Thema Tempo

Eintracht Frankfurt international – als Fan dieses Klubs saugt man beim Hören dieses Liedes bis heute Nektar. Sportlich immer mal wieder im Uefa-Pokal spielen, das war, ist und bleibt Wunsch und Sehnsucht der Anhängerschaft. Ob es hingegen zu den Vorstellungen der Fans gehört, dass die immer gerne hervorgehobene Heimatverbundenheit mit Hilfe von Transfergepflogenheiten unterhölt wird, darf bezweifelt werden.

Der Saarländer Kevin Trapp, das letztlich doch sehr kurz gesehene (Kapitäns)Gesicht von Eintracht Frankfurt, sollte zuerst durch den Australiert Matthew Ryan, nun wohl – glaubt man den Aussagen des zuständigen Spielerberaters – durch den Italiener Francesco Bardi ersetzt werden (Edit, 15,30 Uhr: Sportdirektor Bruno Hübner dementiert die Personalie gegenüber der „Offenbach Post“).
Derzeit läuft so oder vieles darauf hinaus, dass nur noch wenige, nämlich drei deutsche Spieler – von hessisch oder gar rhein-main Stämmigen ganz zu schweigen – in der Startelf stehen: Bastian Oczipka, Stefan Aigner, Stefan Reinartz.

Von dem Credo „deutsch, dynamisch, jung“, das von Heribert Bruchhagen vor einigen Jahren offenbar tatsächlich nur aus purer Geldnot heraus in die Welt getragen wurde, ist nicht mehr sonderlich viel geblieben. Der Kurswechsel im Klub ist dahingehend aber schon länger vollzogen, bereits mit dem Amtsantritt von Sportdirektor Bruno Hübner wurde da eine andere Strategie verfolgt. Durch die (überfällige) Verpflichtung des neuen Chefscouts Bernd Legien scheint man nun informierter über das europäische Ausland und gewillter, in selbigem Spieler für das Bundesligateam zu verpflichten. Die Aktivitäten rund um Luc Castaignos und Ryan beweisen ja einen Fokus auf die Benelux-Länder, in denen viele Bundesligisten in den vergangenen zwei, drei Jahren verstärkt nach Neuzugängen schauten; der Aufschwung der belgischen Nationalmannschaft hat dafür gesorgt.

Sicher, mit Timothy Chandler, Marc Stendera, Luca Waldschmidt und Joel Gerezgiher stehen vier deutsche bzw. in der Region aufgewachsene Spieler im Team, die den Durchbruch im Profibereich geschafft haben oder auf dem Weg dorthin sind. Alt-Neu-Trainer Armin Veh hat Stendera in die Spur gebracht, Ex-Trainer Thomas Schaaf – trotz aller Kritik vor allem im Bereich der Jugendspieler-Integration mit guter Arbeit – förderte im Anschluss vor allem Stendera, auch Waldschmidt führte er heran, Gerezgiher lobte der zurückgetretene Coach ebenfalls vor dessen Verletzung, dachte ihm eine Rolle in der Mannschaft zu. Aber ist es realistisch, dass die besagten Spieler über Rotations- oder Reservistenrollen hinaus kommen?

Armin Veh ist jedenfalls ein Verfechter des Flügelspiels und auch daher ein Freund des 4-2-3-1-Systems. Ergo wird es drei zentrale Mittelfeldpositionen geben; eine offensive und zwei defensive. Aigner dürfte rechts gesetzt sein, links ist – zumal im Hinblick auf eine wohl bevorstehende Neuverpflichtung und die causa Vaclav Kadlec – alles offen, auf der Doppelsechs rangeln um den Platz neben Reinartz (sollte Makoto Hasebe tatsächlich wenigstens vorübergehend als Rechtsverteidiger auflaufen) der von Veh bekanntlich und zurecht geschätzte Johannes Flum, Marco Russ (sobald in der Innenverteidigung noch Zambrano und/oder 1 bis 2 Neue gekommen sind), Slobodan Medojevic, Alksandr Ignjovski und auch Gerezgiher. Sollte Hasebe auf seinem angestammten zentralen Platz bleiben, dürfte die Doppelsechs ohnehin dicht sein, womit für den eher langsamen Stendera nur die offensive Rolle im 4-2-3-1 bliebe. Diese könnte er sogar einnehmen, denn bis zur Rückkehr, zumal bis zur Einsatzbereitschaft von Alexander Meier werden viele Bundesligawochen vergehen. Jedoch steht er diesbezüglich nicht nur in Konkurrenz zu den Mittelfeldspielern. In den Trainings- und Testspielen haben sowohl Haris Seferovic als auch Castaignos die Meier-Position des hängenden Stürmers gespielt. Dass dort auch Kadlec denkbar ist, dafür muss man kein Fußballlehrerdiplom besitzen. Takashi Inui, der von Schaaf zeitweise als Zentraloffensiver gesehen wurde, dürfte unter Veh auf dieser Position indes noch weniger Chancen besitzen als auf dem Flügel.

