Logisches Ende

Da sich in diesen Stunden auch die letzten Ahnungslosen ihr Urteil über den Rücktritt von Thomas Schaaf bei Eintracht Frankfurt gebildet haben, erkennt man die immergleiche Struktur wieder: Jene, die das Geschehen aus Sportschau und Co. kennen, zeigen sich verwundert. Da lässt man einem alten Fahrensmann wie Schaaf auch schonmal Mobbing-Vorwürfe durchgehen, ja, kommentiert diese wohlwollend. „Schaaf ist zu gut für Frankfurt“. Ja. Klar.

Das, diese Einschätzung gilt nicht nur für Teile der Eintracht-Anhänger, für Fans, für Sympathisanten – nein, auch die Profis unter Medienschaffenden stimmen ein. Spiegel Online, das Schnipsel-Artikel-Medium, spricht von Schaaf vergraulen. Der Kicker, der in den vergangenen Tagen dann auch die Kritik-Fährte witterte, haut erst die Rücktritts-Meldung raus, um dann Stunden später über Zwietracht Frankfurt zu fabulieren. Dazu noch die Füllfederhalter aus Redaktionsstuben in Berlin und München, die alle Jubeljahre mal in Frankfurt aufschlagen, nicht ein Training gesehen haben, und dann mit dem Abstand von 500 Kilometern nachempfundenen Blödsinn auf Papier oder ins Netz drucken lassen. Bankenturmhohe Erwartungen, Diva – der ganze alte Kram wird von diesen Elfenbeinturm-Schreibern wieder aufgewärmt. Woran man am besten die Ahnungslosigkeit jener Leute erkennen kann. Tatsache ist, dass es kein, KEIN unambitionierteres, zahmeres, genügsameres Publikum gibt als das in Frankfurt. Nichtabstieg, Mittelfeld, alle Jubeljahre mal Europa – das ist bankenturmhoch? Wer sowas behauptet, ist entweder völlig fehlinformiert oder ein Lügner. Wer sowas für als zu hochgesteckte Ziele hält, sollte sich nur noch mit Paderborn, Freiburg und Mainz beschäftigen; nur da gehts noch ruhiger zu als in Frankfurt was Erwartungshaltungen angeht.

Medienschelte, Zeitungs-Schuldzuweisungen, Lügenpresse – der ganze Kanon, denen die Ewigtreuen und die Verblendeten etwa im Eintracht-Forum so von sich geben, ist absurd. Die Fehler hat Thomas Schaaf gemacht, Stichwort spielerische Armut, Spieler-Enteierung, Kommunikations-Defizite, atmosphärische Störungen im Team. Die Fehler haben die Funktionäre, etwa Bruno Hübner und Heribert Bruchhagen gemacht, Stichwort ewige erfolglose Trainersuche. Das alles wurde von Journalisten – von ein paar wenigen, die a) von Beginn an erkannten, was da abläuft und b) sich trauten das zu analysieren (was noch lange kein kritisieren ist) – begleitet, nicht initiiert. Diese ganze Entwicklung ist keine Verschwörung, kein Komplott, keine Vendetta. Es ist das logische Ende, quasi der kausale Zusammenhang zwischen Entscheidungen aus dem Winter 2013/2014 und den letzten Wochen. Man kann das Ende nicht verstehen, ohne den Anfang, die Zeitleiste zu kennen.

Das Verhältnis Thomas Schaaf und Eintracht Frankfurt stand nämlich von Anfang an auf tönernen Füßen (dafür kann man Schaaf übrigens die geringste Schuld geben).

