Nackt vor November

Lax, lasch, langsam auf dem Feld, aber dafür tabellarisch zielstrebig und rasant gen Keller: Die Richtung in der Bundesliga hat Eintracht Frankfurt sich nun gewiesen. Gehörig. Eindrucksvoll. Was da in Ingolstadt geschehen ist, was dort mit dem Team gemacht wurde, das ist mit schaurig nicht annährend treffend beschrieben. Es war eine sportliche Lachnummer, ein leistungstechnischer Witz, ein Offenbarungseid. Wie schon gegen Augsburg, wie schon gegen Berlin, konnte man mit dem Gegenüber während 80, 90 Prozent der Spielzeit nicht konkurrieren – bei Leistungen der Gegner, die stets konzentriert und diszipliniert, nie aber übermäßig gut gewesen sind. Wie sehr zerpflückt wird dieses Abziehbild einer Mannschaft, wenn es mal gegen einen formstarken Opponenten geht (Mönchengladbach, ik hör dir trapsen)?

Ingoldstadt präsentierte sich erwartbar bissig, planbar kompakt – völlig ausreichend um Eintracht Frankfurt nicht den Hauch einer Offensivchance zu lassen und gleichsam die spielbestimmende Mannschaft zu sein. Beste Tor“chance“ der SGE? Ein Halbvolley aus 20 Metern von Alexander Meier nach Diagonalpass von Marc Stendera; dürfte so nach etwas mehr als einer Stunde gewesen sein.

Dieses Spiel, der willenstechnische Totaleinbruch in den vergangenen zwei Wochen, wird Konsequenzen haben, haben müssen. Trainer Armin Veh, der an der Misere nicht schuldlos sein kann, aber immerhin die richtigen Worte nach dem Spiel fand, wird personell klare Kante zeigen müssen. Das einzige, das (noch) funktioniert, ist die Innenverteididung, und zwar egal, in welcher Besetzung. Marco Russ, Carlos Zambrano, David Abraham, sie waren und sind derzeit die einzigen von Format, die einzigen Verlässlichen. Defensive Stabilität (wenigstens bis zum Gegentor) ist nicht das Problem von Eintracht Frankfurt.

Es ist vielmehr so, dass nun das grundsätzliche Manko dieses Teams, dieses Kaders voll durchschlägt: das des mangelnden Tempos. Nicht nur am gestrigen Einheits-Tag wurde die Einheitsgeschwindigkeit gepflegt, auch in den Vorwochen sah das schon so aus.

Die Probleme beginnen im defensiven Mittelfeld, bzw. in dessen personeller und personell-taktischer Zusammensetzung. Stefan Reinartz interpretiert die Position defensiv, Makoto Hasebe ebenfalls. Reinartz ist weder ein Schnellspieler, noch ein schneller Spieler. Dasselbe gilt für Hasebe. Und weil das so ist, stockt, lahmt alles bereits bei der ersten/zweiten Aufbaustation. Zu schnellen ersten Schritten, zum Vorbeigehen / Abschütteln eines Gegenspielers mit anschließendem Pass (was etwa Marc Stendera gegen Ingolstadt als einziger machte, konnte und womit er so etwas wie Zug ins Spiel brachte), sind beide nicht fähig. Der Takt gleicht einem Metronom: monoton, einfallslos. Die gerade bei Hasebe völlig verloren gegangene Passsicherheit ist da noch nicht mal als Faktor angesprochen.

Dass Not-Rechtsverteidiger Aleksandr Ignovski trotz seiner auch in Ingolstadt zutage tretenden Unbedarftheit mit dem Ball am Fuß noch einer der besseren, der tendenziell positiv auftretenden Frankfurter ist, sagt alles über den Zustand der Mannschaft aus.

Wie vom Blitz getroffen, ist die gute Anfangsform bei Linksverteidiger Bastian Oczipka völlig weg. Er spielt im Dauertrab, wie mit einem Schleier vor den Augen, abwesend. Stefan Aigner rennt die ganze Saison bereits ebenso wild auf dem Platz herum, wie er verzweifelt nach der Form sucht. Nicht mal seine kämpferischen Fähigkeiten kommen zum tragen, er bekommt keinen Fuß in die Tür.
Alexander Meier hängt in der Luft, bekommt und holt kaum Bälle, und ist doch noch als einziger so etwas wie ein Gefahrenherd. Luc Castaignos ist vom Spielertyp ein Theofanis Gekas 2.0. Er nimmt am Geschehen überhaupt nicht teil, geht bei jedem Spielzug den steilen Laufweg, scheuklappt sich gerne ins Abseits. Bälle prallen lassen? Sie schleppen, festmachen? Kombinieren? Nicht im Entferntesten.
Einzig Marc Stendera ist derzeit ein Mini-Lichtblick, wobei seine einstmals starken Standards nun auf dem eintracht-bekannten Unterirdischkeits-Niveau angelangt sind.
Und Haris Seferovic? Am fehlen des Irrwischs, des Kopf-durch-die-Wand-Kerls kann dieser Einbruch, dieser Mangel an jedwedem Offensivdrang, das Aus für jede Form des Kombinationsfußballs nicht liegen.
Was jedoch von vorne bis hinten fehlt, ist ein Arschloch-Charakter im Team. Carlos Zambrano, der meines Erachtens mit dem Weglassen der Theatralik und der Unbeherrschtheiten weiter an Qualität gewonnen hat, hält den Laden hinten mit seiner Aggressivität dicht. Aber davor gibt es keinen Mr.Unangenehm, keinen Unbedingt-Wollen-Fußballer. Da ist viel feine Klinge, aber eben nicht fein genug für chirugischen Fußball á la Bayern. Der Faktor Mensch, Kampfsau, Laufenlaufenlaufen ist das, was Seferovic dem Team hinzufügt. Und das, was Aigner aufgrund von Formproblemen nicht hinzufügen kann.

