Die bleiernen Wochen

Eine in die Zukunft gerichtete Frage: Wenn diese Saison eine des Umbruchs ist, wie wird die kommende denn dann von den Funktionären gelabelt?
Ich frage das, weil man angesichts des Saisonverlaufs und den gesammelten Erkenntnissen sicher von gut einem halben Dutzend Neuzugänge ausgehen kann – gepaart mit Abgängen in ähnlicher Größenordnung (höchstwahrscheinlich Wiedwald, Zambrano, Madlung, Flum, Piazon, Kadlec, auch bei Medojevic sowie Ignovski ist das nicht auszuschließen, je nachdem rutscht auch Chandler in den Lostopf, und mal sehen wie motiviert Bamba nach der Kastration noch ist).

Da einige in den vergangenen Tagen ja schon den Namen von Totengräber Jupp I., dessen Untergangsfahrt auf der MS Frankfurt sich in dieser Woche jährte, genannt haben: Jedenfalls in Bezug auf das Enteiern von – nicht so ganz unwichtigen – Spielern könnte man da bei Trainer Thomas Schaaf in der Tat ein paar Ähnlichkeiten erkennen. Spielerisch und in Bezug auf so manche Analyse ähnelt manches eher Totengräber Michael II.  Zum Glück ist der Kader individuell in Bezug auf die Qualität in dieser Saison deutlich besser, in Jahr eins mit Schaaf geht es nicht runter in Liga zwei. Den einen Punkt, der zumindest für Rang 15 ausreichen wird, werden sie sich irgendwo noch herausgaunern. In Berlin, Bremen oder gegen Hoppenheim wird dieser Zähler noch geholt werden, um den Zieleinlauf so punktgenau wie möglich zu timen. In Jahr zwei unter dem Imitat ging es dann hinunter, was in Jahr zwei unter Thomas Schaaf geschieht, wird man sehen.

Ohnehin sind der Worte genug geschrieben. Der Frust bricht sich, was nicht mit Größenwahn und utopischen Ansprüchen zusammenhängt, Bahn. Nun auch bei den vielen, die über Monate die Dinge nicht sehen wollten, die zu sehen waren, zu sehen sind. Es ist das immergleiche Spiel: Die Mahner bekommen aufs Maul. Routine, erlernte Reaktionen. Klar ist aber auch, dass man sich nichts vorzumachen braucht, eine noch so engagiert geführte Trainerdiskussion wird Eintracht Frankfurt nicht mal erreichen. Dass ein Lümmel wie ich oder andere Blog- oder Journalisten-Kollegen kritische Worte zu Coach Thomas Schaaf schreiben, sie wiederholen, tangiert dort niemanden. Man kann sich als Informationsquelle auch EintrachtTV samt Mediendirektor zuwenden, da ist die Welt sowieso rosa, #realmadrid #spektakel. Es ist ja auch mehr als rat- und heilsam, dass Entscheidungsträger nicht emotional reagieren, da muss Nüchternheit und Sachlichkeit vorherrschen. Einen Trainer, der es dank welchen Wendungen auch immer mit seiner Mittelklasse-Mannschaft auf – noch – Rang 8 geschafft hat, wird nicht entlassen. Das war in Bezug auf Trainierimitat Michael Skibbe, dessen Fußball-Philosophie wie bereits gesagt ähnlich eindimensional und stur war wie die von Schaaf (noch) ist, so. Das wird auch beim aktuellen Übungsleiter so sein. Da geht es auch um Dinge wie öffentliche Vermittelbarkeit, natürlich auch um Abfindungen. Diese Macht des Faktischen droht leider das Problem zu verschärfen, ich weise auf 2011 hin.

