Widerwilliger Einschub

Eigentlich wollte ich nicht. Doch dann hat der Nordwestkurven-Rat sich in Bezug auf Eintracht Frankfurt, in Bezug auf die Flüchtlings“hilfs“aktion von DFB und Bild-Zeitung geäußert. Skeptisch, negativ, ablehnend – so, wie die meisten Fangruppen und einige wenige Vereine; darunter die üblichen Verdächtigen, die politisierteren Klubs á la St. Pauli und Union Berlin. Einen Erstligisten sucht man – oh Wunder – vergeblich unter den paar, die sich der Trikotaktion am Spieltag verweigern wollen.

Die Aktion des Springerverlags kann man meines Erachtens unter zwei Blickwinkeln betrachten. Die eine ist, dass sich deren Flaggschiff mit der bevorstehenden Trikotaktion hardcore-opportunistisch gibt. Die andere ist, dass den Recken um Kai Diekmann ein PR-Coup in doppelter Hinsicht gelungen ist. Denn Fakt ist: Die Bild-Zeitung ist, so umstritten sie auch sein mag, so ziemlich das letzte mediale Produkt in Deutschland, das breit wahrgenommen wird, das Debatten – so ruchbar sie in den Augen einiger auch sein mögen – anstößt. „Süddeutsche“, „Frankfurter Allgemeine“, „Welt“, „TAZ“ und die anderen (über-)regionalen Zeitungen, so qualitativ gut sie bisweilen sein mögen, schaffen das seit langem nicht oder kaum noch. Ein Verlust für und an Demokratie, an Debattenkultur ist das. Und das ist, von zig Millionen verkannt, ebenso beklagenswert wie gefährlich, was wir an der Verrohung gerade im Internet erkennt können.

Das „moralische“ Niveau der Bild ist, zumal im schnell-schnell-schnell und vor allem Gratis-Onlinezeitalter, flexibel. Doch bei aller Kritik darf man eines nicht vergessen: Die Aufgabe von Medien ist es nicht, Partei zu ergreifen. Für keine gute, für keine schlechte Sache. Medien müssen, wenn sie ihren Job richtig machen, stets opportunistisch wirken. Denn nur wer A UND B angreift, C nicht schützt und vor D nicht kuscht – kurz: wer „Wahrheiten“ (sofern es diese überhaupt abseits subjektiver Wahrnehmungen gibt) anspricht – ist Journalist, macht seinen Job richtig. Für Lob, für PR sind andere zuständig. Das Problem bei der Bild-Zeitung ist, dass ihre Berichterstattung zu oft und offensichtlich einen Kampagen-Charakter hat. Natürlich ist es ebenso richtig wie nötig, die Schattenseien zu benennen, und zwar von allem möglichen, vom Flüchtlingszuwachs, Betreuungsgeld, Außenpolitik, Internetkonsum … In Kommentaren, die als solche gekennzeichnet sind, ist auch die krudeste Einschätzung von Kollegen wie Julian Reichelt in Ordnung. Nicht in Ordnung ist es, wenn in Artikeln, in normalen Berichten, in der Wiedergabe von Ist-Zuständen Meinung gemacht, diese manufaktiert wird. Über Wortwahl. Über Zitatauswahl. Über Zurechtbiegen von Statistiken. Mit dem Schritt, den FC St. Pauli, einen der wohl tadellosesten Vereine in Bezug auf Toleranz, in die Hilfsverweigerer-Ecke zu drängen, hat Kai Dieckmann aber genau das getan bzw. zu tun versucht: Meinung manufaktieren.
Das, also das Schmieden von Meinung, ist, so hoffe ich zumindest, der Vorwurf, den viele Fans dem Blatt machen – wobei ich ehrlich gesagt glaube, dass die Ablehnung der Bild und damit verbunden der nun in Rede stehenden Aktion, eher reflexhaft erfolgt. Das neue Schick, sozusagen.

