Niemand geht auch nur Brötchen holen

Es ist gekommen, wie es kommen musste. Das gilt für die Niederlage in München an sich, das Wie dieser Pleite und die säuerlich gewordene Stimmung im Ganzen. Solange sich speziell im Waldstadion die Jubelperser mit Comeback-Qualitäten, vor allem aber mit Ergebnissen versöhnlich stimmen ließen, es nur auswärts – wenn auch in Serie – in die Binsen ging, wurde das von Tausendschaften noch hingenommen. Zunehmend zähneknirschender, mittlerweile aber offen genervt bis erbost. Jetzt, da der Diletantenball auch zuhause, gegen Hannover, gespielt worden ist, ist eben auch bei den wohlwollensten Fans (nicht den Ewigtreuen, die sind sowieso unbelehrbar) der Spektakel-Faden gerissen. Die Eintracht ist enttarnt, es war nie Spektakel, es war stets Stümperei. Wird hier im Blog, wird in den sach- und fachkundigen Zeitungen (böse Medien!) wie der „Frankfurter Rundschau“ seit Monaten abgebildet, beschrieben, bewertet.

Es vertue sich niemand: Zwischen August 2014 und April 2015 hat sich fußballerisch bei der SGE nichts geändert. Die Existenz des Schaaf´schen Zufallsfußballs, das offene Tor zu Frankfurt, war nur zwischen Mitte November und Mitte Dezember unterbrochen. Als der Trainer, mit dem Team in der Tabelle abrutschend, mit dem Rücken zur Wand stand, die Mannschaft das Kommando über die Spielweise (erfolgreich) übernahm. Dann, in der Winterpause, ist ganz offensichtlich in diesem Konstrukt etwas kaputtgegangen. Eine ohnehin nur nüchterne Arbeitsbeziehung, dem Gegenteil der Verbindung von Armin Veh zu den meisten Spielern, ist dann eher weniger anstatt mehr geworden. Vor allem zwischen einigen, vor allem den wichtigen Spielern und dem Übungsleiter stimmt die Chemie offenkundig nicht. Der Coach, der spielerisch seit Rückrundenbeginn sichtbar das Team abgrätschte, die Marschrichtung, die Hoheit über die Spielweise wieder erlangte, passt nicht zu diesem Kader. Jedenfalls nicht zu einem Gutteil.

Ich kann mir sehr genau denken, welche Spieler nicht / nicht mehr zu diesem Trainer stehen, und welche es weiterhin tun. Da bin ich arrogant.

Jedenfalls gibt es nicht wenige, die recht nah an der Mannschaft dran sind, die von Grüppchenbildung im Kader sprechen. Eine Parallele zum damals von Pirmin Schwegler offen angesprochenen Makel. Das Resultat, das Gift kennen wir. Andere Zeit, gleiches drohendes Szenario. Aber, falls das so sein sollte, wundert es jemanden? Da kastriert der Trainer einen Leistungsträger nach dem anderen, fortlaufend. Sei es Alexander Meier vor, anfangs und mitten in der Saison, Johannes Flum seit Beginn der Amtszeit, Bamba Anderson seit Vertragsverlängerung. Dazu gesellen sich Vaclav Kadlec (der zugegeben schon unter Armin Veh Vielen, aber eben auch nicht alles schuldig blieb) und Slobodan Medojevic.

Klar, man darf nicht der Verlockung anheimfallen, dass die, die nicht spielen, besser seien als die, die spielen. Die Herausnahme etwa von Medojevic ist konsequent, hat sportliche Gründe, das war für viele Beobachter schnell und andauernd sichtbar.

Und doch lassen sich Verwerfungen in diesem Gebilde nicht wegwischen, abbürsten, wie die Vereins-PR das dieser Tage verlautbart. Der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen geht auf die maßlosen Erwartungsschürer, auf die Querdenker, sowieso die Medien los. 50 Internetkommentatoren und fünf Journalisten wären es, die Unfrieden in das Team, in den Verein hineintragen wollten. Dabei sei alles tutti, toll und tralala. Kein Wort mehr davon, dass es „lachhaft wäre, wenn wir es ausschließen würden, auch den internationalen Fußball zu erreichen“, wie Bruchhagen im Sport1-Doppelpass sagte, geschweige denn die offen missmutigen und übellaunigen O-Töne vieler Spieler nach den Patzer-Festivals der Vergangenheit (siehe bspw. Stefan Aigner). Wesentlich für die Meinungsbildung ist aber erstmal, dass man den Kapitän auf Linie gebracht hat. Kevin Trapp, seit Wochen offen angefressen und fassungslos ob der Darbietungen, findet die Kritik nun „zu krass“. Eben noch eine „eigentlich ganz ordentliche Saison, die es gefühlt nicht ist“, dann ab in die Wagenburg.