Diese frühen Überlegungen, Spekulationen deuten jedoch eine schon vor einem Jahr existierende und offenbar bestehenbleibende Schwäche dieser Mannschaft an: das Tempo. Gerade im Mittelfeld und auf den defensiven Außenbahnen verfügte und verfügt Eintracht Frankfurt nicht über die nötige Geschwindigkeit, die Spieler sind fast alle nicht die flinkesten, nicht die schnellsten. Links hinten sind weder Bastian Oczipka noch Constant Djakpa ausgewiesene Sprinter, die Rechtsverteidiger-Aushilfen Makoto Hasebe und Slobodan Medojevic sowie Aleksandr Ignovski genügen in der Tempofrage nicht wirklich hohen Ansprüchen und Timothy Chandler machte in der vergangenen Saison entgegen den Erwartungen auch nicht den Eindruck, ähnlich zügig unterwegs zu sein wie sein Vorgänger, der tatsächlich schnelle Sebastian Jung.

Diese Analyse zieht sich auch durch weite Teile des Mittelfelds. Die im Zentrum „kleineren“ Spieler Hasebe (1,80 Meter) und Medojevic (1,83 Meter) sind nicht sonderlich schnell. Flum und Reinartz sind physische, groß gewachsene Typen (beide 1,90 Meter), Russ zumal. Bleibt Ignjovski (1,75 Meter), der zusammen mit Flum noch als einer der schnellsten in dem Frankfurter Mannschaftsteil gilt. Auch offensiv ist in Bezug auf die Laufgeschwindigkeit Verbesserung nötig. Stendera ist technisch gut, recht wendig, aber nicht sehr flink und schnell. Im Gegensatz zu Takashi Inui, dem in der Vergangenheit wie Gegenwart so ziemlich einzig wirklich antrittsstarken, schwer einholbaren Spieler im Team. Das Tempo von Stefan Aigner ist okay, von Kadlec war auf dem Flügel zu selten etwas zu sehen um dessen Können und Tempo-Auswirkungen auf der Position seriös einschätzen zu können. Sonny Kittel fällt noch lange aus, Gerezgihers tatsächliches Startelf-Standing / Chancen sollte man, auch wenn er als flinker Spieler gilt, nicht überbewerten.

Überraschend gut schneidet im Bereich Geschwindigkeit Neuzugang Luc Castaignos ab. Der Holländer bringt trotz seiner Größe (1,88 Meter) auf den ersten Metern einen sehr ordentlichen Antritt mit, wenn man Einschätzungen von ständigen Trainings-Beobachtern lauscht. Haris Seferovic, das sah man in der vergangenen Saison, ist zwar keine lahme Ente, aber seine Stärken liegen nicht so sehr im Schnellläuferischen als in der Ballbehauptung und dem Einsatz- sowie Behauptungswillen; was auch, wie bei Aigner, unverzichtbare Qualitätsmerkmale sind.

Aporpos Seferovic: Es überrascht dann doch etwas, dass er wohl mit dem Gedanken an einen neuerlichen Transfer gespielt hat. Gerade in der Rückrunde und den aufkommenden Zweifeln, ob es in seiner Karriere mal zu mehr als einer guten Halbserie reicht, bekam er uneingeschränktes Vertrauen und eine Nestwärme, die er außerhalb des unvergleichbar demütigen Frankfurt so schnell nicht (mehr) bekommen wird.

Um ein paar letzte Sätze zum Tempo-Thema zu schreiben: a) In der Innenverteidigung ist das kein zu großes Thema, spätestens wenn Bamba Anderson zürckkehrt. David Abraham ist offenbar schneller als ich erwartete, bei Zambrano – sofern er bleibt – ist die Geschwindigkeit ok, bei Russ stehen andere Stärken im Vorderung. B) Wer auch immer als linker offensiver Mittelfeldspieler in der Woche verpflichtet wird, er muss ein schneller sein. Sidney Sam wäre das mit Sicherheit, das hat er – im Gegensatz zu manch anderem – bewiesen. Trotz allem wichtigen und nötigen europäisch-globalen Denken und Handeln: Sam ist immerhin in Kiel/Deutschland, nicht in Karnobat/Bulgarien geboren; und schlussendlich ist Identifikation über Personen, Lebensläufe doch emotionaler, haltbarer als über reinen sportlichen Erfolg. Okay, Sam wäre von Gazprom 04 geliehen – echt doofes Beispiel für ein Plädoyer für die Einbindung von mehr Idenfitikationsfiguren.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Thema Tempo

  1. Olli

    Du machst dir Sorgen ums Tempo. Ich habe gestern live das Testspiel gesehen und mache mir eine ganz andere Sorge: die Ersatzbank.

