Rettung durch die rote Karte

Die Geschichte des Spiels VfB Stuttgart gegen Eintracht Frankfurt kann auf zwei Weisen erzählt werden.

Variante 1:
Die Schwaben überranten die Gäste, hätten bereits 3:0 führen müssen bevor die Frankfurter den Mannschaftsbus verlassen hatten. Die rechte Frankfurter Seite wurde überrant, Filip Kostic spielte Timothy Chandler und andere im SGE-Defensivverbund schwindelig. Das gesamte Mittelfeld bekam in der Rückwärtsarbeit keinen Zugriff, die Offensive kam nicht vor, Haris Seferovic und Luc Castaignos versuchten sich in Arbeitsverweigerung. Einzig Carlos Zambrano und Bastian Oczipka in der Defensive, Marc Stendera in der Offensive wehrten sich gegen den Dauersturm der Stuttgarter.
Es grenzte an ein Wunder, dass Frankfurt in Führung ging, es war sowas von überfällig, dass Stuttgart ins Tor traf, es grenzte an ein Wunder, dass Frankfurt vor der Halbzeit abermals in Führung ging. Niemals hätte die Eintracht führen, gar gewinnen, am Ende mit vier Toren, dürfen. Ohne den Platzverweis für den Stuttgarter Keeper wäre am Ende vermutlich nicht mal ein Zähler geblieben.

Variante 2:
Die Schwaben überranten die Gäste, hätten bereits 3:0 führen müssen bevor die Frankfurter den Mannschaftsbus verlassen hatten – taten sie aber nicht. Stuttgart ging verschwenderisch mit der drückenden Überlegenheit um, schoss nur ein Tor, vergab in der ersten Halbzeit drei weitere 100%ige Chancen. Gegen eine Mannschaft, die halbwegs geradeaus laufen kann – was der SGE abermals schwerfiel – kann sich das rächen. Tat es auch. Rein auf Dusel, auf Massel, auf Glück gebaut – wenigstens in der ersten Halbzeit. Für den zweiten Abschnitt gilt das nicht mehr ganz so.
Sucht man ein Symbol, eine Person für den Spielverlauf, dann ist das Stefan Reinartz. In der ersten Halbzeit völlig daneben, wirr und ohne jeden Zugriff aufs Spiel, Langholz und Fehlpässe spielend, ist es sein aggressives Vorwärts-Tackling gewesen, das den Elfmeter, das 3:1 möglich machte. Sein Schritt zum Ball hin, vor den Stuttgarter Passempfänger und das dann zügige nach-vorne-treiben des Balls samt richtig getakteten Pass auf Luc Castaignos, ist DIE Szene des Spiels gewesen. Dass er auch das 4:1, nach Ballgewinn des eingewechselten Luca Waldschmidt direkt vorbereite, ist eine weitere Fußnote. Abgesehen von diesen sehr wirkungsvollen Szenen, steigerte sich der Mittelfeldspieler mit Wiederanpfiff sichtbar. Das ganze Team wirkte nach den Auswechslungen und Umstellungen gefestigter (wie übrigens schon gegen Augsburg). Obgleich Stuttgart weiterhin das bessere, das gefährlichere Team blieb; bis zur Elfmeterszene und dem Platzverweis.

Alles in allem war es natürlich ein höchst glücklicher Sieg. Effektiv kann man ihn nennen, wenn man aus einem Torschuss zwei Treffer erzielt. Spielerisch war diese Partie abermals dürftig, Kurzpässe gab es zwar mehr als zuletzt (löblich und erforderlich), die Fehlerquote war aber hoch. Ein richtiges Offensivspiel gelang der Mannschaft erneut nicht. Drei Kontertore (gut), ein Elfmeter; schämen, entschuldigen muss man sich dafür nicht. Doch niemand sollte auf die Idee kommen, diese vier Tore, den Sieg als solchen, hoch zu hängen.
Was Armin Veh übrigens im Interview nach dem Spiel schon nicht tat, er sprach von „Hauptsache Sieg“ – und genauso sieht es aus. Mit jetzt vier von neun möglichen Punkten ist Eintracht Frankfurt voll im Soll für die eigenen Ziele. Das es angesichts der Gegner sechs bis sieben hätten sein können, gut, geschenkt.

