Sie bringen die Band zusammen

Authentisch, kernig, straight ist er ja, der Armin Veh. Das werden ihm wohl selbst die ärgsten Kritiker zugestehen. Doch eben weil das so ist, wirkt seine Erklärung, wieso er nach einem Jahr zu Eintracht Frankfurt zurückgekehrt ist, umso gekünstelter, umso konstruierter. 35 statt 30 Millionen Euro stünden im Etat, das sei „prozentual gesehen viel“. Nunja. Kann man so sehen. Muss man nicht.

Zumal dann, wenn man sich an die Aussagen von Wolfgang Steubig in der vergangenen Woche erinnert, der die einst genannte Summe von 5 auf 3 Transfermillionen herunter-rechnete. Bei zwei Millionen Euro für Vertragsverlängerungen und Handgeld für Stefan Reinartz als … Entscheidungshilfe, dass er zur großen SGE wechselt, verwundert das nicht.

Schummrig werden muss einem wegen etwas ganz anderem, wegen der Möglichkeit, dass Eintracht Frankfurt nun zum Aufnahmelager für Gescheiterte werden könnte. Kann man bei der Rückholaktion 1.0 mit Armin Veh, die wenig Euphorie und Pathos bei der Mehrzahl der Fans auslöste, noch von einer rationalen, nüchtern betrachtet sinnvollen Entscheidung sprechen, rücken nun mit den Spielernamen Sebastian Jung und vor allem Pirmin Schwegler Personalien auf die Agenda, die Frankfurt einem Familientreffen ähnlich machen.

Während es bei Jung unter SGE-Anhängern und Fußballexperten gewiss Verständnis und Akzeptanz für das Bestreben geben würde, den gutklassigen Rechtsverteidiger wieder in die Heimat zu holen, sieht das bei Schwegler anders aus. Keine Frage, offenbar hat sein Abgang im Team ein gewisses Vakuum hinterlassen; Stichworte Binnenklima, Integration neuer Spieler, Probleme mit Ex-Trainer Thomas Schaaf. Jedoch fiel der Schweizer, der sportlich meist zu überzeugen wusste ohne den ganz großen Unterschied zu machen, häufig mit immerwährendem Marktwert-Testen, latenten Wechselabsichten auf. So richtig kapitän`esk fühlte er sich, fühlte es sich mit ihm nie an. Dann der Wechsel ins finanzielle Lummerland, wo man sich dann eben doch nicht so warm, geborgen, aufgenommen und gewärtschätzt fühlt wie im emotionalen, fußballverrückten Hessen / Frankfurt. Tja. Wusste jeder vorher. Sagte jeder vorher (bei Jung in Richtung Wolfsburg übrigens ebenso).

Auch wenn der Vergleich hinkt, ich persönlich bin was das ganz normale Leben angeht ja ein sehr konsequenter Anhänger und Verfechter der These, dass man nach Entscheidungen auch deren Konsequenzen zu tragen hat; im Guten wie im Schlechten. Man sollte als erwachsener Mensch wissen, dass, wenn man sich für etwas entscheidet, man sich stets und automatisch auch gegen etwas (anderes) entscheidet.

Eintracht Frankfurt muss dieser Tage aufpassen, nicht zur Mutter Theresa der Bundesliga zu werden. Man gibt sich sonst der Lächerlichkeit preis. „Wir bringen die Band zusammen“ kann nicht ernsthaft der Weg sein, den man beschreiten möchte. Der Umbruch, den man in der Schaaf-Amtszeit ein Jahr lang beschwor und vehement gegen Kritik verteidigte, kann doch nicht via Zeitkapsel aufgehalten, gestaltet werden.

So logisch und verständlich es ist, dass Veh – wie jeder andere Trainer – Vertrauensleute benötigt, mit ihnen plant, so unsinnig wäre das Vorantreiben von den genannten Revivals. Will man Jung oder Schwegler etwa leihen, nachdem man sie für Kleckerbeträge abgegeben hat? Gar das bisschen Transferbudget, das man (noch) hat für Käufe investieren? Was ist mit Carlos Zambrano, kann man sich nach einem Dreivierteljahr Vertragspoker mal zu einem „Adios“ durchringen und die Innenverteidigung personell ausrichten, so dass neben Marco Russ und David Kinsombi noch zwei andere Spieler auf der Position auflaufen können? Die planen bei der SGE offenbar ernsthaft mit Stefan Reinartz, einem guten defensiven Mittelfeldspieler, für die zentrale Verteidigung. Bei solchen Szenarien, liebe Leser, geht mir die Hutschnur deutlich mehr hoch als in Bezug auf die umstrittene Trainerwahl.

Was sich bei der Vorstellungs-Pressekonferenz in Frankfurt jedoch zeigte ist, dass Veh ein gutes, ein nötiges Korrektiv zur knochenharten, staubtrockenen Zement-Rhetorik von Vorstandschef Heribert Bruchhagen ist. Während Letzterer abermals den puren Realismus beschwor, warb der neue Trainer fürs Träumen, für das „Erreichen des Unerwarteten“.

