Ohne Brücke

Solange der emotionale Reflex der Merheit der Menschen noch so funktioniert, dass nach Geschehnissen wie in Paris am Freitagabend, alles andere Alltägliche in den Hintergrund rückt – solange kann man noch Hoffnung für die Gattung haben. Fußball, ganz egal ob nun sinnreie Länderspiele oder sportlich wichtige Punktpartien, ist imnu so egal, so klein wie nur irgendwie möglich. Das gilt zumindest für jene Menschen mit Herz und Empathie, mit Hirn und Verstand.

Was interessiert angesichts der magen-drehenden Bilder aus unserem Nachbarland schon die sporltiche Zukunft von Eintracht-Spieler Vaclav Kadlec? Wie sehr beschäftigt einen da noch das Interview mit Armin Veh in der Frankfurter Rundschau? Klar, in ein paar Tagen gibt es kaum etwas Wichtigeres als der Ausgang der SGE-Partie. Für den Moment, für das Leben im Hier und Jetzt.
Aber die große Perspektive, die man nie aus den Augen verlieren sollte, rückt sich dieser Tage doch mal wieder schlagartig zurecht. Wie viel Glück haben wir, die wir uns über Banalitäten wie Eintracht Frankfurt emotionalisieren können, doch mit unserem Leben! Nerven, Zeit, Geld – all diesen Luxus können, dürfen wir auf Fußball, auf das Verfolgen von Dingen verwenden, die mit unserem eigenen Leben eigentlich nichts zutun haben. Wessen Existenz würde schon in Frage gestellt werden, wenn Eintracht Frankfurt in Liga 2, ach, 3,4,5 spielen würde? Nichts würde mit einem selbst passieren. Das Ego könnte man (sich) weniger streicheln, mehr Auswirkungen hätte das alles nicht. Und dann erinnert man sich an die Bilder aus Paris, der zitternde Stimme des Radioreporters, der bei dem Anschlag selbst im Konzertsaal war, die anderen Schilderungen der Opfer und Augenzeugen in Zeitungen oder dem Fernsehen. Das alles hat Konsequenzen. Für die Einzelnen sowieso, diejenigen, die ihr Leben lang den Horror in den Gliedern tragen werden. Selbst schwerste körperliche Verletzungen mögen verheilen, hoffentlich, doch im Kopf werden die Szenen bis zum letzten Atemzug bleiben. Welch grauenvolle Vorstellung! Auch für viele, die sich weiterhin weit weg wähnen vom Unbill der Welt, wird das Geschehene Konsequenzen haben. Mentale, klar, aber auch und vor allem lebenswirkliche. Die Illusion, dass alles Schlimme nur den Anderen passiert, man selber ja auf der Seite der Guten stehe, ist zerbrochen. Vor einem Dreivierteljahr, nachdem in Paris Journalisten, Karikaturisten ermordert wurden, schien das schon eine Zensur zu sein. Aber doch kramte man via perfider Dialektik noch eine Symbolik hervor, die ein Verständnis für die Tat erschuf. Immerhin gab es böse Zeichnungen, waren es die mittlerweile so oft geächteten Medienleute, die ins Visier gerieten. Zwar nicht Motto „selbst schuld“ – dafür war die Solidarität, das Entsetzen – zu groß, zu sichtbar, zu ehrlich. Doch jetzt ist diese Symbolik – bis auf das Zeichen des terrortypischen „jederzeit, überall, keine Skrupel auch gegenüber weichen Zielen“ – nicht gegeben. Es gibt schlicht keinen Grund, keinen noch so konstruierten Auslöser für die Ermordung so vieler zufälliger Opfer – außer der Mordlust, dem Irrglauben selbst. Morden als Selbstzweck.

Und jetzt finde man mal eine Brücke zum Bundesligaspieltag am Wochenende. Vielleicht am ehesten eine Lehre, und zwar die, den ganzen Kram entspannter zu sehen. Ist nur Fußball – man sollte das mehr Leben, und geht es auch noch so sehr auf Kosten von Fanleidenschaft, von Fankultur.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Ohne Brücke

  1. Jermaine Jones Junior

    Siehe Mumbai. Geschichte wiederholt sich permanent. Traurig, dass wir Menschen noch immer keine Lösung auf die globalen Probleme gefunden haben.
    So abgedroschen das klingen mag, aber am Ende haben die mächtigen Politiker mal wieder versagt. #prayforparis #prayforbeirut #prayforfreedom

    • Anonymous

      yep, klingt abgedroschen. diese aneinanderreihung von plattitüden der hilflosigkeit und dieses kollektive cybergebete macht mir irgendwie gänsehaut. ich hab lust auf laute musik, perverse feiern und viel liebe.

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