Ihren Beginn nahm diese Entwicklung mit der falschen Strategie Bruno Hübners was die Armin-Veh-Nachfolge angeht. Zu lange – ab Dezember 2013 – setzte er auf das falsche, das Überredungs-, das Hoffnungs-Pferd. Als dieses in den Augen von Heribert Bruchhagen endgültig weggalopiert war – im Februar 2014 – gab dieser der FAZ ein Interview, wo er Vehs Entscheidung, den Verein im Sommer zu verlassen, öffentlich machte. Ziel: Den Druck auf Hübner erhöhen in Bezug auf die Nachfolgerfindung. Diese zog sich dann, lange selbst was die Gerüchteküche anging erfolglos, ewig. Das verfügare geeignete Trainerpersonal wurde weniger, bis Roberto di Matteo in den Fokus geriet, im Frühjahr 2014. Auch diese Verhandlung zog sich, Ergebnis: Absage, Zeit verloren. „Plötzlich“ wurden Eintracht Frankfurt die Handlungsoptionen genommen. Mit einem Mal, spätestens seit dem Zögern und dem folgenden Aus für di Matteo, gab es nur noch zwei Möglichkeiten: 1. auf einen unbeleckten, unerfahrenen Trainer setzen, Alexander Schur sei beispielhaft genannt. Für diese Variante war man nicht mutig genug, das kann man kritisieren oder gutheißen. Die zweite und letzte Option war die Verpflichtung eines erfahreneren Coachs; und in dieser Kategorie war Thomas Schaaf der einzig mögliche Kandidat, böse Zungen sagen, dass er der einzig verfügbare, einzig verkaufbare gewesen ist. Die Herzensangelegenheit, die Liebesbeziehung, nicht mal eine Romanze konnte es unter diesen Grundvoraussetzungen werden.

In sportlicher Hinsicht war der Wechsel Schaaf für Veh ebenfalls zum scheitern verurteilt. Schaaf übernahm eine intakte Mannschaft, ein Team, das gewisse Umgangsformen und Inhalte gewohnt gewesen sein wird. Sie war, symbolisch gesprochen bei Faktor 100, vor allem wegen Vehs unbestrittenen Motivations- und Mitnahmekünsten. Schaaf hingegen pflegte offenbar eine andere Atmosphäre, ging anders mit den Spielern um. Die Trainingsinhalte, die von allen Beobachtern durchaus wohlwollend goutiert wurden und des Trainers Treiben als engagiert bewertet worden ist, schmeckten vielen Kickern nicht. Und wie es dann ganz menschlich ist, wird eine ohnehin nicht vorhandene Bindung zu jemandem nicht aufgebaut. Das Team rutscht von 100 auf 90,80,70 … „Nüchterne Arbeitsbeziehung“ nannte ich das in diesem Blog mal. Für ein Team, das Herz und Leidenschaft gewohnt war, musste Nüchternheit auch Kühle bedeuten – mit all ihren Folgen.
Schaafs Fehler, und den beging er von Anfang an und konsequent, war, dass er nicht erkannte, welche Spieler samt welcher Stärken und Schwächen er im Kader hat. Er wollte partout etwas formen, so wie er es wollte, es sich vorstellte. Natürlich hat jeder Übungsleiter seine Vorstellungen, aber für Schaaf war die Übernahme einer prinzipiell fertigen Mannschaft Neuland. Er hatte noch nie etwas anderes unter den Finger als Werder Bremen, eine Mannschaft, die er über Jahre und – auch dank des nötigen Kleingelds, fußend auf guter Arbeit – immer wieder personell erneuern konnte. Eintracht Frankfurt hatte und hat nicht die Möglichkeit, drei, vier mehr oder weniger beliebige Spieler in ein System (zumal Raute, die auf der individuellen Klasse von im speziellen zwei, drei Spielern beruht) einzupflegen, dass auf Spielern der Güteklasse Wiese-Naldo-Frings/Borowski-Diego/Micoud-Klose/Ailton fußt.

“Man musste nur Wochenende für Wochenende Fußball gucken und daneben die geradezu offiziellen Weigerungen Schaafs, von seiner überholten Taktik und Spielidee abzurücken, zu Kenntnis nehmen.”

