Festlegungen

Euphorie, Erwartungshaltung, Europa: Die einst immer mal wieder erscheinende Dreifaltigkeit des Fandaseins bei Eintracht Frankfurt ist bekanntlich seit einigen Jahren so ziemlich vorüber. Jedoch bekommt man als SGE-Anhänger seit diesem Wochenende eine Ahnung davon, dass diese Mannschaft tatsächlich die Qualität hat, im Zweifel nicht nach unten, sondern nach oben schauen zu können.

Natürlich gibt es auch nach diesem fulminanten, dominaten 6:2 im Heimspiel gegen Köln Mahner. Nicht überbewerten und so. Das ist auch richtig, zu schnell wächst sich die Schar der Fantasten mit Träumereien. Dennoch hat es in den vergangenen Jahren, und hier reden wir von vielen, vielen Jahren, keine Eintracht-Phase in der ersten Bundesliga gegeben, wo man als Fan zuversichtlicher sein durfte was die Tabellenentwicklung des Herensvereins anbelangt. Der Auftritt gegen Köln war der beste, der stärkste, der dominanteste seit Mitte der 1990er. Das sah 45 Minuten lang aus wie die Eintracht, die einst unter Stepanovic oder Toppmöller – gespickt mit Individualisten, Stars – zeitweise die Bundesliga aufmischte. Die zweiten 45 Minuten waren hingegen ein Zeugnis der Reife, der Abgeklärtheit; auch das ist eine Qualität, die diese Mannschaft zu oft hat vermissen lassen. Man erinnere sich an Spiele gegen den VfB Stuttgart, gegen Mainz 05, Hertha BSC Berlin oder andere, die man nach bisweilen Zwei-Tore-Führung Führung nie und nimmer hätte verlieren dürfen.

Jetzt wird es nicht wenige geben, die sagen, dass es a) „nur Köln“ gewesen sei und b) die Leistung der Rheinländer gegen kein Team zu weniger als einer klaren Niederlage gelangt hätte. Einspruch, entgegne ich da! Natürlich ist das frühe 1:0 ein Türöffner für die Höhe des Ergebnisses, aber die Spielweise der SGE speziell in den ersten 30 Minuten lässt nur einen Schluss zu: Gegen diese Ballsicherheit, diesen Kombinationswillen, diese Agilität, diese Konzentration und letztlich Präzision kam der Gegner nicht an. Das war einfach zu gut von Frankfurt. Es wäre auch ohne das Tor in der 3. Minute nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ein Treffer fällt. Köln gewann keinen Zweikampf, nicht hinten, nicht vorne, Spieler wie Bastian Oczipka fingen jedes Zuspiel ab, weil er/sie – Stichwort Stellungsspiel – in den Passwegen stand(en).

Man kann nun auf defensive Fehler der Kölner verweisen, wie manche Experten das bereits getan haben. Doch so richtig sehe ich die nicht. Das 1:0 ist bestenfalls auf dem Flügel zu verteidigen, doch da setzt sich Ignjovski nach dem Doppelpass mit Hasebe schlicht willensstark durch, bringt die Flanke hyper präzise auf Meier, der aufgrund seiner Länge und Physis Vorteile hat. Erkenne ich nicht wirklich einen gravierenden Abwehrfehler. Beim 2:0 schaltet Russ, nachdem auch er ein Zuspiel stark abfing, schnell und spielt einen Traumpass in die Spitze, der exakt, auf den Zentimeter die richtige Länge hat so dass Castaignos den Ball nicht mehr annehmen muss, sondern direkt abziehen kann. Die Kölner waren zuvor in Ballbesitz, rückten folgerichtig vor und standen dann gegen einen schnellen Konter offen. Russ spielt den Ball gegen die Drehbewegung des Innenverteidigers, das ist einfach stark gespielt, kein Fehler der FC-Defensive. Unmittelbar vor dem 3:0 machen die Kölner auch vieles richtig, drängen Seferovic nach Außen. Dann geschieht vielleicht der einzig wirkliche Bock, dass sie ihn wieder nach innen drehen und (sonntags-)flanken lassen. Was Meier dann macht ist Akrobatik, auch nicht zu verteidigen. Der Pass von Hasebe zum 4:1 ist ähnlich wie das 2:0, schnell geschaltet, richtigen Ball gespielt. Dann war der Deckel auf der Partie.
Das 5:1, als Stefan Reinartz den Ball erarbeitet, ist natürlich ein Fehler von Matthias Lehmann. Das sechste Tor, die Flum-Flanke, ist von der Entstehung ähnlich dem 3:0.

Alles in allem, und darauf will ich hinaus, hat sich die SGE weder in einen Rausch gespielt, noch haben die Kölner Fehler um Fehler gemacht. Die Eintracht hatte einen Plan, Kurzpassspiel, Ballbesitz, Vorwärtsgang und setzte den zum ersten Mal seit gut und gerne zweieinhalb Jahren (konsequent, zielstrebig, qualitativ hochwertig, sicher) um. Das, liebe Leser, war Armin-Veh-Fußball in jener furiosen Hinrunde nach dem Wiederaufstieg. Und das ist seit jeher seine Idee von Fußball. Gefällt, nicht wahr?!

Mag sein, dass das so nur Zuhause funktioniert, maximal gegen Gegner auf Augenhöhe. Auswärts in Hamburg wird die Taktik, auch die Formation, eventuell auch das Personal am Samstag anders aussehen. Und doch hat das Team gegen Köln ein Glanz-, ein Hochlicht gesetzt.
Nach vier Spieltagen kann man sich das Geblubber von sportlichen Möglichkeiten in dieser Saison getrost sparen. Lediglich auf die (beruhigende) Behauptung, dass diese Mannschaft in einer auch nur ähnlichen Verfassung, bei einer ähnlichen ballsicheren Spielweise, nichts mit dem Abstiegskampf zutun haben wird, lege ich mich bereits fest.

