Überroll-Fußball

Was war das da im Waldstadion? Fußball 2000? Bye-Bye-Bayern-Fußball? Jedenfalls war es eine Vorstellung, wie es sie in Frankfurt, für die Eintracht seit Jahren in der Bundesliga nicht mehr gegeben hat. Das war die brutalstmögliche Dominanz, die ein Fußballverein ausstrahlen kann, wenn er gegen ein Team derselben Ligazugehörigkeit antritt.

Eintracht Frankfurt hat den 1. FC Köln zerstört, spielerisch waren die Gastgeber den Gästen in allen Belangen überlegen. Im Aufbau wimmelte es von Kurzpässen, immer wieder garniert durch präzise lange Bälle, Flügelwechsel folgten auf Dribblings und vice versa. Auf den Seiten wurde durch prallen lassen kombiniert, das Team formte Dreieck um Dreieck bei den eigenen Angriffen. Das war offensiv – und das nicht wegen der Torausbeute – das Beste, was seit vielen Jahren in diesem Stadion gespielt wurde. Auch defensiv war das meist sehr gut, die rechte Abwehrseite war – wie zu erwarten – die anfälligere. Torhüter Lukas Hradecky hingegen strahlt eine Sicherheit, eine Ruhe aus, die bemerkenswert ist.

Dabei ist es gar nicht möglich zu ermitteln, welcher SGE-Spieler besonders herausgeragt hat beim Heimspiel gegen den FC Köln. Man könnte Alexander Meier, den Fußballgott nennen. Kaum auf dem Platz, nach einem halben Jahr Pause, und gleich ein Dreierpäckchen. Man könnte Luc Castaignos nennen, der zwei fast identische Tore schießt. Ebenso Marco Russ oder Makoto Hasebe, die Traumpässe auf den Holländer spielten. Haris Seferovic, dem selbst nicht zu viel gelang, der aber das 3:0 durch Meier atemberaubend vorbereitete. Aleksandr Ignovski, dem in der 3. Minute seine famoseste fusballtechnische Leistung, in Form einer super Flanke gelang, Bastian Oczipka, der gefühlt nicht einen Zweikampf verlor, dafür aber zig Bälle blockte. Und so kann man Spieler für Spieler durchgehen, man müsste nur zwischen der Kategorie „überragend“ und „stark“ unterscheiden. Einzig David Abraham, der einmal klasse und wichtig grätschte, aber beim 3:1 und kurz nach dem Seitenwechsel beim gehaltenen Risse-Schuss aus 10 Meter zu passiv agierte, kann man eher eine Zwei als eine Eins eintragen. Stefan Reinartz, Marc Stendera – auch sie spielten zwar nicht so auffällig (wobei gerade Reinartz Einsatz vor dem 5:1 ähnlich perfekt war wie gegen Stuttgart), aber fehlerlos.

Das Halbzeit-Verhältnis: 30 überragende, zehn starke und fünf minimal wackelige Minuten im ersten Abschnitt, woauf im zweiten Durchgang Spielkontrolle folgte: bis auf die Anfangsphase sah das absolut souverän aus. Die Strategie nach dem Überroll-Fußball in den ersten 45 Minuten auf Ballkontrolle zu setzen, war nicht nur die richtige, es dauerte auch 10 Minuten im zweiten Abschnitt bis das Team das umsetzte. Bis zur 55. Minute ließ es sich darauf ein, das Kölner Tempo mitzugehen, das wäre beinahe ins Auge gegangen (zwei Risse-Schüsse, Modeste-„Abseits“; übrigens die zweite strittige und wichtige Entscheidung pro SGE in der Partie) – doch dann schmiss die Eintracht den Bremsklotz rein und kaufte Köln total den Schneid ab. Das 5:1 durch Seferovic, es passt zu einem wunderbaren Fußballabend. Ebenso, wenn auch auf der Ärgerlich-Achse, das 5:2. Nicht nur, dass eine seltsame Zuordnung bedingt, dass Hasebe gegen einen deutlich größeren Innenverteidiger ins Kopfballduell muss, sondern schon zuvor: Marcel Risse, der einzige Unruheherd in weiß-rot, war wieder zum Abschluss gekommen.

Letztlich war es Kölner Kosmetik. Fakt ist, dass endlich die Tristesse des Schaafschen Gewerkels in Frankfurt vorbei ist – vielleicht hat er sich das Spiel, das Handwerk seines Vorgänger-Nachfolgers angesehen und erkannt, dass sogar ein Antiquariat wie die Raute auch heute noch strukturiert und erfolgreich gespielt werden kann. Chapeau Armin Veh, chapeu!

Der Fan bekommt jedenfalls eine Phantasie, dass in dieser Saison der Abstiegskampf ohne Frankfurter Präsenz zugehen wird. Und das nicht nur wegen dem Meier-Faktor.

PS: Wie gut ist der Mann erst, wenn er 67 Jahre alt wird?

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