Die Deutungshoheit

Das Ringen um die Deutungshoheit der Saison von Eintracht Frankfurt hat begonnen. Nun, da mit dem ebenso erarbeiteten wie verdienten Heimsieg gegen Hoppenheim das Abrutschen gestoppt, das Mindestsaisonziel erreicht worden ist, zeichnen sich Gräben innerhalb der SGE-Anhängerschaft ab. Auf der einen Seite gibt es die „Ätschi-Bätsch“-Fraktion, die den Kritikern nun übertriebene Fehlersuche, Kampagnen-Charakter, quasi Mannschafts- und Vereinsschädigung unterstellt. Auf der anderen Seite gibt es jene, die sich verbissen an Trainer Thomas Schaaf und den Fehlleistungen in dieser Spielzeit abarbeiten.

Bei der Orientierung, welchem Lager man näherstehen sollte, hilft ein Mix aus Fakten und deren Einordnung. Auf der positiven Seite sind vorranging zu erwähnen: a) der nicht wegzudiskutierende Klassenerhalt, b) die Punktzahlsteigerung zur Saison 2013/2014, c) die zumal für Frankfurter Verhältnisse überdurchschnittlich hohe und gelungene Integration einiger junger Spieler in oder an das Team durch den Trainer. Zu diesen Fakten gesellen sich Eindrücke wie jene, dass der Trainer sich auf dem Trainingsplatz und am Spielfeldrand durchaus engagiert zeigt. Er ist außerdem offenbar regelmäßig Gast bei den Jugendmannschaften und pflegt in der Kommunikation eine heutzutage wohltuend ruhige Art.

Diesen ohne Zweifel guten Entwicklungen kann, muss man aber auch Fakten gegenüberstellen. Auf der negativen Seite sind das vor allem a) die Punktausbeute gegen tabellerarisch- wie formschwache Teams, b) die in diesem Jahr in der Bundesliga unvergleichliche Auswärtsschäche, ebenso der Verlauf der Rückrunde im Ganzen, c) der Umgang mit einigen zumal qualitativ gutklassigen Spielern (bspw. Meier, Flum, Bamba).

Für jeden, der die Eintracht regelmäßig verfolgt, der die Entwicklungen reflektiert, die Vereins(TV)Brille abzieht, ist das kühle Verhältnis von Trainer zum Team (Profiteure außen vor gelassen) sichtbar. Arbeitsatmosphäre, das ist im Regelfall nichts schlechtes. Im Mannschaftssport hingegen … schwer vorstellbar, dass so eine Beziehung zu etwas führt.

Flankiert von Aussagen des Sportdirektors Bruno Hübner etwa zu Alexander Meier und Felix Wiedwald, dem Veräußern von Vaclav Kadlec und einer generell mauen Transferpolitik, legt sich ein dichter Grauschleier auf diese Saison. Da bleibt bei manchem Spieler, auch bei manchem Fan etwas sehr Fades zurück.

Rosarot, das muss man der Vollständigkeit halber schreiben, malt selbst bei der Eintracht das Bild niemand. Es ist eine Saison der verpassten, der verpatzten Chancen. Eine, welche die Zukunft des Vereins weitaus stärker beeinflußen wird, wie viele das zu ahnen scheinen. Denn je nachdem wie weit man von Rang 8 – einer Position, deren Qualität diese Mannschaft nie widerspigelte – letztlich tatsächlich abrutschte, geht Geld verloren bzw. wird nicht eingenommen. Die Maßgabe „zwei Ränge vor Weder Bremen landen“ (Heribert Bruchhagen) ist ohnehin aussichtlos geworden – und damit die bessere Positionierung in der TV-Tabelle. Wie wichtig diese nicht-sporterfolgsbasierten Einnahmen für Eintracht Frankfurt sind, ist unstrittitg.

Ein mieses, hilfloses zumal dünnhäutiges Bild gibt der Klub in der Außendarstellung ab. Beginnend mit der Hübner-Schelte für Meier über Ausredenverbreitung a la Umbruch und der Spektakel-Mär bis hin zur peinlichen Vereinsverlautbarung über Kapitän Kevin Trapp. Ganz zu schweigen von Partynächten und Schuldzuweisungen innerhalb des Teams.
Dass jetzt vom Aufsichtsrat das trotzige Bekenntnis zu Schaaf kommt und man den bösen Kampagnen-Medien den schwarzen Peter zuschieben will – das passt ins Bild.

