Das „Spektakel“ hat sich verzogen

Und geworden sind es im Westfalenstadion folgende elf Eintracht-Trikotträger: Trapp, Chandler, Madlung, Zambrano, Ignjovski, Piazon, Hasebe, Medojevic, Kittel, Seferovic und Valdez.

Hat Trainer Thomas Schaaf doch tatsächlich das Zweikampfmonster, den Läuferirrwisch Lucas Piazon von Beginn an gebracht. Chapeau! Damit habe ich, zugegeben, selbst angesichts der Personalnot und der Aufstellungsskizze von vor drei Tagen wahrlich nicht gerechnet. Aufmerksam wie ich als Unwissender bin, schaute ich zwecks erstem Piazon-Ballkontakt gegen Dortmund auf die Uhr: 13. Minute. War natürlich gar nicht erwartbar. Wie so vieles, was sich gegen den BVB zutrug völlig unvorhersehbar gewesen ist, Stichwort Anrennen von Dortmund.

Sicher, dem (Hand-)Elfmeterpfiff gegen Sonny Kittel haftet etwas Seltsames an – wobei man schon wesentlich absurdere Pfiffe gehört hat; soll heißen: So gaaaanz daneben lag er auch nicht. Doch jeder, der drei, vier Profifußballspiele gesehen hat, weiß, dass ein Gegentor beim Stand von 0:0 die Vorzeichen des Spiels, der Spielanlage des (sichtbar) unterlegenen Gegners grundsätzlich ändert, ihm in der Regel den Zahn zieht. Dafür hat Schiedsrichter Michael Weiner gesorgt, das, er war ein Faktor.
Jedoch: Die spielerische Limitation der Mannschaft, das Langholz-Gebolze, die Unzulänglichkeiten im Stellungsspiel, die schlampigen Anspiele – all das hat kein Schiedsrichter zu verantworten, auch hat es kein Schiedsrichter beeinflußt. Und die waren auch vor dem 1:0-Geschenk erkennbar. Nicht mal das Tiefstehen, das prinzipiell sinnvoll offenbar verordnet war, wirkte strukturiert. Da wurde weggebolzt, vorne Flipper gespielt und minütlich immer ein bisschen mehr Dortmunder Gefahr zugelassen.
Was solls, vergebene Liebesmüh‘.

Die Mängel, die jetzt im 30. Bundesliga, im 32. Pflichtspiel unter Thomas Schaaf und seinen Assistenten zu sehen sind, haben System. Und das ist öffentliches, es ist quasi Wikipedia-Wissen. Gegnerische Trainer müssen nicht mal Expertise entwickeln, um Eintracht Frankfurt unter Schaaf wie im Schongang zu schlagen, das Team wenigstens zu beherrschen. Ab der Mittellinie den Fokus radikal auf die eigenen offensiven Außenbahnen legen, die Spieler das Laufduell gegen die Außenverteidiger suchen lassen – schon kommt in rund zwei Dritteln der Fälle wenigstens ein Zuspiel in die Mitte. Immer mal wieder einen Dribbler im Mittelfeldzentrum antreten lassen, dann wird es für die langsame Hintermannschaft der SGE fast unmöglich, den Torabschluss zu verhindern (siehe Entstehung des 2:0, wobei Madlung im Zentrum kaum ein Vorwurf zu machen ist, der Fehler geschieht vorher). Makoto Hasebe  kann nicht alleine alles regeln, muss er aber, soll er aber. Slobodan Medojevic, so oft schon wegen seiner Probleme mit dem Ball im Fokus, kommt in Dortmund bis zu seienr Auswechslung nach 45 Minuten auf eine Passquote von 67 Prozent. 67 Prozent – ein Mittelfeldspieler, ein zentraler (im Zentrum steht das Tor) Mittelfeldspieler. Zum Vergleich Henriykh Mykhitarian: 100 Prozent (bei Spielende 81 Prozent). 67 Prozent, als Mitspieler des Teams, das auf Sicherheit spielen muss, sollte, das – gerade auf der Position – kein Risiko gehen, keine Risikopässe spielen muss. Wahnsinn.

