Punktverlust durch Doppel-Luc

Der Grund für den doppelten Punktverlust von Eintracht Frankfurt gegen Hertha BSC Berlin ist recht schnell gefunden: Die Auswechslung von Stefan Aigner bzw. Einwechslung von Scheuklappen-Stürmer Luc Castaignos gepaart mit dem Rabenschwarz-Auftritt des ebenfalls eingewechselten Luca Waldschmidt. Eine Quasi-Doppel-Unterzahl konnte das Team nicht kompensieren, ab der 65. / 70. Minute lief bei der SGE kaum noch etwas zusammen. Je länger das Spiel dauerte, desto mehr bettelte die Heimmanschaft um das Gegentor. In der Schlussviertelstunde konnte man zudem erkennen, dass die Eintracht platt war. Dazu später mehr.

Die Defensive wurde von Hertha-Angriff zu Hertha-Angriff poröser, das Mittelfeld zerfiel so langsam in seine Bestandteile und Entlastung, Kurzpässe, Ballbesitz gab es spätestens ab der 80. Minute nicht mehr. Gegen einen Gegner, der nicht mal massiv drückte, der lediglich Ballbesitz verteidigte und auch bei Rückstand spät hinten nie aufmachte – weshalb SGE-Trainer Armin Vehs Idee, Castaignos für den Konterfall einzuwechseln, vollends daneben ging. Die Hertha verwickelte die Eintracht bis zuletzt in ein Spiel, das wie eine Unentschieden-Partie ablief, in welchem es darauf ankam, wer das entscheidende Tor mehr will. Die Berliner drückten, ohne richtig gefährlich zu sein, auf den Treffer. Folgerichtig geschah es dann auch. Und mit dem späten 1:1 kippte die Begegnung nochmal deutlich zugunsten der Gäste. Plötzlich war es die Eintracht, die hinten aufmachte – gewollt oder unfreiwillig. Läuft es richtig schlecht aus Sicht der Gastgeber, schießt Berlin kurz nach dem Ausgleich noch das 1:2, David Abraham verhinderte das.

All das gesagt, hatte Luc Castaignos sogar vorher die Entscheidung auf dem Fuß. Doch anstatt den Ball auch nur in Tornähe zu bringen, als BSC-Innenverteidiger und BSC-Torwart es ihm so leicht wie irgendmöglich machten, fabrizierte er den vielleicht kläglichsten Abschluss der jüngeren Eintrachtgeschichte. Vollspann 10 Meter über das Tor. Wohlgemerkt: Der Mann hat in dieser klassischen Heber- oder besser noch Innenseiten-Situation fast Vollspann abgezogen, Druck auf den Ball gegeben!

Wieder einmal zeigt sich, dass außer Alexander Meier kein Eintrachtspieler in der Lage ist, einen halbwegs schwierigen Ball ins Tor zu schießen. Alleine auf den Tormann zulaufen, wie Castaignos das etwa gegen den VfB Stuttgart erfolgreich tat, ist natürlich kein selbstverständliches Tor. Es ist jedoch physisch simpler als etwa das neuerliche 1:0 durch Meier. Sobald ein Zuspiel mal nicht 100, vielleicht nur 80%ig kommt, eine Abschlusssituation nicht so ganz ohne Weiteres zu haben ist, ein gewisser technischer Anspruch von Nöten ist, hapert es bei der Eintracht gewaltig. Dabei war das besagte Castaignos-Ding nicht mal eine Situation, bei der man zur Lösung Weltklasse benötigt.

Während die Offensive, und da wird der Ausfall von Haris Seferovic schon etwas zu beigetragen haben, ein solala ins Stammbuch geschrieben bekommt (ein paar gut herausgespielte Szenen gab es ja in der Tat, speziell in Halbzeit 1), war die Defensive gerade in der Zentrale gut, gestärkt von einem abermals unaufgeregten und sicheren Lukas Hradecky. Auch Bastian Oczipka lieferte eine gute Leistung, schaltete Kalou total aus. Aleksandar Ignovskis Schwächen hingegen werden gerade gegen Teams, in den die SGE selbst Fußball spielen muss, immer sichtbarer: die Ballbehandlung.

Das Problem beginnt im vor der Abwehr liegenden Mannschaftsteil. Im Mittelfeld passt vieles nicht. Da ist Stefan Reinartz noch der Fels in der Brandung, in der Rückwärtsbewegung ist das sicher, im Aufbau verteilt er die Bälle clever, gestaltet die Angriffe variabel. Makoto Hasebe hat da deutlich mehr Schwierigkeiten, ist von der Form der Vorsaison etwas entfernt. Er hat eine gewisse Fehlpassquote in sein Spiel eingebaut, die sich verfestigt. Nach vorne bleiben Impulse von ihm zu oft aus. Insgesamt ist das Stellungsspiel im defensiven Mittelfeld nicht (mehr) 100%ig.
Die Knackpunkte sind jedoch auf den Halbpositionen bzw. Außenbahnen. Gegen die Hertha rotierte da das Offensivtrio munter drauf laus: Aigner, Kadlec, Stendera wechselten eine Stunde lang beständig. Marc Stendera, der zwar eine gute, bissige Leistung zeigte, fehlt neben dem Tempo das Stellungsspiel auf dieser Position; egal ob links oder rechts, logischerweise. Stefan Aigner präsentierte sich gewohnt engagiert, auch spielerisch verbessert, brachte aber den Fuß auch nur zu zwei Dritteln in die Tür. Trotzdem war er ein lebendiges Element, ein Unruheherd so lange er mittun durfte. Vaclav Kadlec merkte man die fehlende Praxis an, er blieb blass, verdaddelte eine gute Torchance durch einen Annahmefehler. Als dann Luca Waldschmidt kam, lag der Flügel jedoch völlig blank, dem jungen Mann gelang überhaupt nichts, weder nach vorne, noch nach hinten. Seine in der Schlussphase herbeigeführte Auswechslung ist weniger eine Höchststrafe, als vielmehr das Eingeständnis des Trainers, einen Fehler begangen zu haben.
Ein Fehler übrigens, der vorhersehbar gewesen ist. Die Entscheidung, bei 1:0 und einem recht ausgeglichenen Spiel plötzlich mit 3 Stürmern aufzulaufen – Meier, Waldschmidt, Castaignos – und dazu noch einen Zehner auf Halbaußen spielen zu lassen (Stendera), ließ die Eintracht viel zu offen werden. Kadlec und Aigner raus, Waldschmidt und Castaignos rein: Das bedeutet offensiv, keinesfalls positions- gar ausrichtungsgetreu zu wechseln.