Im Sommer wird einiges geschehen. Die Jünger des „Umbruchs“ werden schleunigst neue Worte für sich beanspruchen, ständig wiederholen müssen, um das Bevorstehende zu beschreiben. Klar ist: Mit jeder Position weiter oben im Klassement steigen die Chancen auf die Verpflichtung besser Spieler – und davon braucht Eintracht Frankfurt so einige. Neben den 4,5 Spielern, die es angesichts der bis hierhin eingehandelten und festgestellten Schwäche bzw den Vertragslaufzeiten, muss man mit Alexander Meier und Bamba Anderson zwei der besten Feldspieler, Stammspieler, sogar den Star des Teams mindestens eine Halbserie lang ersetzen. Plus Sonny Kittel als Optionsspieler. Schon sind es 8,9,10 neue Spieler, die verpflichtet werden müssen. Und eben nicht irgendwelche. Stefan Reinartz, den man ich wohl abschminken kann, und/oder Makoto Hasebe ist so die Klassen- und Qualitätskategorie, die es zumindest 3,4 Mal sein muss.

Entscheidend für den Fortgang wird sein, ob man diese Saison ehrlich und schonungslos analysieren wird/will, oder man sich – wie zu befürchten steht – in die simplen Erklärungen stürzt: Umbruch (den es nicht gab), Verletzungen (die erst spät in der Saison auftraten und zum Problem würden), Erwartungshaltung (die in Frankfurt ungesund gering sind).

Der neue Aufsichtsrat wird viel zutun, einiges zu verändern haben. Allmählich wird jedenfalls auch dem Letzten gedämmert sein, wieso Armin Veh – bei all seinen Fehlern – in dieser Frankfurter Struktur nicht weiterarbeiten wollte. Und so hätte es einen gewissen … Reiz, wenn der unbequeme Antreiber das Korsett aufbrechen, in dieser Struktur Dinge verändern könnte. Ob ein Ex-Trainer jedoch die beste Lösung, die richtige Besetzung für einen Funktionärs-Posten ist, darf bezweifelt werden.
Aber so ist es eben nach Helmut-Kohl-gleichen (Blei)Jahren: Irgendwann wird die Veränderung zum Selbstzweck.

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Die Deutungshoheit

  1. bla bla

    Ei geil, nach Kohl kam bekanntlich Hartz 4 !

    …naja, man kann dann ja auch zum Böllenfalltor runterfahren, wenn die goldenen Erneuerer 2016 die Eintracht mit highspeed Finanzluftschlössern an die Wand fährt.

    Aber cool bleiben, ist nur Fußball, bei dem man noch nicht einmal spielt, sondern nur außen zu guckt! Halb so wild

  2. Olli

    2:0 bei einem Fünftligisten verlieren aber man ist angeblich noch nicht im Urlaubsmodus? Die Vorstand steht hinter Schaaf und ganz Facebook jubelt. Ich kriege das kotzen.
    Auf nach Berlin: die brauchen noch 3 ganz wichtige Punkte gegen den Abstieg und man muss doch den letzten Platz der Auswärtstabelle zementieren.

  3. Jermaine Jones Junior

    http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/sport/eintracht-frankfurt-der-schadenfall-schaaf-13587953.html
    Eine sehr schöne und sachliche Gegendarstellung in der FAZ, in der auch mal die Pro-Schaaf-Argumente bzw. „Contra-Schaaf-Argumente-die-eigentlich-keine-Contras-sind“-Argumente beleuchtet werden.

    • Adlerschnabel

      Die FAZ drückt sich um wesentliche Kritikpunkte an Schaaf herum und gibt dabei auch unrichtigerweise den Spielern die Schuld für die vielen Gegentore. Diese kamen vielfach durch zu hohes Stehen bei zu wenig Schnelligkeit des Abwehrpersonals zustande, außer Bamba kann da hinten doch keiner mit Tempo aufwarten. Dann aber kann ich so nicht spielen lassen. Bamba aber fiel ja in Schaafs Ungnade. Ein weiterer Faktor für die Gegentore war das Spiel mit nur einem 6er Hasebe. Dies alles geschah entgegen der Alternativtaktik der Spieler, die, als sie in einigen Spielen vor der Winterpause vorübergehend zum Tragen kam, neben den 19 Toren von Meier, der ja ebenfalls fast in Ungnade fiel, viele der Punkte für den Klassenerhalt einfuhr. Die häufige Aufstellung von Piazon, Inui und Medojevic, die mehrfach eine unterirdische Leistung boten, aber immer wieder anderen und besseren Spielern vorgezogen wurden. Das nach vorne Anrennen auch bei einer ausgebauten Führung…
      Wenn man hier ständig mitliest und, wie bei Dir, eigentlich fast immer die Meinung Björns teilte, muss man sich schon mal wundern, wenn Du durch diesen löchrigen FAZ-Artikel plötzlich anders „beleuchtet“ sein willst.

