Der immerselbe Strudel

Aufarbeitung. Selbstkritik. Besserungsgelöbnis. Der übliche Dreisatz, wenn Eintracht Frankfurt mal wieder in einer Misere steckt, wenn wieder mal verloren wurde, wenn es wieder einmal mehr um den Klassenerhalt als um minimal ambitioniertere Ziele geht. Derselbe bleiern-graue Trott over and over again. Dabei ist nicht mal November, der traditionelle Absturz-Monat der SGE.
Klar, es ist völlig richtig, dass die Mannschaft mehr Punkte Vorsprung vor einem Abstiegsplatz hat, als Rückstand auf die (Rampe zu den) internationalen Ränge(n). Kann man sich mit trösten. Im Gros der jungen Saison hat die Mannschaft immerhin Steherqualitäten gezeigt, da wirkte vieles reifer, überlegter, strukturierter als in den ein, zwei Jahren zuvor. Kicken können die jedenfalls, das blitzt selbst in den miesesten Partien hin und wieder auf. Auch individuelle Klasse ist vorhanden, seien es Hradecky, Zambrano, Reinartz oder Meier; alleine damit ist in jedem Mannschaftsteil eine Qualität vorhanden, die – bei aller Aufopferung – Ingolstadt, Darmstadt und Augsburg nicht haben. Dass die etwas anderes haben, viel davon, dazu später mehr.

Doch entspricht die Tabellenposition den zuletzt gezeigten Leistungen? Nein. Das Team ist schlechter und schlechter geworden. Gegen Berlin mag man den Spielern noch eine passable erst Halbzeit attestieren – wobei selbst da die Hertha in der Anfangsviertelstunde schon ein, zwei Tore hätte machen müssen. Spätestens ab Wiederanpfiff lässt sich die Marke des Eintracht-Absturzes setzen. Das kann, das wird weder am Fehlen von Haris Seferovic, noch an Raute, 4-2-3-1 oder sonstwas liegen. Es ist das Zusammenspiel von Lustlosigkeit und Fehlbesetzungen zweiter Positionen, auf denen sich die betreffenden Spieler (Stendera/Ignovski) zwar redlich mühen, ihre Sache sogar ganz gut machen, aber sie eben diese paar Prozent weniger leistungsfähig sind, als dass es zu Topleistungen, Topergebnissen, Erfolg in der Bundesliga reichen könnte. Spezialisten – das ist das Stichwort. Spezialisten, die man vor der Saison nicht einkaufen wollte.
Der Grund, wieso neidvoll nach Darmstadt oder Ingolstadt blickt, gar nach Köln – das ich schon vor Wochen als mögliches Europapokal-Team 2015/2016 ausgemacht habe – ist leicht gefunden: Diese Mannschaften verfügen nicht über große individuelle Qualität, sie kommen über das Kollektiv, über unbändigen Willen, über die Identifikation mit ihren Mitspielern und vor allem dem Saisonziel, das Nicht-Verlierenwollen. Eintracht Frankfurt besitzt von den angesprochenen Attributen sehr wenig, bestenfalls sporadische Anflüge davon.

Dass dann das kollektive Hoffen auf eine Genesung von Haris Seferovic einsetzt, der Schweizer zum Schlüsselspieler auserkoren wird, muss einem fast Angst machen. Natürlich ist er ein Rackerer, ein Schlepper, jemand, dem man die Arbeit auf dem Platz ansieht. Sympathisch. Und trotzdem fragt man sich, wieso das Rackern, dieses Willenzeigen, so außergewöhnlich betont wird. Offenbar, weil es nicht selbstverständlich ist. Die Basics zu beherrschen, ist für Profisportlicher nicht selbstverständlich, das sollte man sich als Fan merken. Zerstört Illusionen, ist aber heilsam. Seferovic bleibt, bei all seinem Wert, trotzdem ein wilder Schrotflinten-Stürmer. Über die Stärken, sollte man Schwächen nicht vergessen.
Der eigentliche Hoffnungsträger sollte übrigens Johannes Flum (für den formschwachen Makoto Hasebe) heißen.