Ist das vermessen? Gilt das den ewigtreuen, kritiklosen Jüngern der Zement-Theorie (die faktisch ja durchaus richtig ist) bankenturmhohe Erwartung? Demnach wäre die Diktion Steubings, wonach man sportlich durchaus besser sein sollte als der FC Augsburg, reinste Fiktion. Manchmal und gerade im Zuge des Schaaf-Rücktritts frage ich mich, wieso mancher Fan sich Leistungssport, Wettbewerb reinzieht, sei es im Stadion oder im Fernsehen. Wenn man sich als Sportler nicht am Gewinnen orientiert, nur an dem mit den Mitteln Machbaren festhält, kann das nur zur Trägheit führen. Für die Fans dürfte ähnliches gelten: Dinge, wie die sportliche Entwicklung des SV Darmstadt 98 lassen sich nicht mit Zement, mit Etats, mit Flipcharts erklären. Sie sind von Emotion getragen, vom unbedingten Willen, vom Zusammenhalt aller Teile des Ganzen. Und natürlich vom Können der Architekten, Trainer und Funktionäre in erster Linie. Die Spieler entwickeln,sie in die Spur bringen, das Team formen – das ist Handwerk. Aber die Bindung zu schaffen, diese José-Mourinho-Teams gleiche „Für diesen Coach sterbe ich“-Mentalität, geht nur über Ausstrahlung, über das Schmieden gemeinsamer Bande, über das Mitnehmen aller Spieler.

Und das, liebe Leser, kann Armin Veh jedenfalls besser als Thomas Schaaf. Ob es Realität wird, ob es in einem Jahr tabellerarisch besser, gleich oder schlechter geworden sein wird? Keine Ahnung, Vabanque, Roulette wie jedes Jahr.

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Sie bringen die Band zusammen

  1. Pingback: #Link11: Personalkarussell | Fokus Fussball

  2. Florian

    Und nun ist PSG angeblich (BILD) an Trapp dran. Wäre Wiedwald noch da, würde ich Trapp direkt verkaufen. Wen kriegt man denn jetzt noch, außer vielleicht Langerak?

    • Staniii

      Klauselkönig Bruno Hübner! Sollte es so weit kommen, verkauft er einem das noch als Erfolg. Wäre ja auch zu einfach gewesen, Wiedwalds Vertrag für vergleichsweise schmales Gehalt zu verlängern und Trapp zu verkaufen.

  3. Jermaine Jones Junior

    Ich halte viel von einer Rückkehr der Spieler Jung und Schwegler. Wenn du als Trainer ein Linie hast, brauchst du diejenigen Spieler, die diese voll mitziehen. Darüber hinaus hat Veh heute ja anklingen lassen, dass dir 20% mehr nichts nützen, wenn du sie falsch investierst. In Jung und Schwegler weiß Veh, was er an ihnen hat, und umgekehrt gilt das für die Beiden auch.
    Abgesehen davon ist Schwegler a) der Leader, nach dem gesucht wurde (wahrscheinlich hat man deswegen Baumgartlinger nicht mehr unbedingt holen wollen), und b) halte ich die Formation Schwegler/Hasebe für ein Duo, dass in der Bundesliga womöglich zum Besten gehört.

  4. Olli

    So lange sie nicht Joselu zurück holen wollen. Der soll angeblich für 10 Mio auf die Insel gehen …

    • Florian

      Das muss man sich mal reinziehen. 10 Mio von einem Club, der meistens ähnlich wie die Eintracht in Deutschland abschneidet, und offenbar genau so ein schlechtes Scouting hat – da muss dann wohl doch mal die DFL mehr Geld erlösen.

      • Olli

        Sowas kommt halt zustande, wenn der Tabellenletzte in England knapp 80 Mio TV Gelber bekommt und bei uns der FCB etwas über 50 Mio. Dadurch können halt mit Geld um sich schmeißen.
        ABER: wie kann sowas zustande kommen. Gehen wir ins Jahr 1989 zurück nach Sheffiled ins Hillsborough. Danach gabs in England zuerst keine Stehplätze mehr und danach auch stetig keine Fan-Kultur. Es gibt auf der Insel zwar mehr als genug Hooligans, aber kaum Ultras. Im Stadion ist keine Stimmung, dafür aber horrende Einnahmen durch reine Sitzplatz-Tempel. Was aber schlimmer ist, durch die fehlenden Fans konnte die Liga machen was sie wollte. 50+1: lächerlich. 5 Spiele am Samstag um 15:30 – völlig ineffizient. Niemand hat sich gegen die absolute Kommerzialisierung des Fußballs gewehrt. Zudem noch eine prima Auslandsvermarktung (da hat der DFB / DFL einfach über 30 Jahre gepennt!). Dann noch ein paar Öl-Milliardäre die ein Hobby gesucht haben …. und fertig ist ein Produkt, wo Fußball dazu mißbraucht wird den maximalen Profit anzustreben.
        Der Fan sitzt lieber zu Hause und bezahlt horende Pay-TV Gebühren, weil das immer noch billiger ist als Stadion – ohne Stimmung.

        Also, wirklich englischen Verhältnisse?

      • Florian

        nein, nicht wirklich, aber wenn eben der Letzte noch so viel mehr Kohle bekommt als der deutsche Meister, dann kriegt man ja wohl bessere Modelle hin, ohne gleich Seele und/oder Tafelsilber zu verhökern.

      • Olli

        Eine gewissen Teil wirste über die Auslandsrechte ausgleichen können, aber nicht über Nacht.
        Den weitaus größten Teil machen die nationalen TV-Rechte aus. Da kommt nix vor Montag Abend im Free-TV. Kein Spiel der Premier League überschneidet sich mit einem anderen. Dazu noch FA-Cup und Liga-Pokal.
        Wir können also nur gleichziehen, wenn es aus dem Free-TV verschwindet oder der GEZ-„Beitrag“ um 50% angehoben wird (wären ca. 4 Mrd. / Jahr).

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