In der ersten Halbzeit, das vielleicht mal generell zum Spiel, sah das bei Frankfurt ganz gut aus. Nach 15, 20 Minuten hatten sie die Berliner, die bis dato schon zwei, drei Mal sehr gefährlich zu Chancen kamen, im Griff. Mit dem Seitenwechsel war von dem Zugriff aufs Spiel weitaus weniger geblieben. Man hatte, wie schon gegen Hamburg und Schalke, weitaus seltener den Ball. Nun stand man jedoch auch kollektiv tiefer. Mit allen Konsequenzen, die das auf das eigene Vorwärtsspiel mit sich bringt.
Ohne das jetzt schon georndet zu haben, noch die Frage, wieso wie Veh mit der Herausnahme von Castaignos bzw. Hereinnahme von Kadlec eine unnötige Positions-Baustelle aufgemacht hat. Seferovics Ausfall hättte das, so sehr Castaignos von dem Schweizer wohl auch profitiert, jedenfalls nicht zwingend zur Folge gehabt. Für den Überraschungseffekt allein, als Selbstzweck wird Veh das nicht getan haben.

Ein Wort noch zu der Müdigkeit, die in der Schlussviertelstunde sichtbar wurde: Konditionell scheinen 3 Spiele in 8 Tagen nicht möglich zu sein – jedenfalls dann nicht, wenn sie allesamt auf Augenhöhe geführt werden (müssen). Nur zwei von neun möglichen Punkten geholt zu haben, bedeutet jedenfalls, dass die SGE raus aus der 50-Punkte-Zielrichtungstendenz ist. Tabellarisch ist das sichtbar; aber entscheidend sind ja die Punktabstände. Drei Zähler bis Wolfsburg (4.) – aber auch nur fünf bis Augsburg (16.) und, wie vergangene Woche angekündigt, auf einem Level mit dem Hamburger SV. Tabellenroulette kündigt sich jetzt schon an. Problem: Abstiegskandidaten wie Darmstadt und Ingolstadt, auch Hertha BSC Berlin haben bereits mehr Punkte als die Eintracht. Mönchengladbach zieht sich erwartungsgemäß aus dem Anfangssumpf, Stuttgart wird mit dieser zwar absonderlichen, aber auf Tor-Erzwingung angelegten Spielweise auch irgendwann mal mehr als eine von 10 Hochkarätern versenken und beständiger punkten. Bleiben das in der Tat schwache Hannover, das aufgeplusterte Hoppenheim und das doppelbelastete Augsburg als mittelfristige Kellerkinder. Und natürlich Bremen, das aber immer nur ohne Zlatko Junuzovic einige Prozent schlechter ist.

Die Eintracht muss sich vorsehen. In Ingolstadt wird es weitaus schwerer als zuhause gegen Berlin. Und so eng wie die Tabelle ist und bleiben wird, bringt das Hamstern nichts. Ein Sieg muss her. Sowohl gegen Schalke, als man den die Mitnahme des einen Punkts (sinnigerweise) runterspielen wollte, als auch nun gegen Berlin, wo man das 1:0 runter-verwalten wollte, hat das Taktieren nicht funktioniert. Es braucht wieder etwas mehr Furor und weniger Reife, mehr Aktion, weniger Zurückhaltung. Mehr Machen-Wollen, mehr Lust – und weniger das jeweilige Gegenteil von diesen Attributen. Denn so reif das Team auch geworden ist, das hat nun Anflüge von Überreife, was zu einer gewissen Lässigkeit, mangelnder Laufbereitschaft führt. Ergebnis bekannt: Ein mageres 1:1 gegen Berlin, und wenn das Spiel noch fünf Minuten länger dauert, verliert Frankfurt das vielleicht sogar noch. Woher also kam diese Prise Arroganz, die man ab der 46. Minute gegen Berlin erkennen konnte? Wie kann sich so ein Team so etwas leisten? Ingolstadt wird Frankfurt endgültig erden, wenn es dumm läuft.
Unnötig das ganze, völlig unnötig.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Punktverlust durch Doppel-Luc

  1. Jermaine Jones Junior

    Naja soviel zum Thema AV gebe der Jugend keine Chance…
    Aber wenigstens ist AV bestrebt Struktur ins Spiel zu bringen und ggf. zu reagieren anders als sein Vorgänger TS.

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