Unabhängig davon wie man zu all dem steht, finde ich das dünne Statement von Eintracht-Vorstandschef Heribert Bruchhagen zu dem Thema schwach. Es klingt genau so grau, wie der Klub sich in den vergangenen Jahren gab und gibt. „Wir haben nichts dagegen einzuwenden. Der Vorschlag ist gekommen und wir haben uns dem angeschlossen“, sagte er gegenüber dem Hessischen Rundfunk am Donnerstag. Im Wissen, dass die Frankfurter Fanszene traditionell bzw. seit der Etablierung der Ultras Mitte der 1990er eine eher linkspolitische ist (schon vorher: „United Colours of Bembeltown“), hätte man wenigstens einen Relativsatz erwarten können. Irgendetwas wie „Blablablabla, ABER …“. Elegant gelöst hat es ja mancher Aufmüpfige, der sich schlicht aus Solidarität zum FC St. Pauli der Aktion entzieht und den Initiator gar nicht so offen kritisiert, wie man es tun könnte, vielleicht – wie der SC Freiburg _ es auch getan hat: „Bild ist nicht Unicef“. Haben die übrigens weder von sich behauptet, noch ist es deren Aufgabe. Weshalb die Bild sich das ganze schon aus Neutralitätspflicht hätte sparen sollen, Stichwort Kampagne, und sei es in der Sache auch noch so gut.

Mit Sport hat das alles nichts zutun. Zyniker werden sagen, dass auch der Profifußball selbst mit Sport kaum noch etwas zutun hat. D´accord. Und doch will ich an dieser Stelle mit der Thematik aufhören.

Auswärtsspiel in Hamburg, mittelfristiger SGE-Kurs – das erregt mein Gemüt dann doch mehr. Ist den Blog-Lesern eigentlich aufgefallen, wer auch dieses Jahr alles wieder international mit-rumpelt? Apoel Nikosia, Girondins Bordeaux, Tel Aviv, selbst dieses Agdam und Porto sowieso. Nur für unsere SGE war die Europatour seinerzeit eine einmalige Sache. Ist doch echt mies, oder?!

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Widerwilliger Einschub

  1. Jermaine Jones Junior

    Unglaublich…Die „Wir helfen“-Aktion wird von einem Chef-Redaktuer iniitiert, der früher als Student bei einer schlagenden Burschenschaft aktiv war. Kurz gesagt: Ein Nazi. Nichts anderes. Und mit so jemanden will die SGE kooperieren? Enttäuschend.

  2. Ich sehe das pragmatisch. Alles was hilft macht Sinn. Wenn jemand mit Hilfe Geld verdient, dann soll es mir Recht sein. In der ganzen Debatte zeigt sich wieder, dass die Gegner von x jede Handlung von x kritisieren. Man kann x durch die BILD, Merkel, Gutmenschen, etc ersetzen. Am Ende zählen Resultate. Im Sinne des öffentlichen Friedens wäre es gut, wenn die Medien die Flüchtlinge weiter unterstützen. Es wird so schon schwer genug.

  3. Olli

    Ich bin auch massiv gegen diese Aktion der Bild. Nicht wegen der Aktion an sich. Heute stellen sie sich mit den Flüchtlingen solidarisch, weil es die Meinung im Volk ist. Morgen hetzen sie wieder gegen die kriminellen Ausländer, weil die Stimmung im Volk kippt. So wie es Merkel macht, immer die Nase in den Wind richten (nur ohne Hetze). Und das ganze maximalst polarisierend und meinungsbildend, evtl. sogar bewußt gewalttätige Tendenzen der Leser provozierend.
    KD sind die Flüchtlinge scheißegal. Es geht ihm um Auflage – auch mit den Flüchtlingen.

    Lass Fußball-Fans in ganz Deutschland bereit sein 5 Mio € zu spenden, wenn die Vereine der Herzen ohne das Logo am Wochenende auflaufen. Dann heißt es am Montag: Hass auf BILD hilft Flüchtlingen.

    BILD geht es um Auflage und Profit (warum auch nicht). Und wenn sie irgendwie einen Euro in die Aktion investieren, dann nur mit dem Hintergedanken zwei zu verdienen. Hätte ich nur das kleinste Bisschen das Gefühl, dass diese Aktion nur den geringsten Hauch an selbstloser Hilfe darstellt … egal, da muss ich gar nicht erst weiter schreiben.

    Viel schlimmer finde ich, dass alle Bundesligisten mitmachen. Für was? Damit man bei diesem Hass-Blatt gut dasteht? Weil es vielleicht 10.000€ mehr Einnahmen am Jahresende bedeutet (woraus auch immer generiert).

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