Die SGE muss in den kommenden zwei Wochen viel viel arbeiten, verbessern. Soviel Glück wie gegen Stuttgart wird man kaum nochmal haben, schon gar nicht, wenn man sich erinnert, dass bereits gegen Augsburg eine Menge davon gebraucht wurde. Doch Arbeiten alleine wird nicht reichen. Auf dem Transfermarkt sollte der Klub nochmal aktiv werden. Nicht nur, dass nun der Verkauf von Vaclav Kadlec endgültig klar sein dürfte und somit eine Lücke in a) der Offensive und vor allem b) der Flinkheit/Wendigkeit entsteht, nein, auf der Rechtsverteidigerposition ist akuter Handlungsbedarf.
Timothy Chandler wurde vom zugegebenermaßen bärenstarken Filip Kostic hergespielt, Makoto Hasebe war gegen Augsburg dort eine Fehlbesetzung (kurioserweise hielt er Kostic schon vor dem Kippen des Spiels besser in Schach als Chandler) und Aleksandr Ignovski kann da auch keine dauerhafte Startelflösung sein.
Sebastian Jung, jetzt. Jean Zimmer meinetwegen, wenn Jung wirklich zu teuer sein sollte. Es braucht jedenfalls Qualität und Tempo. Noch wenige Stunden ist Zeit. Die SGE ist gut beraten, diese zu nutzen.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Rettung durch die rote Karte

  1. Olli

    Du willst diese fußlahme Truppe mit EINEM Transfer wieder flott kriegen?
    Ich habe mir dieses Wunder von Stuttgart live angesehen. Chandler und Zambrano sind mehr als einmal stehen gelassen worden. Chandlers Auswechslung war auch durch die frühe gelbe Karte folgrerichtig. Alle Angriffsversuche, die nicht in Tore mündeten, endeten im Abseits. Als ob Luc, Aigner und Haris Vorsprung brauchen. Dazu haste dann noch Russ, Reinharzt und irgendwann Meier. Das wird auch keine 4 x 100 Meter Staffel ergeben. Stendera auf links – sehr interessant, wenn auch nicht sehr überzeugend. Aber wenn die Messlatte Inui ist …
    Aber zusammenfassend: Mit der Mannschaft wirste wohl leben müssen. Ein schneller hin oder her wirds da nicht ausmachen. Dann gehts halt nicht spielerisch sondern mit Wucht nach vorne. Werden sicherlich wieder einige Spiele mit 7+ Toren bei raus kommen.

    Stuttgart hatte 5 „das macht meine Rollator-Uroma“ Chancen. Eine ging rein. Das Highlight aus 2 Meter Entfenung 3 Meter übers Tor schießen. Frankfurt macht aus 3 Chancen 4 Tore. Immerhin die Chancenverwertung scheint zu stimmen.

    Aber nie wieder wird Frankfurt so unverdient 3 Punkte nach Hause nehmen, erst recht nicht mit 4 Buden.

    Herausragend waren aber die Fans im Block. Mit kurzen Pausen haben die 3 Stunden durchgefeiert. 45 Minuten vor dem Spiel, in der Halbzeitpause, noch deutlich nach Abpfiff …. und während der Gedenkminute für MV.

    • Mit 2 Transfers … Aber ja, ich denke, dass es einen bisweilen großen Unterschied macht wenn du 1,2 drin hast, die mal übers Tempo was machen können. Die Spieler können kicken, kombinieren, das war selbst gegen Suttgart ein paar wenige Male zu sehen. Aber keiner kommt am Mann per Antritt vorbei, im 1:1 ist jeder klar unterlegen.

      Danke für die Vor-Ort-Eindrücke.

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