Dünnhäutig ist man in Frankfurt geworden. Nicht etwa, weil da draußen dieses böse Umfeld, diese undankbaren Fans, diese lügenspinnenden Medien in Wild-West-Manier mit haltlosen Vorwürfen um sich ballern. Nein, man ist im Verein trotzig, wie die kleinen Kinder, weil man sehr genau weiß, was man da in dieser Saison liegengelassen hat und noch liegenlassen wird. Stichwort Europa-Schneckenrennen. Glaubt denn jemand ernsthaft daran, dass nach dem 34. Spieltag der 8. Platz Bestand hat? Dass man diese zwei Ränge vor Werder Bremen landet wird, Stichwort TV-Gelder? Ein müdes, unemotionales Lächeln huscht dem Beobachter da doch über die Lippen.

Und all das mal außen vor gelassen, zurück zum blanken Sport: Wieso fressen zehn Kölner gegen Hoppenheim Gras wie die Irren, spielen (weiter) Fußball und behaupten sich in einem bereits gekippten Spiel, während Eintracht Frankfurt von einem blutleeren Auftritt zum nächsten schlurft? Das hat Gründe. Und niemand kann mir erzählen, dass das rein Sportliche sind, immerhin haben die Kicker (einige über Jahre) gezeigt, dass sie guten, struktruierten Fußball spielen können (und wollen). Da geht es um eine Eben darüber, dazwischen, da geht es um Willen – und das jeden Menschen innenwohnende Gefühl: Ich will, ich muss wissen, für wen ich etwas mache. Eigenantrieb, Eigenmotivation führt jeden Menschen nur bis zu einem gewissen Punkt; den einen überdurchschnittlich weit, den anderen unterdurchschnittlich kürzer. Wenn die Widerstände aber zu groß werden, kommt der Zweifel – bei manchen früher, bei manchen später – und dann die Frage, für welchen größeren Zweck man dieses Etwas macht. In den Heimspielen funktionierte das Team bislang noch, da hingen sie sich offenbar für die Fans rein. Lassen wir Hannover da mal gutmütig als Ausrutscher gelten. Aber sonst? Für diesen Trainer gehen viele der Spieler doch nicht mal Brötchen holen, geschweigedenn durchs Feuer.

In dieser Saison wird das Gebotene für den Klassenerhalt reichen. Den einen oder anderen Punkt, irgendwas um die 40+/- Zähler, Rang 10 bis 12 wird das Team erreichen. Die nächste Saison ist die, vor der man unter diesen personellen, mentalen und team-chemischen Voraussetzungen Angst haben muss. Jetzt schon. Das Gesicht dieser Mannschaft – den Umbruch, den es ja laut Funktionären schon im Sommer 2014 gab – wird sich zur nächsten Runde verändern. Ob einem das dann noch, pardon, wieder gefällt? Keine Ahnung; positiv nehme ich zur Kenntnis, dass Schaaf und Co. Marc Stendera und, immer mal wieder, Sonny Kittel Chancen geben. So richtig viel kommt da zwar auch nicht, aber das kann man in dem Alter bzw. der Verletzungsgeschichte weder den Spielern noch dem Trainer vorwerfen. Ich weiß trotz diesem bisschen, dass mich diese Mannschaft mit diesem Trainer, dessen installierter Spielweise nicht mehr anficht, schon gar nicht mehr emotional. Natürlich will ich, dass Eintracht Frankfurt gewinnt, erfolgreich ist. Ich schaue mir den Käse auch noch die letzten Wochen der Saison an, zumindest solange, bis der 36. Punkt auf dem Konto ist. Aber freue ich mich noch über ein Tor? Nö. Wird ja sowieso zwei bis drei ins eigene geben. Freue ich mich über einen Sieg? Klar, aber ich nehme das schulterzuckender zur Kenntnis als je zuvor. Die trainieren mir bei Fansein ab, und darum bin ich wütender als über alles andere.

