Ein Reifezeugnis

Wahrscheinlich ein Auswuchs an Berufskrankheit, aber ich lese nunmal gerne. Auch nach Spielen von Eintracht Frankfurt, nach dem Absetzen des eigenen Ad-hoc-Blog-Beitrags klicke ich mich durch alle möglichen Zeitungsartikel, Foren, Blogs.
Oft genug bemerkt man, dass die eigene Wahrnehmung nicht so furchtbar weit von den Einschätzungen anderer abweicht. Doch hin und wieder, gerade bei Unentschieden wie am Samstag in Hamburg, geht traditionell ein großer Riss durch die Kommentarlandschaft.

Auf meine Analyse verweise ich via Link. Dem gegenüber gibt es aber unter Fans eine stattliche Zahl, die den Auftritt der SGE als uninspiriert, mutlos, langweilig bezeichnen. Ein Remis in Hamburg, so der Tenor, sei zu wenig, zumal für ein Spitzenteam. Das Spiel selbst sei dahingeplätschert, die Wechsel kamen zu spät, Trainer Armin Veh hätte früher mehr wagen, auf Sieg gehen sollen.

Unbestritten: Man kann das so sehen. Speziell dann, wenn man im Kopf dreierlei Dinge tut: 1. Der Köln-Partie bzw. dem Dauer-Toreschießen als solchem nachhängen, 2. den HSV als Gegner aus den letzten drei Jahre wahrnehmen, 3. die eigene Mannschaft end-tabellarisch eher zwischen Rang 5 und 7 als zwischen 8 und 10 einzuordnen (angesichts der Dichte der Tabelle, der Nähe der Teams, ist die Tabelle sowieso ein wenig Roulette).
Die Idee, vor allem den schwachen Marc Stendera bereits Mitte statt Ende der zweiten Halbzeit auszuwechseln, habe ich in meiner Einschätzung auch geäußert. Kategorie kann, nicht muss.
Jedoch spricht weitaus mehr dafür, dass der Punkt – auswärts – und auch der Weg dorthin völlig in Ordnung waren. Der HSV war absolut ebenbürtig, aktiver, presste, stellte das Mittelfeld zu, so dass die SGE-Offensive so gut wie komplett abgemeldet war. Natürlich hätte man mit einem Wechsel eine Veränderung herbeiführen können, es zumindest versuchen. Doch wie genau hätte dieser aussehen sollen? Stendera raus, Johannes Flum rein – das wäre die einzige Option gewesen, wenn man das System beibehalten wollte. Veh wäre dann im Nachklang kritisiert worden, defensiv gewechselt zu haben, es hätte geheißen, man sei zu früh mit dem Punkt zufrieden gewesen. Stefan Aigner hätte man nur über eine Systemumstellung, oder eben – wie spät und wirkungslos getan – für Luc Castaignos bringen können. Von daher ist die Forderung nach früherem Wechseln nicht wirklich angebracht.
Dass Veh früh wechselt, wenn er Mängel erkennt, hat er in den vergangenen Wochen bewiesen. In der Halbzeitpause schon mehrfach, daran sei erinnert. Ganz offensichtlich verfolgte er, angesichts des Spielverlaufs, einen schlüssigen Plan.

Anfangs war mangels Ballbesitz kein eigenes Offensivspiel möglich, später arbeitete Hamburg gut gegen den Ball. Wenn eine Mannschaft nach 60, 70 Minuten so ziemlich ein Spiel, eine Spielweise gepflegt hat, aus dem Spielfluss heraus partout keine Abschlüsse kreieren konnte, ist es als Gastmannschaft angeraten, gegen einen ebenbürtigen Kontrahenten nicht plötzlich, nicht Hau-Ruck eine Wendung zu erzwingen (wenn nicht unbedingt nötig, etwa in einem KO-Spiel etc.).

Alles in allem gehe ich sogar so weit und sage, dass dieses 0:0 über den Punktgewinn hinaus positiv ist. Die Art und Weise wie man letztlich absicherte, ist ein Zeugnis von taktischer Reife, von Abgeklärtheit. Das lief alles sehr unaufgeregt, man war sich im und als Team sicher. Das, bei Bedarf einen Punkt mitnehmen zu wollen, ist beispielsweise ein Fortschritt zur vergangenen Saison. Hü oder hott? Top oder flop? Es gibt noch etwas dazwischen, und man muss erkennen, wann die Brechstange nicht lohnt. Denn eines sollte man nicht vergessen: Der HSV wird in dieser Saison tabellarisch nicht weit weg von der Eintracht landen, die SGE hat neben dem einen hinzugewonnen Zähler auch verhindert, dass Hamburg deren drei bekommt. Irgendwann gab es für die SGE in diesem Spiel einen Punkt zu verlieren, nicht mehr zwei weitere zu gewinnen. Das erkennt ein guter Trainer. Und so einen hat der Klub wieder.
Gegen Schalke wird aber auch die bessere, konzentriertere Leistung aus Halbzeit zwei nicht reichen, um ein neuerliches Remis zu erreichen. Da muss vor allem das Mittelfeld wieder Zugriff, muss den Ball haben.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ein Reifezeugnis

  1. Olli

    Lass den hamburger Lattenkracher reingehen und lass Meier besser ins Eck zielen. Dann machste aus nem 1:0 noch das 1:1 – durch den Fußballgott – und alle wäre deutlich glücklicher mit dem Punkt (hat Ähnlichkeiten zum Augsburg-Spiel).
    So war es ein dünnes Spiel, warst nie im Rückstand, hattest keine wirklich 100%igen Chancen. Du hast halt die ganze Zeit den Sonntagsschuss im Hinterkopf. Oder wie in Bremen, den Elfer in der 92. Minute.

    10 Tore in 2 Spielen, egal wie sie zusammen gekommen sind, prägen halt etwas und lassen Erwartungen aufkommen. Aber lieber dieses 0:0 mitnehmen als ein High-Light-Spiel wie gegen den VFB mit 4:5 verlieren.

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