“… stagnierte, das kommt in der Entwicklung einer Mannschaft vor, es gibt Schwankungen. Doch zugleich entwickelten sich viele Vereine weiter…”

“Auf der Trainerbanl lehnte Schaaf es ab, seinen Fußball weiter zu entwickeln und wichtige Entwicklungen im Fußball aus der zweiten Hälfte der 2010er Jahre zur Kenntnis zu nehmen.”

“Doch Schaaf wollte weiter Erfolg haben ….. Schaaf hat sie aber mit zuviel Risiko überfrachtet ….. bei vielen Ballverlusten führte diese Spielauffassung immer wieder ins Desasteer in Form von nicht mehr zu verteidigenden Gegenstößen.”

“Der geringe Rückstand von nur 4 Punkten auf die Europoapokalplätze ließ wenig Böses ahnen…”

“… aus mir nicht bekannten Gründen bei Schaaf nach der Vorbereitung unten durch…..”

“Es dar niemals passieren, dass der Gegner nach einem Ballgewinn mit einem einzigen vertikalen Pass, oder auch über zwei Stationen in dem Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld laufen kann. … passierte dies unter Schaaf an schlechten Tagen mehrere Male im Spiel.”

Klingen diese Zitate, diese Einschätzungen irgendwie vertraut? Sie stammen nicht von Eintrachtinside, sie stammen nicht von den bösen Lügenmedien – sondern sie stammen aus dem Jahr 2013, von und ausgehend von einem Blog Johann Petersens.

Wenn man all diese Faktoren bedenkt, die Zitate von Ballverlust.net liest, sollte einem das Trainer-Aus plausibeler, logischer erscheinen, denke ich. SGE-Schaaf, das war von Beginn an ein Missverständnis. Eines, das nun – wenn auch mit Schlammschlacht – glücklicherweise beendet ist. Thomas Schaaf war es aus dem heimeligeren Bremen, vom handzahmen „Weser Kurier“ und der „Syker Kreiszeitung“ eben nicht gewohnt, dass Journalisten ihren Job machen, dass sie die Geschehenisse ihrer Jobbeschreibung entsprechend begleiten und Entwicklungen öffentlich machen. Entwicklungen übrigens, die Frankfurter Journalisten wahrlich nicht exklusiv wie Herrschaftswissen gepachtet hatten und haben. Jeder, der es sehen wollte bzw. der Fußball und von diesem als Sport etwas versteht, konnte es auch sehen. Man muss nur hinschauen – ohne Eintracht-Brille, ohne PR-Gläubigkeit, ohne treudoofe Emotionen, sondern mit mündigem, wachen Geist.

Zum Schluss nochmal was zur Medienschelte, nur eben anders herum: “Die Beschwerden der Lokaljournalisten über seine immer ruppigere Art … Diese Journalisten haben in den drei vergangenen Jahren ihre Arbeit nicht getan und zur Misere beigetragen, indem sie die Schwächen bei Werder nicht erkannt und nicht beschrieben haben.” (stammt auch von Johann Petersen und Ballverlust.net)

Forza SGE.

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Logisches Ende

  1. Charly

    >> Thomas Schaaf war es aus dem heimeligeren Bremen, vom handzahmen “Weser Kurier” und der “Syker Kreiszeitung” eben nicht gewohnt, dass Journalisten ihren Job machen, dass sie die Geschehenisse ihrer Jobbeschreibung entsprechend begleiten und Entwicklungen öffentlich machen.<<
    Tatsächlich? Na dann viel Spaß ohne "Rückgrat" Schaaf, und viele Grüße aus Hamburg, wo sich diverse Schreiberlinge ebenfalls für investigative Begleiter, schonungslose Aufklärer und integre Journalisten halten.
    Hier hätte es allerdings solcher bedurft.

  2. Pingback: Sepp Blatter und die Unbestechlichen | Fokus Fussball

  3. Infernal

    Ich machs kurz: So viele Hüte wie ich ziehen möchte, besitze ich gar nicht (und da hab ich die 25 Basecaps schon mitgezählt).

    Danke für diesen erstklassige recherchierten Beitrag. Wurde und wird großflächig verbreitet.