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Niemand geht auch nur Brötchen holen

  1. Jermaine Jones Junior

    Ach ja: Bevor ich es vergesse, und, um einen Bezug zur Überschrift des Threads herzustellen, hier ein Zitat von Nuri Sahin: „Für Klopp […] würde ich sterben.“ http://www.focus.de/sport/fussball/championsleague/cl-halbfinale-gegen-real-bvb-star-sahin-wuerde-fuer-klopp-und-mourinho-sterben_aid_963554.html

  2. Jermaine Jones Junior

    Kloppo war schließlich mal Jugendtrainer bei der Eintracht, während er Sportwissenschaften an der Goethe-Uni in Frankfurt studiert hat. Wär‘ doch was: „Eintracht-Trainer Klopp“. „Die Kloppo-Elf vom Main“. „SGE-Trainer Jürgen Klopp schwört seine Elf gegen Ex-Klub ein“.
    Ein Kontrast wäre er ohnehin im Gegensatz zur Schlaftablette Schaaf.

  3. a.kloppi

    Die Mannschaft (HSV) ist tot. Da lege ich mich fest. Der schöne Bruno wird da auch nichts mehr ändern. Gefeuert wird er dafür schon nach Spieltag 5 der ersten Zweitligasaison des Fußballdinos. Weil das gesteckte Ziel „Wiederaufstieg“ in Gefahr ist oder er die Finger nicht von den Spielerfrauen lassen kann, oder beides. 😉

  4. Der Norddeutsche

    Tuchel nicht zum HSV. Wie der NDR gerade meldet,wurde Brun Labbadia
    verpflichtet. Er unterschrieb einen Vertrag mit einer Laufzeit von
    15 Monaten. Liga unabhängig. Er soll neue Impulse freisetzen.
    Vielleicht sind sie bei der Eintracht schon viel weiter, und der unwissende Fan hat keine Ahnung. Thomas Schaaf verkündet am letzten seinen Rücktritt verkündet und Tuchel wird präsentiert.
    Wäre er eine gute Wahl? Ich zitiere Heinz Müller: Tuchel ist ein Diktator.

    • Der Norddeutsche

      Hab ich doch einmal zu viel „vekündet“ verwendet.
      Aber so ist das,wenn die Finger von Emotionen gelenkt werden. Sorry.

      • Der Hamburger SV im 21. Jahrhundert – er ist das Eintracht Frankfurt der 90er. Und so schade es ist, der Knäbel hätte sie wunderschön beerdigt, unter dem Labbadia wirds irgendwie zum Klassenerhalt reichen; gefeuert wird der Halbrunden-Trainer dann so im Oktober 2015.

      • Olli

        Nein Björn, dieses mal wird der die nicht retten. Da werden noch in paar Lichtlein im Dunkeln aufblitzen, aber die HSV Uhr können wird am Ende der Saison abschrauben, nach Schalke fahren, dort wieder aufhängen, ein paar Jahre drauf packen und den Text ändern in „Kein Deutscher Meister mehr seit:“

        Und interessant: Labbadia wurde am 26.04.2010 beim HSV entlassen (32. Spieltag). Seitdem waren dort 11 Nachfolger beschäftigt – er ist also sein 12. eigener Nachfolger. 12 Trainer in 5 Jahren. Da kann ich problemlos auch noch den Schaaf bis zum Saisonende ertragen. Aber dann soll er doch bitte den Kloppo machen. Oder den Veh. Oder wer auch immer den Anstand hatte zu gehen, weil er einfach keine Ahnung und Bindung zur Mannschaft hatte und nur das Beste für den Verein wollte.

      • Florian

        sollten wir uns bei der Eintr8 wirklich über Vereine lustig machen, die seit Anno Tobak keine Schale mehr geholt haben?

      • Olli

        Wir warten immerhin eine ganze Saison weniger auf die Meisterschaft als Schlacke 06 😉
        Außerdem muss man die blaue Farbe in dem Fall nicht umspritzen.

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