Für jene, die vom Fußball als Sport etwas verstehen (in Abgrenzung zu Fußball als Geschäft), sind die Mängel ebenso offensichtlich wie viel beschrieben. Seit Juli/August 2014 werden diese – sei es in der „Frankfurter Rundschau“ oder diversen SGE-Blogs – im Wochentakt dargestellt, es werden auch Lösungen angeboten. Das reicht von der Auflösung der Raute (die laut Schaaf ja nicht gespielt wird) bzw. dem Ende des Systems mit einem verkappten zweiten Sechser, einem Quasi-Zehner (siehe Stendera- und Seferovic-Position) bis zu spielverlaufsbedingten Auswechselungen. Das sind elementare Änderungen, Dinge, die offensichtlich mangelhaft sind. Dazu braucht es keine außergewöhnlichen Fußballkenntnisse. Anmaßender ist es da schon, Trainingsinhalte und Kommunikation sowie Stimmung im Team, Führungsfragen zu kritisieren. Und doch kommt man angesichts der Entwicklungen und tatsächlichen Geschehnisse (siehe die Behandlung von Meier, Flum, Kadlec, Anderson …) nicht umhin, an Sinn und Qualität dieser Dinge zu zweifeln. Viele Spieleraussagen und Reaktionen, man erinnere sich an den Aigner-Flaschentritt, deuten recht eindeutig auf Verstimmungen innerhalb des Konstrukts hin. Dass es innerhalb der Mannschaft nicht, nicht mehr stimmt, mag sein. Es könnte einige geben, die bei dem vom Trainer gewählten Kurs mitziehen können, mitziehen wollen und andere, die sich der Teamstärken beraubt sehen, den Weg des Trainers nicht teilen.

Die Erfahrung zeigt, dass reden, vermitteln, sehr unterschiedliche Denkweisen zumindest annähren kann. Vielleicht hat Schaaf anfangs ja erklärt, was er vorhat, wie und mit wem. Doch wenn der Erfolg ausbleibt, wachsen die Zweifel an einem Kurs, an einer Spielweise. Und aus Zweifel wird Ablehnung. Aus Ablehnung wird im Idealfall nicht Verweigerung, sondern Transformation. Das geschah zwischendurch bei Eintracht Frankfurt, vor genau einem halben Jahr, als die Spieler die Marschrichtungs-Änderung verlangten. Prompt stimmte vieles, der Zuschauer spürte die Sicherheit der Spieler im System, die Laufewege passten, die Körpersprache stimmte. Und das trotz einer 0:4 Niederlage. Da war ein Geist spürbar, der in den kommenden Wochen eine Eintracht zum Leben erwachen ließ, wie man sie unter Armin Veh bis zur Doppel- und Dreifachbelastung, vor der Maßgabe: bloß nicht absteigen, kannte. Dieser Eindruck hielt bis zum Ende der Hinrunde, nur das groteske Unentschieden gegen Berlin war ein Ausreißer – und ein Fingerzeig, wohin die Reise in der Rückrunde gehen würde.

Offenbar riss Schaaf in der Wintervorbereitung die Marschrouten-Macht wieder an sich. Nachdem er samt Mannschaft aus dem Gröbsten raus war (man erinnere sich an die Ausgangslage vor dem Bayernspiel im November 2014: da kamen die Abstiegsränge immer näher, es lief nichts mehr zusammen bei einem Team, dass sich schon in den ersten Erfolgswochen mehr zu Erfolgen rumpelte als spielte), kehrte das Holzschnittartige ins Spiel zurück. Nach vorne wurde und wird es über Wochen immer mauer, die Offensivbewegung wirkt wie kastriert. Die Rückwärtsbewegung passt indes noch weniger als in weiten Teilen der Hinrunde, die Lücken zwischen den Mannschaftsteilen klaffen gefühlt immer weiter auseinander – auch, und das geht nun seit 27 Spieltagen so, weil die – in Frankfurt ohnehin defensiv eher schwächerbrüstigen – Außenverteidiger viel zu hoch stehen / stehen sollen. Und obwohl man an genau diesem Makel, diesen Makeln in den vier Wochen der Winterpause arbeiten wollte, hat das Trainerteam nichts verbessert. Im Gegenteil, es ist zwar eine Veränderung der Art und Weise des Offensivspiels sichtbar (mehr lange Bälle ins Zentrum sowie Angriffsfokus über rechts, seit drei Spielen spielt zudem Seferovic vor Meier als Stürmer), aber dieses Zurücknehmen des Nach-Vorne-Drängens hat nicht den Effekt, dass die Defensive sicherer steht. Denn an den Abständen zwischen den Mannschaftsteilen und der permanenten Unterzahlsituation im Mittelfeld ändert(e) diese Maßgabe nichts. Das muss ein Trainer nicht nur erkennen, er muss es bei Bedarf ändern. Und dieser Bedarf existiert nicht erst seit den letzten Kopfelschüttel-Kicks gegen Stuttgart oder Hannover.