    Top!

    Forza SGE

  4. Annaluise

    Sehr guter Artikel!
    Kleine Ergänzung: Die sich gefühlt ewig hinziehende Abarbeitung an Roger Schmidt, der – ohne ihm einen Vorwurf machen zu wollen – Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen „gegeneinander ausgespielt“ hat und am Ende die für ihn schlüssigere Entscheidung getroffen hat. Auch da hat man sich, meiner Meinung nach, zu lange auf der Nase rumtanzen lassen und wertvolle Zeit verloren.

  5. Olli

    So, bei Inui wurde die Option für ein weiteres Jahr gezogen. Ich hoffe, dass man jetzt in der Post-Schaaf Ära eventuell mal den Madlung zu nem fairen Gespräch einläd! Man wird in nächste Saison ganz dringend brauchen.

  6. Sehr guter Beitrag! Die Vergleiche zu Bremen sind wunderbar recherchiert und passen wie die Faust auf’s Eintracht Auge. Wie man auch immer zur FR und deren Berichterstattung stehen mag, ist es ein Armutszeugnis für den Trainer wenn er auf Grund zweier Sportjournalisten sein Handtuch wirft. Wenn Kilchenstein und Durstewitz solche Macht und Einfluss haben, werde ich Ihnn morgen mal einen Leserbrief verfassen und meine Wünsche mitteilen:
    – Madlung einen neuen Vertrag anbieten
    – Joe Zinnbauer als möglichen neuen Trainer kontakten
    – Sebi Jung zurück holen
    – die Ente verkaufen
    und dann noch die etwas grösseren Wünsche wie z.B. Neymar als Backup für Meier zu holen. Oder Gündogan als sechser holen (der will doch eh weg vom BVB)
    Aber wenn sie die Trainerentlassung hinbekommen haben, dann sollten dass ja auch eher Kleinigkeiten für die 2 sein..

  7. Interessante Analyse, der ich nicht 100% zustimme, doch im Fazit absolut bei dir bin.
    Die Rolle der Medien sehe ich hier etwas kritischer. Als FR-Abonnent muss ich sagen, dass ich unglaublich genervt über die immer gleichen Berichterstattungen war, die stets mehr oder weniger auf das Ziel hinausliefen, den Trainer für seine vermeintliche Konzeptlosigkeit, sein mangelndes Verständnis für dies und das, seine Kommunikationsdefizite und für die taktische Ausrichtung zu kritisieren. Spätestens nach der Winterpause war deutlich herauslesbar: Die FR will Schaaf um jeden Preis „loswerden“. Journalistisch wurde hier nicht besonders gut gearbeitet. Die BILD (die ich nicht lese) hat hier sicherlich noch eine Schippe drauf gelegt.
    Andererseits: Ein guter Trainer muss auch damit umgehen können. Schaaf und SGE hat nicht sollen sein, so einfach. Vielleicht setzt die SGE jetzt mal auf einen etwas jüngeren Konzepttrainer, der dennoch schon woanders sein Können unter Beweis stellen konnte – Mut zum Risiko, wieso eigentlich nicht?

    • Danke für den Kommentar.

      Was die Rolle der Medien angeht: Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Journalisten im Regelfall keine Agenda verfolgen, das mag im Boulevard bisweilen anders sein, aber Stichwort FR – mit Sicherheit nicht. Am Ende ist es so, dass die Kollegen dort Vorkommnisse lediglich beschrieben, Entwicklungen analysiert haben. Dass der eine oder andere im Klub die Öffentlichkeit benutzt hat – quasi über Bande gespielt hat – ist nicht ungewöhnlich. Schaaf passte nicht zu diesem Team – das brach sich Bahn, im Gemüt der Spieler, wohl auch von Funktionären. Normale Geschehnisse. Ich wüsste nicht, wieso Journalisten faktische Entwicklungen – die ja spätestens mit dem Wintertrainingslager offenkundig waren – nicht beschreiben dürften.

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