Sportdirektor Bruno Hübner hat indes mal wieder eine seiner vielen „An dem waren wir auch dran“-Geschichtchen erzählt. Diesmal Kingsley Coeman – der nicht zur Eintracht kam. Bei Robert Lewandowski soll das ja einstmals genauso gewesen sein. Hatte man auf dem Schirm, kontaktiert, namhaftere, potentere Konkurrenz und so. Und dann gab es ja noch diesen mittlerweile sportinvaliden Patrick Helmes, mit dem man sich einig war, sich gegenseitig versprach, und der so unbegingt nach Frankfurt wechselte, dass er später nach Köln wechselte.
So ein wenig ist es auch dieses ganze Getue, diese ewige Masche von „Schaut her, wir beherrschen unseren Job, wir kennen die Guten auch, aber weil wir Kirchenmäuse sind (grau), kommen die nicht zu uns“, die einen Teil des unbefriedigenden „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Films ausmachen, der Saison für Saison bei Eintracht Frankfurt abgespielt wird. Wenig Geld, wenig Investitionsfreude, wenig sportlicher Erfolg. Die SGE-Triangel.
Mal am Rande: Vor kurzem feierte man sich bei der Eintracht für ein Ziel namens 100-Millionen-Euro-Umsatz. Dieselbe Summe hat jetzt Mainz 05 als finanzielle Saisonmaßgabe ausgegeben. Bedarf es noch irgendwelcher weiteren Anstöße um zu erkennen, auf welchem Niveau sich Frankfurt bewegt, wer die Konkurrenz des Klubs (geworden) ist? Man ist sportlich-strukturell vom Riesen der Rhein-Main-Region zum Lehrling geschrumpft. Zum Azubi dafür, wie man strukturell und sporltich erfolgreich arbeitet. Als Fan fragt man sich, wo, in welchem Bereich Eintracht Frankfurt eigentlich Vorteile gegenüber Mainz 05 besitzt? Stadion, Skyline, Flughafen? Mag bei dem einen oder anderen Spieler als Argumenten-Dreigestirn ausreichen, aber letztlich wird das tabellerarische Abschneiden mehr Zugkraft besitzen. Und wenn Mainz – das gut 10 Millionen Euro weniger in den Spieleretat investiert als Frankfurt – dann, wieder mal, vor der Eintracht landet, oder unweit davon, ist die Rolle des Underperfomers doch wohl bitte klar.

Was neben diesen allen immer wiederkehrenden Dingen ebenfalls erneut geschehen wird, ist die spielerische Verbesserung im in weiter Ferne anstehenden Heimspiel gegen das erstarkte Borussia Mönchengladbach. Da wird man sich einen Punkt erkratzen, vielleicht sogar erspielen. Die Motivation reicht immer soweit, dass das schlimmste noch verhindert wird. Nicht aber dafür, das Maximum zu erreichen.
Will ich Meister werden oder will ich es nicht? Gehe ich mit letzerer Einstellung quasi als Selbstverständnis in die Saison, in die Spiele, wird sich das bemerkbar machen. Wir reden hier von Gewinnenwollen, jedenfalls von einem Nicht-Verlierenkönnen. Ob dieses Team diese Mentalität besitzt, ob in den vergangenen Jahren jemals ein Eintracht-Team diesen Geist besaß – wenn man nicht gerade auf einer gewissen Euphoriewelle schwimmt -, darf zumindest hinterfragt werden.

Wird gegen Mönchengladbach nichts geholt, in Hannover nicht gewonnen (wurde da schon jemans ein Frankfurt-Sieg geholt?) – dann steckt die SGE mittendrin im Abstiegsstrudel. Und dann helfen keine wortgewaltigen Einsichten, Selbstkritik und Besserungsgelübte. Dann wirds ruppig, rau und radikal. Der immerselbe Strudel eben.
Der ewige Blick auf die noch schlechtere Konkurrenz, deren Ergebnisse, deren Entwicklung, nervt jedenfalls nur noch. Die einzige Hoffnung, von der man zehren kann, so scheint es, ist die, dass sich Jahr für Jahr drei Truppen finden, die noch trümmeriger daherkicken.

Aber noch ist ja Zeit. Auch das beruhigt viele so lange, bis der 30. Spieltag vor der Tür steht. Hoffen. Was anderes können wir, die unser Geld und unsere Zeit gen Frankfurt tragen, ja sowieso nicht. Unsere Leidenschaft werden wir eh nicht los, obgleich man das Treiben doch unehmend – Vorsicht, Wortspiel – leidenschaftslos hinnimmt.

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