Zurück zu den konkreten Veränderungen, die anstehen.
Hasebe dürfte seinen Stammplatz verlieren, Johannes Flum – nach dessen Einwechslung, auch wenn es da noch 0:0 stand, das Aufbauspiel sich wenigstens von Note 6 auf 4- verbesserte – sollte für ihn ins Team rücken. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Timothy Chandler nach Verletzung wieder als Rechtsverteidiger gestellt und Ignovski als agiler Spielertyp neben Reinartz gezogen wird. Dann hätte man zwar etwas mehr Dynamik im Spiel; aber in der Zentrale wird man mit Ignovskis bestenfalls bescheidener Ballbehandlung ebenfalls kein gescheites Offensivspiel hinbekommen. So oder so, an dieser Stellschraube wird sicher gedreht.
Reicht das aus? Nein. Sollte Trainer Veh an der Raute, die die Außen gezwungermaßen verkrüppelt, festhalten, muss er im Mittelfeld komplett anders aufstellen. Stendera und Aigner sind keine Halbpositionsspieler, nur Flum wäre es.

Viel sinniger wäre eine Rückkehr zum 4-2-3-1 mit der Entscheidung, Luc Castaignos aus, Seferovic in die Startelf (Spitze) zu nehmen, die offensiven Außen mit Aigner und Mr.X zu besetzen (wozu hat man diesen Serbenweltmeister Gacinovic eigentlich verpflichtet?), Reinartz und Stendera auf der Doppel-Sechs ein klares offensiv/defensiv-Rollenverhältnis spielen zu lassen. Mr.X, auf links – da diese Seite ja sowieso ein Spielplatz zu sein scheint – könnte man ja wieder diesen Luca Waldschmidt oder Joel Gerezghier (auch schnell weg, was?) bringen. Oder, ganz vewergen, Constant Djakpa ins Team nehmen; Oczipka dann eins vorziehen? Vacvlac Kadlec hinstellen? Für was man sich da auch konkret entscheidet, so müsste man nur einen Hemmschuh (links) mitschleifen, nicht zwei, drei so grundsätzliche.

Die Entscheidungen, bei Bekanntsein der größten Baustellen, keinen Rechtsverteidiger zu verpflichten und einen Linksaußen ebenfalls nicht zu kaufen (stattdessen sogar den einzigen ersatzlos abzugeben), hat nun nicht mehr und nicht weniger als logische, spielverlaufstechnische und zunehmend ergebnis-faktische Konsequenzen. Prima Job, Herr Bruno Hübner! Wie einst der sprichwörtliche Kaiser, steht Frankfurt nackt vor seinen Zuschauern. Und wie in eben jener Fabel, sieht auch das jedes Kind.

Um abschließend nochmal grundsätzlich zu werden: Vermulich hängt alles mit dem Alter zusammen. Oder mit dem Hirnschmalz. Aber irgendwann kommt offenbar der Punkt, wo sich auch der glühenste Anhänger von Eintracht Frankfurt nicht mehr verarschen lässt. Vielleicht geht das nur so bis Mitte, Ende 20, dass man einzelne Spieler, das Kollektiv, die Strukturen schönredet, dem Geblubber der Funktionäre Wert beimisst, dass man an Besserung glaubt.
Das Spiel der SGE in Ingoldstadt ist der unzähligste Tiefpunkt im Tal der Tiefpunkte, durch das Frankfurt seit, was, 20, 25 Jahren stolpert? Es ist ja nicht so, dass das jetzt nur eine dieser Phasen wäre, die es im Dasein eines Mittelfeldklubs immer mal gibt. Es ist Naturgesetz, dass jeder zarteste Keim der Pflanze „nach oben schielen“ totgetreten wird. Da passt ein Saisonstart mal ganz gut, viel potentielle Konkurrenz um die einstelligen Tabellenplätze verpatzt eben diesen, der Spielplan meint es gut mit einem, eine positive Grundstimmung, Selbstvertrauen scheint vorhanden – und wie mit Thors Hammer wird all das binnen kürzester Zeit zertrümmert.

