Lauern an der Rampe

Die Bundesliga ist bekanntlich, wie die englische Premier League oder die spanische Primera Division, auf den tabellarischen Positionen der Finanz-Futtertröge vorhersehbar. Bayern München zwischen 1 und schlechtestenfalls 3, dazwischen und/oder auf 4,5,6 der VfL Investorenburg, Borussia Dortmund, Gazprom 04 und Leverpharma. Einer der genannten Klubs fällt pro Jahr mal etwas ab, aus den millionenschweren Rängen, aber im großen und ganzen ist das obere Tabellendrittel ziemlich naturgesetzlich vorbestimmt. Korrelation Etat=Erfolg, übersetzt: Geld erwirtschaftet Geld.
Die Positionen 6 und – neuerdings – 7 sowie 15 (als letzter Nicht-Abstiegsplatz) sind somit die einzigen Positionen, um die im Prinzip der gesamte Rest ringt und das im jeweiligen Klubselbstverständnis auch tut. Das letzte realistische Ziel einer (fast) gesamten Liga. Eintracht Frankfurt ist dementsprechend nur eines von 7, 8 Teams, die binnen zwei Spieltagen von der Wunschposition ins hintere Mittelfeld oder vice versa rücken können. Ein sportlicher Wimpernschlag, der über Millionensummen entscheidet. Ob Rang 8 oder 13 – zunehmend am Saisonende nur durch zwei, drei Punkte getrennt – macht einen enormen Unterschied was die Entwicklung für das jeweils kommende Jahr angeht.

Und so ist man als SGE-Fan ein Radikal-Opportunist. Auf den Spielplan bezogen heißt, das: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wenn also Schalke, das prognostisch in der Tabelle sowieso vor der Eintracht stehen wird, sich genauso unverdient zum Sieg in Stuttgart duselt wie der Herzensverein das vor drei Wochen selbst tat, freut sich der Frankfurter diebisch. Gewinnt hingegen einer in einem Duell, das unentschieden ausgehen soll (Augsburg vs. Hannover), nervt das. Immer auf den eigenen Vorteil bedacht – uns alle verbindender Eintracht-Egozentrismus (weshalb ich übrigens nie verstanden habe und es auch nie verstehen werde, wieso im Stadion die Massen vor Freude jolen, wenn irgendein Team gegen Bayern trifft/führt/punktet).

In den sogenannten englischen Wochen verlangt es einem Fan jedoch viel emotionale Arbeit ab, herauszufinden, welchem Kontrahenten er zeitweise die Daumen zu drücken hat. Immerhin kann sich das, je nach einträchtlichem Resultat, im Minutentakt ändern. Doch mit dem Alter setzt sich zunehmend die durchaus nervenschonende Erkenntnis durch, das der Blick auf die Tabelle, das Beäugen der Konkurrenz, zumindest bis tief in die Rückrunde hinein, unnütz ist. Primär geht es nämlich, so floskelhaft wie simpel, nur darum, dass Eintracht Frankfurt selbst permanent punktet. Wenn irgendwann im Laufe der Saison die 36-Zähler-Marke geknackt sein sollte, könnten neue, höhere Ziele angegangen werden. Wären es so um den 30. Spieltag herum 45 Punkte auf der Habenseite, könnte man – Spieler, Funktionäre und Fans – mit der Europa-Träumerei beginnen. Wären es zum gleichen Zeitpunkt aber irgendwas um die 30, 31, 32 Punkte, ist (mal wieder) nackter Überlebenskampf angesagt. In der Regel spürt, weiß man aber zumindest um die Abstiegsproblematik weitaus früher Bescheid, als um/über den möglichen Europapokaleinzug. Eben deshalb ist es sinnlos auf die Tabellenposition zu schauen.

Entscheidend für die Bewertung des Ist-Zustands ist lediglich die Mixtur aus der Ratio mögliche Punkte / erreichte Punkte und der Einordnung Spielplan / Form der Gegner. Legt man das zugrunde, steht Eintracht Frankfurt derzeit ziemlich exakt dort, wo sie stehen sollte. Um … Tja, um was? Antwort: Komfortabel nicht in Abstiegsnöte zu geraten. Bei vier von sechs möglichen Punkten nach dem Ende der laufenden englischen Woche, könnte das Team die sportlich realistischen Ziele nach oben korrigieren. Bewiese die Mannschaft von Armin Veh auf Schalke (das gegen Stuttgart noch größere Nöte hatte als die SGE und alles andere als furchteinflößend auftrat) eine Siegermentalität, könnte die Truppe dort gewinnen (mindestens einen Punkt erreichen) und am Wochenende gegen Berlin zuhause mit drei Punkten nachlegen, würde Frankfurt sich an der Rampe zu Europa festsetzen. Tabellarisch, aber eben auch im Selbstverständnis, Selbstbewusstsein, Auftreten. Dieser ganzen Kopfsache eben, die so oft schon so viele Kollektive zum ganz großen Coup geführt hat; zuletzt Augsburg, davor Mainz, die Eintracht und Hannover, die jeweils den letzten Uefa-Pokal-Platz errangen. Oft war der Grund das permanente, von Saisonbeginn an „Oben-Dabeisein“. Die Eintracht erfüllt dieses Attribut bislang, man ist direkt am obersten Tabellendrittel dran. Holst du bis Ende der Woche von bis dato 21 möglichen, 12 Zähler, bist und bleibst du erstmal bei der Musik dabei. Und in Anbetracht des ausgewogenen Spielplans, den bislang gespielten Gegnern sowie deren Form / Tabellenposition, sind vier Punkte für die bevorstehenden beiden Partien keine Utopie sondern realistisch bis zwingend, wenn Eintracht Frankfurt langfristig den Rückstand von Konkurrenten wie Mönchengladbach, Stuttgart oder Hoppenheim zum Vorteil nutzen will. Das ich Köln als Geheimfavorit auf einen der Uefa-Cup-Plätze einschätze, schrieb ich schon vor dem 2:6 gegen unsere schwarz-rote Liebe, und das ich Hamburg tabellarisch am Saisonende nicht weit weg von der SGE sehe, diese Erkenntnis reifte in mir am zurückliegenden Wochenende.

Der einzuschlagende Kurs bestimmt sich am Mittwoch ab 20 Uhr. Dass Schalke seine liebe Mühe hat, wenn der Gegner offensiv spielt, Druck macht, presst, hat Stuttgart bewiesen. Und Ralf Fährmann, dass wissen die leidgeplagten Eintracht-Fans zu gut, spielt eher selten die Krake. Das Ziel von Veh und Co. muss sein, zu deutlich mehr Abschlüssen zu kommen als in Hamburg. Das geht aber nur, wenn man auch den Ball hat und nicht, wie gegen den HSV, in den ersten fünf Minuten nicht einmal an die Kugel kam.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Lauern an der Rampe

  1. Jermaine Jones Junior

    Tja… Auswärtsspiele in Gelsenkirchen lagen uns nie. Warum bekam Huntelaar kein Rot?

  2. Olli

    Ich gebs ungern zu …. aber es gibt wohl ein größeres Saison-High-Light als Meiers 3 Tore Rückkkehr.

  3. Jermaine Jones Junior

    Das gehört zwar nicht hierhin, aber egal: Was höre ich da gerade? Jogi Löw stand 2001 mal zur Debatte als SGE-Trainer??? https://www.youtube.com/watch?v=FlyU6XkrL30 (0:33 Minute)
    Wie tief konnte meine geliebte Eintracht nur sinken…

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