Der richtige Grundsatz

Ginge es Fußball-Funktionären um den Sport, um das Wesen des Ballhinundhergetretes, wäre eine Zahl Grund genug die aktuelle Wettbewerbssituation über den Haufen zu werfen. Die Zahl lautet 20 000 und bezeichnet die Stadion-Zuschauersumme des Spiels VfL Wolfsburg gegen ZSKA Moskau. In der Champions League. Mehr Menschen dürften sich die Partie auch im Fernsehen nicht angeschaut haben. Zum Vergleich: Das Bundesigaspiel Wolfsburg vs. Ingolstadt sahen laut Sky übrigens weniger als 5000 TV-Zuschauer. Bundesweit. Österreich und die Schweiz eingeschlossen.

Welch Kontrastprogramm liefert(e) da Eintracht Frankfurt im gerne belächelten Uefa-Cup! Das so viel zitierte Bordeaux, schon die Qualfikation im fernen Aserbaidschan und dann im Waldstadion, die generell überbordenden Emotionen mit dem Gipfel des Ausscheidens gegen Porto: Wieso fließen diese qualitativen Indikatoren in keine (TV-Gelder-)Berechnung mit ein? Die Bilder, die im Gedächtnis bleiben – nicht nur jedes Fans, sondern auch der neutraleren Zuschauer da draußen – liefert doch kein Plastikkonstrukt wie Wolfsburg, Hoppenheim, Ingoldstadt. Tut ja nicht mal Leverkusen! 20 000 SGE-Fans in orange gekleidet, durch eine französische Stadt ziehend. Ähnlich viele Mönchengladbacher, die in Rom ein oft trostlos leeres Stadion füllen. Und so weiter und so fort. Reward? Zero. Stattdessen: „Jo jo, ihr durftet ma mitmache bei de Verlierer, viel Spaß noch“.

Als ob es nicht im ureigensten Interesse von Verbänden und Fernsehsendern, von Marekting- und Werbeexperten wäre, genau jene Reichweite zu erzielen, die ihnen nur wirkliche Herzensvereine liefern. Im Prinzip müsste jeder, der in der betreffenden Medialmaschinerie involviert ist, auf eine Vermarktung der zugkräftigen Klubs pochen. Klar, geschieht in Bezug auf Madrid, Barcelona, Manchester ja auch. Doch wäre das ausreichend, könnte man die Champions League ja getrost auf das Format stutzen, das es mal hatte: 24, gar 16 teilnehmende Mannschaften – nur die Landesmeister, keine Vize oder gar 3./4.-Platzierte.
Aber nein, lieber mit Wolfsburg gegen ZSKA noch die paar Erdnüsse verdienen, die hochgegriffen 5000 Fernsehzuschauer halt noch so einbringen. Dass bei jeder Eintracht-Saisoneröffnung mehr Gäste am Start sind, ei ja, Schulterzucken.

Apropos SGE. Am Samstag steht in Hamburg das Spiel an, nach dem man wird sagen können, wohin es die Frankfurter zieht. Eine Bestätigung der Leistung aus dem Kölnspiel, gar die Erfüllung des Attributs Siegesserie, und die Eintracht könnte tatsächlich von dieser wohlbekannten Dynamik des Erfolgs profitieren, mittelfristig im ersten Tabellendrittel bleiben. Eine Niederlage, und die Mannschaft dürfte eines von vielen Pendel-Teams werden/bleiben, das wöchentlich irgendwo zwischen Rang 8 und 13 hin- und herrutscht.
Aktuell liegt die Eintracht exakt auf dem Kurs, den man sich auch punktemäßig gegeben hat: 50 % plus. Von 102 in einer Saison möglichen Zählern muss ein Team, das nach Europa schielt, 50 erreichen. Vielleicht reichen mal 49, vielleicht braucht es mal 51. Fakt ist, dass man für sportlich relevante Flugreisen die Hälfte der in einer Saison zu vergebenen Punkte sammeln muss. Von zwölf möglichen hat die Eintracht sieben. Erinnert man sich an die Spielverläufe, ist das übrigens so ziemlich das Optimum des realistisch Möglichen.
Gegen den HSV geht die Eintracht nun erstmals in der Spielzeit als Favorit in die Partie. Zum Glück auswärts. Gegen Augsburg, wo viele die Konstellation ähnlich sahen, duselte man sich zuhause ja „nur“ zu einem Unentschieden.

Wie wird Trainer Armin Veh die Partie angehen? Der Überroll-Fußball des vergangenen Wochenendes ist das Stilmittel, das a) Vehs fußballerischer Vorstellung entspricht und b) den Stärken des Teams entspricht. Es gibt keinen Grund an diesem grundsätzlichen Konzept etwas zu verändern. Funktionieren wird die Spielweise nicht immer. Aber das ist trotzdem kein Grund, sie nicht zu verfolgen. Siehe Punkt B: Das Team kann das so besser als eine andere Herangehensweise.
Ob das zwingend bedeutet, personell immer genau so aufzulaufen wie gegen Köln, sei dahingestellt. Die permanente Rauten-Rotation im Mittelfeld während des Spiels, das also mal Stendera, mal Reinartz, mal Hasebe auf den Halbpositionen spielten, fruchtete jedenfalls, machte das Offensivspiel des Teams schwer ausrechenbar. Ob der überraschend aus dem Team gerutschte, nun im besten Sinne angefressene (formschwächere) Stefan Aigner für solch ein Rauten-Rotationsprinzip taugt … schwer vorstellbar. Bei einer Rückkehr zum 4-2-3-1 wäre er sofort wieder im Team, bei einem Ausfall von Meier-Seferovic-Castaignos ebenfalls. Aber gemeinsam mit diesen dreien wird er wohl kaum auf dem Feld stehen. Das wäre auch schlicht zu offensiv, gerade weil der rechte Flügel aufgrund der nicht ideal besetzten Verteidigerposition ein Problem war, ist und bleiben wird.

Es gibt übrigens auch nur kaum einen Grund, Carlos Zambrano sofort wieder ins Team zu nehmen, Karbonpanzer hin oder her. Lieber soll er gesunden, seine Dienste werden bald noch sehr viel wichtiger, sobald die Mannschaft in Formfragen abrutscht.

Interessant wird zu sehen sein, ob das Team mit dieser oder einer ähnlichen Spielweise in der Lage sein wird, bei Bedarf in Hamburg auf ein Remis zu gehen. Ansätze von cleverer Verwaltung waren gegen Köln und auch in Stuttgart hinten raus zu sehen – aber eben mit einem Vorsprung von mehr als einem Treffer. Das wird, so viel ist sicher, allem Überroll-Fußball zum Trotz Seltenheitswert haben, nicht immer werden 4 von 5 Schüssen im gegnerischen Tor landen.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Der richtige Grundsatz

  1. Jermaine Jones Junior

    Ein Grundsatz in moralischer Hinsicht wäre es die BILD-Aktion zu verweigern – so wie es der FC St. Pauli tut.
    Aber da unser Herri ja mit dem BILD-Chef-Redakteur des Sportteils befreundet ist und die SGE dieses Schmuddelbaltt aus Marketing-Gründen braucht, kann man diesen Wunsch leider aufgeben.
    #refugeesarewelcome #bildnotwelcome

  2. EausO

    …die unglaublich hohe Zahl von 5000 (!) Zuschauern ist zudem eine Mischung von Audi und VW „Fans“…

    Das macht die Sache zusätzlich zum Treppenwitz – 1+1= 0,002!

    Da spielten sozusagen „wer-will-die-schon-sehen“ gegen „ihr-gehört-da-nicht-hin“

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