„Das war mit Abstand das schlechteste Spiel, bei dem ich seit langem mitgemacht habe. Und ich habe schon oft verloren und schlechte Spiele gehabt. Das war Wahnsinn, was wir gespielt haben. Eine Frechheit“, sagte Marco Russ gestern. Entscheidend ist der zweite Satz: Er habe schon oft verloren. Das teilt er mit den Eintracht-Fans, die immer nur zu verlieren scheinen. Nur ihre Nerven, ihre Geduld nie. Das ist schade. Es wäre lange überfällig, den Dauer-Singsang einzustellen, ebenso das ritualisierte Ins-Stadion-Gehen, das Auswärtsfahren, das Geldhintragen.

Wenn man sieht, wie eine individuell durchaus gute Mannschaft mit einer Einstellung in die Spiele geht, als ob es um ein lästiges, verregnetes Promotion-Spiel in der nordosthessischen Provinz geht, dann muss man sich fragen, ob das wirklich die Freizeitbeschäftigung ist, die einen als Fan noch emotionalisiert wie früher, und der man jede Wochenendgetaltung unterordnet. Je mehr die Erinnerung an die alten, die wenigen Hochs verblasst und man wenig Ansätze, wenig Hoffnung sieht, dies wenigstens ab und an wieder zu erleben, umso mehr entfremdet man sich von dem ganzen. Geht euch das nicht so? Schwarz-weiß-rot bis in den Tod? Wann passiert das mit dem Tod? Ist Gleichgültigkeit nicht quasi ein Synonym?
Für Fußballinteressierte ist die SGE uninteressant, auch weil fußballerisch das einfach nicht mal Magerkoste ist. Für Sympathisanten ist sie viel zu langweilig und die Fans fangen an, die Leidenschaft zu verlieren.

Ich möchte daran erinnern, dass man nach dem noch gar nicht lange vergangenen längsten Absieg der Welt einen – angesichts des Budgets logischen wie zwingenden – Wiederaufstieg samt Europoapokal-Qualifikationen und Europapokalspielen etwas Vielversprechendes geschaffen hatte. Euphorie, Stimmung, Aufbruchsgefühle. Da war etwas Positives entstanden, eine Vision, ein Weg zeigte sich ganz ganz hinten am Horizont. Ohne große Pyro-Probleme, mit einem Zusammengehörigkeitsgefühl.
Das war ab 2011. Dann kam der erste Knacks, der Veh-Abschied. Der zweite, die Schaaf’sche Tristesse. Nun entpuptt sich die aufgewärmte Veh-Mahlzeit als dritte Delle.

Kollege Jan-Christian Müller wird schon gewusst haben, wieso er diesem Frankfurter Banker vor wenigen Tagen die Frage stellte, ob Eintracht Frankfurt vermarktungstechnisch nicht eine „begrenzte Strahlkraft“ besitzt. In Ingolstadt hat man diese Strahlkraft gesehen. Die reichte nicht mal bis zur Stadtgrenze. Und das, obwohl der traditionelle schroffe November noch gar nicht begonnen hat. Spitze.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Nackt vor November

  1. Jermaine Jones Junior

    Gehört nicht hierhin, aber einen Kommentar zum neuesten Gerücht muss ich loswerden: Wie geil wäre es, wenn Volkswagen sich aus dem Sponsoring beim VfL Wolfsburg zurückziehen würde. Das wäre der sichere Abstieg in die 2. Liga.

    • Der Norddeutsche

      Der VfL ist zu 100% VW Tochter. Ich denke nicht das der Konzern die komplette Unterstützung einstellen wird. Sie werden aber sicher kleinere
      „Brötchen“ backen müssen!!
      Was mich viel mehr beschäftigt ist die Frage : Ist die Rückholaktion von
      Jung unter diesen Umständen realisierbar?
      Meine Theorie: Namenhafte Spieler müssen auf Grund des Sparkurses verkauft werden. Ergo, arbeitet man mit dem was noch übrig bleibt.
      Warum sonst bekommt er plötzlich mehr Einsatzzeiten bzw. spielt komplett durch??
      Ein Schelm wer was böses denkt!

  2. Jermaine Jones Junior

    Wenn es so weiter geht, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis „Bauchmensch“ AV seinen Rücktritt bekannt gibt. Und wenn das ja passiert, dann hätte es große strukturelle Folgen für die Besetzung des Sportvorstandes. Mein Geheimtipp bleibt Horst Heldt.

  3. Michi

    Leider sprichst du mir zum größten Teil aus der Seele, auf den Punkt, es macht langsam einfach keinen Spaß mehr. Die können noch so bescheiden spielen, es wird sich wohl leider nie was grundlegendes ändern 😐

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