    Die haben die 1. Halbzeit eigentlich sehr gut gespielt. Grundsolide gestanden und das Spiel geherrscht – okay, gegen nen mittelm#ßigen aus der 2. Liga. Die einzige Chance der Heidenheimer war ein Kopfball von nem Frankfurter an die eigene Latte.
    Aber kaum geht das Wechseln zur Halbzeit los … alles vorbei. Zugegeben, die werden so nie zusammen spielen wie nach der Pause. Da waren teilweise Leute auf dem Platz die keiner vom Aussehen her kannte geschweige nen Namen parat hatte. Aber die Gegner werden ja auch besser. Zwar nicht die nächsten 3 Wochen. Aber am 16.08 wartet dann Wolfsburg.

    Medojevic und Inui …. eine gefühlt 100%ige Fehlpassquote. Warum dürfen die noch spielen aber den Vertrag vom Valdez löst man auf. Den hätte man doch nach der Copa bestimmt für 250.000 an den Mann gebracht.

    Hoffen wir das Beste in Sachen Transfers. Für ne gute Startelf braucht es eigentlich nur den RV und linken Offensiven. Aber dahinter wirds, wie üblich, schnell dünner.

    • So schlimm? In der Verteidigung sehe ich das Ersatzproblem mit Russ oder Abraham als IV-Backups sowie Djakpa für links qualitativ noch nicht. Im Sturm bis zu Meiers Wiederkehr verhält es sich so lala, da hat man – sollte Valdez gehen – immerhin drei Spieler, bei denen ich prinzipiell noch guter Dinge bin, egal wer von denen von der Bank kommen sollte. Bange wird es auch mir in der Tat im Mittelfeld, da sehe ich außer Flum und Stendera, sofern diese den Sprung in die erste Elf nicht schaffen, auch wenig Substanz; gerade in der Vorwärtsbewegung, je nachdem was dieser Joel Gereghizer wirklich kann, wie viel man ihm zutraut.

      • Florian

        das mag nicht bis nach Mesa Verde oder Yellowstone durchgedrungen sein, aber Valdez‘ Vertrag ist bereits aufgelöst. 😉

      • Olli

        Schlimm? Grausam! Zugegeben, da kommen noch ein paar hinzu die noch nicht oder erst sehr kurz im Training sind.

        Gehen wir mal von nem 4-2-3-1 aus unter Veh.

        Tor: Lindner klebt auf der Linie, wo er bärenstark ist, zögert beim rauskommen. Hat was von Nikolov. Man kann hier sicher noch qualititativ nachlegen. Das Tor ist aber definitiv nicht die größte Baustelle.

        LV: nix zu diskutieren.
        IV: Russ + Abraham, Bamba in der Rückrunde. Kinsombi mit zähneknirschen.
        RV: Chandler! bzw. aktuell Hasebe. Ignjovski? Vielleicht sollte da mal Medojevic spielen … da sind die Ballverluste weniger Schmerzhaft.
        6er: Hier kommts drauf an, wer alles noch für die Abwehr kommt. Potentiell haben wir Reinartz (der auch IV kann), Hasebe (Ersatz-RV), Stendera (na ja), Russ (eher IV), Flum (wenn in Form), Medojevic (Himmel hilf). Wird einiges einfacher mit Zambrano (leider!).

        10: Meier und Stendera. Also am Anfang erst mal ne wackelige Position ohne wirklichen Ersatz.
        Flügel: Aigner! Sonst noch wer?
        Sturm: Luc + Haris. Zur Not Aigner oder Meier, Kadlec in Form wäre recht hilfreich (für den Flügel)!

        Wie gesagt, mit 2 Zugängen (wovon einer noch Zambrano sein kann) kriegste ne prima Startelf hin. Aber da werden auch mal Verletzte, Sperren und Formkrisen dazu kommen. Ein fixer Wechsel wird dann auf LV sein und einer im Sturm – da wird der geringste Qualitätsverlust sein. Viel Druck von der Bank sehe ich damit aber nicht. Ein sehr dickes Manko seit einigen Jahren.

      • Olli

        Eine Sache die mir noch nach dem ganzen Schreiben aufgefallen ist: nur wenige Leute sind aktuell auf einer Position gesetzt: Lindner, Aigner, LV, Sturm. Gerade in der Defensive hat der Veh dutzende Möglichkeiten 5 Mann neben den LV aufzustellen. Es könnte ein bisschen dauern bis er da die Formation findet …

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