 11 und 18 stehen und in diesem Bereich immer standen. Einzig gegen den Hamburger SV hat man eine (rund um) positive Bilanz (wer sich an das Hinspiel erinnert weiß aber auch, dass die Partie problemlos hätte anders ausgehen können).

Mitte Mai 2015 sollte das Missverständnis Thomas Schaaf in allseitigem Einvernehmen beendet werden. Das, was der hörigen Eintracht-TV-Anhängerschaft lange als Spektakel verkauft wurde, entpuppt sich – wie so oft im Leben – als Mogelpackung. Tatsächlich ist diese Spielweise, vorgegeben durch den Trainer nämlich keine Show, sondern Ausdruck schierer Ahnungslosigkeit. Das alles ist kein Husarenritt, sondern Harakiri. So, wie es schon zu Schaafs Bremer Zeiten war, mit dem Unterschied, dass er dort nicht nur einen hochqualitativen Kicker im Team hatte sondern vier, fünf. Hat man einen Naldo in der Innvenverteidigung, einen Frings auf der Sechs, einen Diego oder Micoud auf der 10 und irgendeinen Stürmer, der sich die Beine beim laufen nicht bricht, mag dieser Konfusions-Kick funktionieren.
Zu einer Trennung wird es aber natürlich nicht kommen. In Frankfurt durfte sich bis noch jeder Praktikant – in memoriam Michael S. – bis zum bitteren Ende an der Herstellung des Zaubertranks versuchen. Hoffen wir mal, dass sich Eintracht Frankfurt in den nächsten Wochen – dem Hammerprogramm mit Paderborn, Stuttgart und Bremen zum Trotz – irgendwie zu den 36 Punkten und damit zum Klassenerhalt schleppt.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Das gescheiterte Eintracht-Experiment

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  2. Jermaine Jones Junior

    „Früher“, unter Funkel (ich hätte nie gedacht, dass ich ihn jemals positiv in Zusammenhang bringe) gab es pro Saison vllt. 2,3 oder 4 „Klatschen“ (4 Gegentore oder mehr). Aber solch eine instabile Verteidigung ist doch nicht mehr professionel!
    Thomas Tuchel und Armin Veh stünden theoretisch bereit.

  3. Olli

    Du hast vergessen zu erwähnen, dass Köln unter der Woche noch ein zusätzliches Pokalspiel hatte … in Freiburg … und verloren haben.

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