Einträchtliches Erstaunen

Merkwürdig, wie still mehr als 4000 Fußballzuschauer sein können. Dabei dürften 99 Prozent der am Mittwochabend Anwesenden in das Herrenwaldstadion gekommen sein, um Eintracht Frankfurt, nicht um Eintracht Stadtallendorf zu sehen. Das Zuschauen wurde jedenfalls ähnlich emotionslos verrichtet, wie die Fließbandarbeit bei der dem Stadion nahegelegenen Firma Winter (Eisengießerei). Dabei organisierte der EFC Adlerhorst eine Veranstaltung, die auch im Rahmenprogramm und von der Präsentation wirklich qualitativ weit oberhalb dessen liegt, was man von Vereins-Festen so kennt.

2015-07-29 Testspiel Eintracht 191

Wäre es nicht von Beginn an friedhofsstill gewesen, könnte man als Argument für das Schweigen die Spielweise der Profifußballer anführen. Denn in den ersten 45 Minuten konterkarierte das Gezeigte so ziemlich alles, was der geneigte Fan bis jetzt vom Vorbereitungsstand vernahm. Kombinationsfußball? Fehlanzeige. Es war ein Fehlpassfestival in Schwarz-Rot. Ideenlos und ohne Tempo nach vorne, dafür anfällig in der Rückwärtsbewegung; gekrönt von gleich drei brutalen individuellen Fehlern (mit Ball am Fuß!) von David Abraham (zweifach) und Marco Russ (einmal), je 20 Meter vor dem eigenen Tor. Der zweite (!) Torwart Emil Balayev parierte zwei der folgenden Großchancen gut, bei einem Nachschuss zum 1:1 war er chancenlos. Ein weiterer Ball schlug am Pfosten ein, zwei Schüsse gingen über das Gehäuse. Wohlgemerkt ist das die Chancenbilanz des Fünftligisten Eintracht Stadtallendorf.
Bei der SGE reduzierte sich die Ausbeute auf einen Kullerball von Inui aus 15 Metern zentral und frei vor dem Tor, auf das Halb-Eigentor, das zum 1:0 (offizieller Torschütze der bemühte aber uneffektive Stefan Aigner, nach einem Eckball) führte sowie auf einen Schuss des schwachen Joel Gereghzizer.

2015-07-29 Testspiel Eintracht 106

Nach der Pause, als der stets stoisch mit Basecap auf dem Stuhl sitzende Trainer Armin Veh das System umstellte und mehrfach wechselte (Bastian Oczipka für Constant Djaka, Johannes Flum für Stefan Aigner,Luca Waldschmidt für Takashi Inui und Aleksandr Ignovski für Joel Gereghizer), wurde das Spiel der Eintracht in vielerlei Hinsicht besser – was gar nicht so sehr am Gegner lag, der zumindest nicht sichtbar konditionell abbaute, nun aber deutlich tiefer stand, stehen musste, da die SGE dominanter, vor allem passsicherer war. Plötzlich schien das Team eine Idee zu haben, wie es spielen will. Kombinationen waren zu erahnen, später funktionierte auch die eine oder andere. Vor allem Luca Waldschmidt, der im Landkreis Marburg-Biedenkopf geboren wurde und in der Jugend dort auch Fußball spielte, drehte mächtig am Schwungrad. Sein Tor zur 2:1 Führung war fast schon logisch, auch an den zwei folgenden Treffern durch Flum und Stendera war Waldschmidt maßgeblich, an einem von beiden Toren direkt beteiligt. Das 3:1 resultiete aus der ersten wirklich starken Kombination der Frankfurter, ausgelöst von Waldschmidt, der auf Oczipka querlegte, der wiederum scharf hereinflankte und Flum es so einfach wie möglich machte. Durch ein Tor des irgendwie teilnahmslos wirkenden Marc Stendera stand es plötzlich 4:1, ein akzeptables Ergebnis war erreicht. In der Folgezeit probierte die SGE das Tempo, den Spielfluß zu halten, was so lala gelang. Das 5:1 und ein Vollspannschuss zum 6:1 (beide Tore vom recht unkoordinierten Seferovic) versöhnten letztlich, war die erste Halbzeit doch ganz schön zum fürchten.

2015-07-29 Testspiel Eintracht 185

Klar, niemand weiß, ob und wie intensiv die Profis am Morgen vielleicht schon trainiert haben. Das hängt ja auch denen, schließlich sind es auch nur Menschen, in den Knochen. Dazu die Motivationsschere: Für die Amateure ist es ein Top-Ereignis, da wird gerannt und gebissen (sowohl Seferovic als auch Abraham ließen sich je einmal zu Ausbrüchen hinreißen, die in der Bundesliga – begleitet von zig Kameraeinstellungen – mit der bösen Karte hätten belegt werden können), während die Profis im Trudel- und Showmodus sind, bestenfalls mal etwas ausprobieren. Von daher muss man auf die Eindrücke aus dieser Partie noch weniger geben als auf jene aus anderen Vorbereitungsspielen.
Und doch war es interessant, bisweilen verstörend zu sehen, wie problematisch das Aufbauspiel noch zu sein scheint. Takashi Inui, der zwar ein bisschen was versuchte, aber dem kaum etwas gelang, tat sich da ebenso hervor wie der matte Marc Stendera. Auch Marco Russ streute im Aufbauspiel nicht die besten Bälle ein, während David Abraham auffällig oft mit Ball am Fuß das 1gegen1 suchte. Constant Djakpa hatte seine Mühe mit der Ballverteilung, Aigner mit der Ballverarbeitung. Stefan Reinartz zuzuschauen, macht hingegen wirklich Freude, wohingegend sich der im Mittelfeld bekantnermaßen bärenstarke Makoto Hasebe als Rechtsverteidiger erkennbar unwohl fühlt. Gewinner, wenn man das als Profi gegen einen Hessenligisten sein kann, sind Luca Waldschmidt und Bastian Oczipka. Johannes Flum spielte nach seiner Einwechslung okay, auch Aleksandr Ignovski war zumindest nicht viel schwächer als er für Hasebe auf die Rechtsverteidigerposition rückte.

2015-07-29 Testspiel Eintracht 135

Fotos: Björn Wisker / Jan Eiler

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Beiträge

Eine Antwort zu “Einträchtliches Erstaunen

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s