Fakt ist – neben der außergewöhnlich guten Platzierung – aber auch, dass die Stadionbesucher im absoluten Gros dem Gebotenen applaudieren, sie zufrieden sind. Der TV-Zuschauer, zumal der „Neutrale“,  der bekommt Entertainment, #spektakel, denn wie ja gebetsmühlenartig telegen gelogen wird sind gute Spiele nur die, wo viele Tore fallen.  An dem, am Konsumenten wird sich ja ganz generell orientiert, siehe TV-Gelder. Wen kratzt es da schon, was die Fans denken und fühlen? Am Ende, und das spricht für Schaaf trotz seiner nicht nachvollziehbaren, plan- und strukturlos wirkenden Spielweisen-Vorgabe, steht ein gutes Tabellen-Resultat. Wer Fußball in erster Linie als Ergebnissport sieht, oder wenigstens anerkennt, dass am Ende nur die Platzierung für denAusschlag auf der Asche „gute Saison / schlechte Saison“ maßgeblich ist, muss die Bewertung der optischen Eindrücke hinten anstellen. Motto: Lieber dreckig die Ziele erreichen als in Schönheit sterben, lieber einen Erfolg errumpeln als einen Misserfolg erspielen. 5:4, 4:5 – für mich stets ein Graus, da steckt die Fehlerhaftigkeit schon im Ergebnis. Ich persönlich habe es bis zum Spätsommer, den Ersteindrücken von und mit Thomas Schaaf, immer so gehalten, das war, das ist meine Haltung. Dass ich das nicht mehr tue, nicht tun kann, liegt an meiner persönlichen Verachtung von Lernresistenz. Das ist der Vorwurf, den ich diesem Trainer mache und weshalb ich auf ein Ende des nüchternen Arbeitsverhältnises zwischen Trainer und Team hoffe. Das hieße, dass der Vertrag (bis 2016) möglichst so schadlos das tut, was derzeit schon sportlich geschieht: austrudeln.

Doch vorher geht es erstmal von den bleiernen, hinein in die Klatschen-Wochen. Gegen die verstärkte B-Elf von Bayern München wird am Wochenende  konservativ mit 0:3 – jetzt nach Zambranos verletzungsbedingtem Ausfall und je nach FCB-Aufstellungswahl – im schlimmsten Fall 0:4,verloren. Eventuell jagt man dem Gegner noch ein Tor in die Maschen. Jubel. Schulterklopfer holt man sich ab, weil die Leistung besser war als gegen Hannover oder Stuttgart (wow!) und der Trainer wird nach der Hereinnahme von alten Getreuen wie Aleksandr Ignovski und Nelson Valdez abermals Verbesserungen, Fortschritte und gute Ansätze gesehen haben wollen. Sebastian Rode wird indes ein Spiel gemacht haben, wie man es im SGE-Dress nie sah, ihm wird beispielsweise kein Ball weg-flippern.

Nun gut. Eintracht Frankfurt ist Tabellenachter. Man sollte, man darf nicht zu viel verlangen. Übermut und so #23punktenachführungundgegenabstiegskandidatenvergeigt

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Die bleiernen Wochen

  1. Pingback: #Link11: Die Nerven! | Fokus Fussball

  2. Der Norddeutsche

    Ich bin auf Grund meiner geographischen Lage nicht so dicht dran.
    Aber ich verfolge die Spiele via TV, und lese Zeitung.
    Will sagen, mit dem was Ich hier lese , werden bei mir oft
    offene Türen eingerannt!!
    Also, für alle die den HR Text nicht so häufig lesen:

    BRUCHHAGEN VON KRITIK GENERVT

    Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen ist
    sauer. Der Vorstandsvorsitzende hält
    die Kritik an Team und Trainer nicht
    nur für falsch, sondern für gefährlich.
    „Wenn die Unsicherheit um sich greift,
    führt das nicht zur Verbesserung, son-
    dern auf lange Sicht zur Verschlechte-
    rung der sportlichen Gesamt-Situation“,
    sagte Bruchhagen der „Bild“.

    Der Eintracht-Boss gibt sich keinen Il-
    lusionen hin. Realistisch betrachtet,
    spiele Frankfurt eine gute Saison. „Ich
    kenne mich bei der Einschätzung der
    Bundesliga einfach besser aus. Das be-
    haupte ich, da bin ich arrogant“, kon-
    terte er die Kritik.
    Quelle: HR Text vom 09.04.2015

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