Diese Mannschaft ist, spätestens seit der Verletzung von Alexander Meier – diesem von Sportdirektor Bruno Hübner quasi als „Kröte“ bezeichnete und vom Trainer mehrfach verschmähte Spieler – sogar meilenweit von echten Torchancen entfernt. Gut, gegen Mönchengladbach gab es die vielzitierte Aigner-Chance und noch ein, zwei ganz okay’ene Möglichkeiten. Gegen Dortmund hingegen ist, wie schon in den Wochen zuvor, ja nicht mal nach der Versuch unternommen worden,strukturiert nach vorne zu spielen. Das ist dann eben gleichbedeutend damit, dass eine Situation , in der Sonny Kittel (nach 7 Minuten) eineinhalb Meter im Abseits steht, die beste Tormöglichkeit des Teams markiert. Es war kurioserweise auch die einzige Situation im gesamten Spiel, in der der Ball fünf, sechs Mal kurz und flach zum jeweiligen Mitspieler gepas… nein, bugsiert wurde. Die „Spektakel“-SGE hat quasi keinen Torschuss zustande gebracht. Tja. Der Höhepunkt aus SGE-Sicht? Die Grätsche von Makoto Hasebe auf dem rechten Flügel in der ersten Halbzeit, als er dem durchstartenden Dortmunder den Ball rutschend mit der Hacke abluchste.

Was, und das möge mir bitte mal jemand beantworten der mehr Ahnung von dem Spiel Fußball hat als ich, ist das da? Was ist Thomas Schaafs Idee, um in die Nähe eines Punkterfolgs zu kommen? Natürlich flüchtet man sich sogleich in die Verletzungs-Problematik, die nun erstmals, wirklich erstmals aufgetreten ist. Dankbarerweise kann man mal eine Woche diese als Grund angeben, wieso nicht mal Basics funktionieren. Die anderen zwei Dutzend Misserfolgs-Male musste ja der „Umbruch“ als Erklärung herhalten, wieso das alles so furchtbar schwierig ist mit dem Pass- und Stellungsspiel. Diese Mannschaft spielt abstiegsreif, sie tritt absteigerwürdig auf. Den einen Spielern steht die Unlust, den anderen die Frustration ins Gesicht geschrieben. Durch dieses Kollektiv, da lege ich mich fest, hat sich ein Graben gefressen. Und mit gespreizten Beinen steht einer darüber, der weiß, dass der Riss ihm die Beine nicht wegziehen wird: Trainer Thomas Schaaf.

Aber ja, ich weiß es ja: Es wird zu wenig das Positive gesehen. Zum Glück wird uns all das Formidable immer und immer wieder erklärt. Ohne Hilfe von Trainer und Funktionären würde ich persönlich, unwissend wie ich bin, sowas ja gar nicht erkennen, erkennen können. #dankbarkeit #schlechterundschlechter

Ich weiß nicht, wie es euch geht, liebe Leser, aber mit jedem weiteren Spieltag vergeht mir die Lust an diesem Verein etwas mehr. Ein seit Monaten anhaltender Abwärtstrend, die Hilflosigkeit erinnert an die Abstiegs-Saison unter dem Trainerimitat. Damals wurde der Niedergang als schleichend empfunden, so offenkundig die Mängel waren, so häufig sie benannt wurden. Heute ist der Absturz ebenso wenig schleichend, der Kader hat diesmal lediglich eine höhere Grund-Qualität, drei, vier einzelne Spieler haben dafür gesorgt und sorgen dafür, dass es nicht im Totaldesaster á la 2011 endet. Strukturell, da vertue sich niemand, erinnert so einiges an den „Abstieg der Schande“, seien es die spielerische Limitation, die Unbelehrbarkeit des Trainers oder das Binnenklima.

Emotionslos würgen wir, Mitlesende und Mitleidend,  gemeinsam diese Saison, diese elende Spielzeit zuende. 36 Punkte plus noch den einen oder anderen Zufallszähler, das wird dann am Ende eben für Rang 12, 13 reichen. Alles andere, das hat uns der Vorstandsvorsitzende ja einmal mehr oberbelehrt, ist auch giftig-böswilliges, jedenfalls übersteigertes Anspruchsdenken. Getreu dem Motto „seid froh, Kinners, dass ihr pro Jahr zwei mal Spiele gegen Bayern München, dass ihr Bundesliga spielen dürft“. Yippieh.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Das „Spektakel“ hat sich verzogen

  1. Jermaine Jones Junior

    Die beste Nachricht des Tages: Lucas Piazon verlässt zum Saisonende Eintracht Frankfurt.

    Verletzungspech hin oder her. An Spieltag 30 muss die Mannschaft so breit aufgestellt sein, dass sie viele müde, verletzte und gesperrte Spieler kompensieren kann. Das ist Bruno Hübner nunmal anzukreiden. Jetzt greift, wenn leider im negativen Zusammenhang, die Transfer-und Scoutingpolitik des Vereins, als es nämlich noch kein richtiges Scoutsystem gab.

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