      • Jermaine Jones Junior

        Thomas Schaaf ist nicht umsonst 2004 Double-Sieger und Jahre später (2009) fast UEFA-Cup-Sieger geworden. Seine Leistungen in der Vergangenheit rechtfertigen seine Verpflichtung als Trainer einerseits, aber erlauben andererseits zumindest das Misstrauen und die kritischen Stimmen der jüngsten Zeit grundsätzlich zu hinterfragen.
        Thomas Schaaf hat schließlich in zehn Bundesliga-Siegen schon bewiesen, dass er auch richtig handeln kann. Die Frage sei heute erlaubt, ob Roberto di Matteo an seiner Stelle häufiger richtig/seltener falsch gelegen hätte. Es sei angemerkt, dass Schalke unter di Matteo die schlechteste Rückrunde seit 15 Jahren spielt.
        Deswegen finde ich es unter Berücksichtigung der noch theoretisch sechs möglichen Punkte wichtig, dass ein wenig Dampf unter dem Kessel genommen wird.
        Zwei Dinge möchte ich noch klar stellen: Erstens, ja, Thomas Schaaf ließ das Potential dieser Mannschaft nicht voll entfalten. Die meisten der bisher 32 Bundesligaspiele waren zum Abgewöhnen.
        Zweitens, pikant bleibt, dass selbst Armin Veh von gewissen „(Leistungs-)Grenzen“ in dieser Mannschaft sprach. Und die Aussage kommt von einem Meistertrainer.

      • Adlerschnabel

        @JJJ
        Vorläufig etwas Dampf vom Trainerdebatten-Kessel zu nehmen ist in Anbetracht des in den letzten Partien anstehenden Kampfes um eine bessere Platzierung in Ordnung. Das sollte dann aber durch eine Vertagung der Debatte in den Großgazetten bis nach dem 34. Spieltag und nicht dadurch geschehen, die Debatte um Schaaf mit aufgesetzten Scheuklappen fortzuführen, wie dies die FAZ tut. In einem eher kleineren Kreis wie hier sollte die Rücksichtnahme auf diesen Kessel allerdings ohnehin eher keine Rolle spielen, zumal es sich sowieso um einen der wenigen versteckten Ausnahmereviere handelt, in dem die Nibelungentreue erklärtermaßen nicht das Wappen ziert.
        Was auf Einschätzungen von Leistungsstärken durch MT Veh zu geben ist, kann man an seiner Entscheidung für den VfB sehen. Sein alsbaldiger Abgang dort war doch ein offenes Eingeständnis seiner Fehleinschätzung dieser Truppe.
        Die Antwort auf die beeindruckende Ordensschau von Schaaf, die Deine Replik eröffnet, gibst Du Dir mit der Anführung von Di Matteo und den Problemen bei Schalke selbst. Di Matteo hat sogar die CL gewonnen. Gegen ein Hinterfragen der Leistungen dieser Würdenträger und natürlich auch gegen ein Hinterfragen der Hinterfrager spricht aus meiner Sicht nichts. Aber bitte mit der Lupe, nicht mit rosaroter Brille.

      • Jermaine Jones Junior

        @ Adlerschnabel
        „Fußball muss man nicht nur spielen können, Fußball muss man auch verstehen“ (Ioannis Amanatidis).
        Irgendwann, ich glaube so in der Hinrunde, haben einige Leser (u.a. auch ich selbst) der Mannschaft während einer Niederlagenserie Überheblichkeit vorgeworfen. Grund der Aufregung war, wie es denn sein kann, dass a) eine Mannschaft, die allenfalls gehobenes Mittelmaß vorweist, dermaßen leichtsinnig Siege verschenkt und b), dass die Sorglosigkeit einiger Spieler eine Abwärtsspirale in ihrer Performance auslöst. Vor dem Hintergrund dieser Argumente war es unverständlich wieso der Trainer in Frage gestellt wurde.
        Keine Frage, die Saison ist keineswegs zufriedenstellend verlaufen, ich bin auch am liebsten dafür den Trainer auszutauschen, ABER ich finde es auch wichtig die aktuelle Diskussion aus ALLEN Sichtweisen sachlich zu erörtern.
        Thomas Schaaf ist nunmehr der dritte Meistertrainer seit 2011 (Daum, Veh, Schaaf), der hier arbeitet, und ein Platzierung über Rang 6 hinaus ist mit den Strukturen und den Ressourcen, die dieser Verein hergibt, temporär nicht möglich. Um den Kreis zu schließen: Zeigen die Trainer-Recrutierungen nicht vielleicht, dass die Formschwankungen etwa mit dem Talentvermögen einiger Spieler abhängt? Zeigt es etwa nicht, dass einige Spieler an „ihre Grenzen“ (Armin Veh) stoßen? Offenbaren die Leistungen nicht, dass die Mannschaft die Fußballphilosophien und Taktikvorgaben ihrer Meistertrainer nicht immer „verstanden“ (Amanatidis) haben?

  4. Pingback: #Link11: Chaostheorie | Fokus Fussball

  5. Uschi Glasgow Rangers F.C.

    Erstmal die Saison zu Ende spielen. Baumgartlinger hat heute zumindest angekündigt, dass er in Mainz bleibt.

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