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Festlegungen

  1. Jermaine Jones Junior

    Ich möchte einfach nur sagen, dass ich Alex Meier richtig, richtig gern habe. Ich muss schon aufpassen mich nicht in ihn zu verlieben.
    Ich könnte jetzt viel über ihn schreiben, aber nichts davon wäre neu, nichts dass man schon über ihn gesagt oder geschrieben hätte. Alex Meier ist der beste Bundesligaspieler unter all denjenigen, die nie für die Nationalmannschaft nominiert worden sind. Schon seltsam, dass seit Kloses Rücktritt Alex Meier nie für die vakante Position im Mittelsturm infrage kam.
    „Perspektive hat er bei uns keine mehr“ (Löw). Klose war aber in seinem letzten Auftritt in Brasilien schon Ende 30. Unnormal. Nach der Löw’schen Logik irendwie aber wieder normal. Aber Alex Meier ist ja auch kein normaler Fußballer.

    Nein, der Adler, den er trägt, ist der Richtige. Dazu bedarf es auch keinen „Herzklopfer“ oder eines Kusses des Vereinswappens. Alex Meier ist authentisch, bescheiden, sympathisch, gleichwohl selbstbewusst und arbeitsam.

    Im Rahmen des Benefizspiels am vergangenen Sonntag in Marburg, an denen unter anderem Okocha, Ralf Weber und Uwe Bein, die Stars meiner Eintracht in den Mitte 1990er Jahren spielten, da wurden Erinnerungen wach, als ich Eintracht Frankfurt als Teenie zum ersten Mal emotional wahrgenommen habe.
    Das war die Zeit als ich das letzte Mal Eintracht Frankfurt habe so geil Fußball spielen sehen. Der (Anstoß-)Kreis schloss sich mit der Präsenz Alex Meiers.

    Herrje, wie die Zeit vergeht! Ich habe die Spiele von damals immer noch präsent vor meinen Augen. Ich weiß, dass sich das Spiel gegen Köln wahrscheinlich nicht so häufig wiederholen wird, umso mehr genieße ich deswegen den Moment.

    Ich bin einfach nur stolz Eintracht Frankfurt Fan zu sein. Solche Emotionen empfindest du wahrscheinlich bei keinem anderen Verein so sehr.

  2. Olli

    Die Fehler der Kölner waren nicht in der Defensive. Die sind in 4 gnadenlos hochpräzise ausgespielte Konter reingelaufen – mit einer 100%igen Torquote für uns. Aber die Ballverluste die dazu geführt haben, die waren zum Großteil einfach nur dumm, unfähig und fahrlässig. Stellungsspiel hin oder her. Das Zweikampfverhalten war auch nicht immer so vorhanden wie bei uns. Alleine das Russ beim Stand von 4:1 an der gegnerischen Eckfahne per Grätsche den Konter unterbindet – weltklasse.

    Aber wenn ich richtig gezählt habe, dann müssten die Kölner bei fähigen Linienrichtern zusätzlich 3 mal alleine auf Hradecky zulaufen.

    Klar, das war die beste Leistung seit 16 Jahren. Das 5:1 gegen Lautern oder das 6:0 gegen Scheiße 06. Auf dem Niveau sehe ich das Spiel, zumindest die erste Halbzeit. Aber das war definitiv ein dankbarer Gegner. Da ist sehr viel zusammen gelaufen. Aber selber musste erst mal so geil spielen. Mit der Leistung wie gegen Augsburg wirste vermutlich so gerade siegen, evtl. auch auf die Fresse kriegen.

    Es fehlt noch etwas Konstanz in der Mannschaft. Alleine Meier wird das wohl nicht bewirkt haben. Aber wenn diese Mannschaft halbwegs die Möglichkeit hat sich verletzungsfrei einzuspielen, dann wird das eine ganz entspannte Saison werden. Oder vielleicht auch nicht. Vor 2.5 Jahren war es auch sehr spannend am Ende bzgl. Platz 6 😉

  3. Es sollte „freuen“ statt „e“ heißen.

  4. Ich bin erstaunt wie Du nach einem guten Spiel Deine Meinung so änderst. Es würde mich e, wenn Du Recht hast aber ich warte noch mal ein paar Spiele ab.

    • Der Grund ist einfach der, dass die Spielweise passt. So, mit diesem Kurzpass-Fokus gepaart mit dieser oder ähnlicher Ballsicherheit, wird alles gut. Probleme bekommt das Team,wenn es – wie etwa gegen Augsburg und auch Stuttgart – lange Bälle spielt, wenige Kurzpässe spielt bzw. an den Mann bringt. Jetzt ist das Zutrauen offenbar da, das ist entscheidend. Und wohin die Reise gehen KANN, wenn Veh-Fußball gespielt wird, haben wir vor drei Jahren gesehen. JEdenfalls wird Veh-Fußball mit dieser Mannschaft bedeuten, keine Abstiegsängste zu bekommen. Das war etwa, dem Endergebnis Monate später zum Trotz, im Herbst 2014 anders. Plus: Aktuell spielen selbst jene, die oft oder lange eher unterdurchschnittlich spielten, stark (Oczipka ist zurzeit famos drauf, Ignovski entwickelt sich zu einer Stütze, die Innenverteidigung ist stabiler und links merkt man dank der Mittelfeldrotation die Notlösung nicht so stark an, wie man fürchten konnte. STand jetzt zumindest).

      Was übrigens nicht heißt, dass es etwa kommendes Wochenende nicht wieder anders ausgehen könnte. Doch das große Ganze scheint (!) zu passen. Und das ist mehr als etwa letzte Saison.

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