Maßstab für Misserfolg

Nein, ich werde zu dem DFB-Pokalspiel in Aue nichts schreiben. Die meisten werden die senfgelbe Mittel- und Lustlosigkeit, die klare Überlegenheit und den über und über verdienten Sieg der Erzgebirgler gesehen haben. Es gibt, und darauf möchte ich zu sprechen kommen, eine Meta-Ebene, die mit einem einzigen Wort beschrieben werden kann, und der es dem kompletten Klub Eintracht Frankfurt – das geht an der Funktionärsspitze los und reicht über Spieler bis zum Zeugwart – fehlt. Das Wort heißt Hunger und es ist das, was andere Klubs, andere Mannschaften haben. Im Idealfall immer. Individuelle Klasse, Quadrillionen Euro sind nicht die Gründe für den (Dauer)Erfolg von Bayern München, dem Ex-Mittelklassverein Borussia Dortmund, dem Wiedererstarken von Borussia Mönchengladbach. Es ist der Hunger, die Gier nach Siegen, nach Erfolgen. Dasselbe gilt für so viele Mannschaften, die sich nicht im Underperformen suhlen. Seit Jahren, Jahrzehnten suhlen.

Die Saat, die eine auch noch so minimale Erwartungshaltung an die SGE verteufelt hat, ist aufgegangen. In den Dreck werfen, dankbar sein für das Mitmachendürfen in Bundesliga 1. Das ist das Maximale, das elfte Gebot. Eingetrichtert, eingeflößt wurde dem Umfeld diese gebückte Haltung. Eintracht Frankfurt hat sich selbst über Jahre die Messlatte für Misserfolg so hoch gehängt, dass man dort gar nicht spürt, gar keinen Sinn dafür zu haben scheint, wie mies man eigentlich tatsächlich ist. Dass sich die Minimalismus-Mentalität, der kriechende Gang auch über die Fan-Hirne hinaus ausbreiten wird, war klar. Es ist ein Mechanismus wie nach jenem schicksalhaften Tag im September 2001, als den Menschen des Westens der Moslem solange als Bedrohung, als Feind eingebläut wurde, bis das der neue status quo wurde. Der Aggregatzustand in Frankfurt hat kuschelig zu sein, eine Wohlfühloase ohne das deren Bewohner mehr erwarten als ein Glas Wasser, ein Kanten Brot und Luft zu atmen. Klosterähnliche Freudlosigkeit als Verordnung von oben, der tausende Anhänger jährlich mit tausenden Euro Investment hinterherrennen; in Form von Dauerkarten, Anfahrten, Auswährtsfahrten, Fanartikeln und vor allem Zeit, Konzentration, Energie.

Verliebte Narren sind wir; lassen jeder Lusche ihre Fehl-Handlungen anfeuernd durchgehen. Da darf auch mal ein Kader völlig verhundst, Baustellen nicht geschlossen, Millionen Euro in Fehleinkäufe investiert werden. Weiter gehts. Und dann wird eben als Nachfolger des antiquierten Trainers die Mikrowelle angeworfen und das alte Gericht aufgewärmt. Weiter gehts. Anfeuern, unterstützen, supporten (!), klatschen, dauer-singsangen, jubeln. Die nächste Dauerschleife, die man aus Gewohnheit nicht durchbrechen will. Was jetzt folgt? Klatsche von 0:4, 0:5 gegen Bayern München – nach respektabler Leistung gibt es warmen Applaus von den Rängen. Gegen das trainergewechselte Hoppenheim müht man sich bestenfalls zu einem Remis und in der Länderspielpause wird zum unzähligsten Mal die Besserung gelobt. Mal endet es mit drei noch mieseren Truppen, mal ist man eine der drei miesesten Truppen. Murmeltier. Saisonlich.

Ich für meinen Teil kann ruhigen Blutes und reinen Gewissens behaupten, dass ich – bei aller aufgewendter Kraft und Zeit – mit diesem Ensemble fertig bin. Natürlich schaue ich mir die Spiele weiterhin an, selbstverständlich hoffe ich auf die spärlichen Siege, vermutlich werde ich den Käse sogar weiterhin analysieren, kommentieren. Aber der Eifer ist über die vergangenen eineinhalb Jahre erloschen, erlischt immer mehr. Es ist ein emotionaler Abstand zu dem ganzen Treiben aufgekommen, den ich nie erwartet hätte. Ich bin dieses Eintracht Frankfurt leid, fühle mich ausgebrannt, müde.

Danke, Heribert Bruchhagen, Bruno Hübner, Thomas Schaaf, Armin Veh, ihr hochbezahlten Spieler von Eintracht Frankfurt, all die anderen Ambitions-Vernichter, für das Vergrätzen, das beständige Aushöhlen meiner Leidenschaft Fußball. Und das meine ich nicht mal sarkastisch. Vermutlich ist das, was nun zum x-tan Mal in und mit diesem Gebilde passiert das endgültigste Zeichen dafür, dass es im Leben tatsächlich Wesentlicheres gibt, für das es sich Energie, Leidenschaft, Liebe zu investieren lohnt, als Eintracht Frankfurt in Stadion, Fernseher oder Ticker zu verfolgen. Es soll das Leben und Leiden anderer sein.

Over and out, ihr Luschen.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Maßstab für Misserfolg

  1. Pingback: #Link11: 50 Shades of Dominanz | Fokus Fussball

  2. Mir wird es von Woche zu Woche auch egaler, was da am Wochenende mit der Eintracht passiert. Ich frage mich, ob dass bei mir von alleine kommt oder ob ich einfach zu oft deinen Blog lese und du mich so beeinflussen kannst.
    Selbst meiner Freundin ist es schon aufgefallen, waren am Anfang unserer Beziehung meine Launen am Wochenende maßgeblich davon abhängig, wie „meine“ Eintracht sich verkauft hat, so konnte ich diesmal sogar nach der Gladbachklatsche einen lustigen und entspannten Samstagabend verbringen. Das Spiel und das Ergebnis war mir einfach sch***egal

  3. Olli

    Ich weiß wie wir die Bayern am Freitag eventuell schlagen können: Wir kriegen soviele Tore, dass ein Server vom DFB hoffentlich einen Zählerüberlauf erleidet, sich der Wert dann ins Negative umdreht und die Eintracht am Ende mit 0 zu -53 Toren gewinnt ….

  4. Und wieder würde ich gerne widersprechen aber kann nur zustimmen.

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