Gottvertrauen statt Strebsamkeit

In der Vergangenheit hätten mich Sätze, wie die, die Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Trainer Armin Veh nun äußern, fassunglos gemacht. Heute, da dieses Eintracht Frankfurt als ein Witz enttarnt ist, bin ich darüber amüsiert. Jetzt also, im Übergang von November zu Dezember 2015, kommt das Eingeständnis, dass man – angeblich schon länger erkannte (aber nicht handelte) – eine zu langsame, zu behäbige Mannschaft (Veh) herumlaufen hat. Kurz: Ohne ihn so zu nennen, wird der Kardinalsfehler der Kaderzustammenstellung eingestanden. Qualitätsproblem? Absolut.

Nun meine x-te Gebetsmühlen-Frage: Und das bleibt ohne (personelle) Konsequenzen? Ich rede nicht vom sowieso zwingend erforderlichen Nachlegen in der Winterpause, und zwar wahrlich nicht nur auf 1,2 Positionen. Ich rede von Verantwortlichkeiten innerhalb des Klubs für so eine sportliche und auch strukturelle Entwicklung. Es gibt doch streng genommen, ohne groß rumzulabern und auf Meta-Ebenen zu philosophieren, nur zwei Gründe dafür. Nummer 1: In Saisonvorbereitung wie Training ist sehr vieles falsch gemacht worden. Dafür gibt es allerdings den meisten Überlieferungen zufolge kaum Anzeichen, mit Ausnahme des seit jeher nach menschlichem Ermessen lächerlich geringen Trainingsumfangs (im Schnitt 90 Minuten pro Tag) und der mauen Testspielgegner-Auswahl. Nummer 2: Der Sportdirektor hat einen schlechten Job gemacht, indem er die – selbst Laien bekannen – Schwachstellen nicht behob. Linkes Mittelfeld, rechte Verteidigung, damit haben andere und ich mittlerweile das Internet vollgeschrieben. Doch dabei bleibt es nicht. Im zentalen Mittelfeld hat man zu allem Überfluss den verkehrten Spielertypus verpflichtet. Man hatte dort bereits Typ Kante (Medojevic, Flum), und wen kauft man ein? Stefan Reinartz, Typ Kante. In Abgrenzung zu flink, zu filigran, zu fein, zu fußball-aufbauerisch.

Man kann meinetwegen die Auffassung vertreten, dass Sportdirektor Bruno Hübner in erster Linie die Spieler verpflichtet, die der Trainer haben möchte oder zumindest gutheißt. Ist das so, hätte Hübner also keine eigene Auffassung/Strategie, wäre das der – nicht minder furchterregende – Beweis der mangelnden Fachkenntnis. Man führt halt aus. Grund: Man macht im Klub, als Sportdirektor, als Vorstand, als Aufsichtsrat dem Trainer / den Trainern keine noch so zarten Vorgaben. Ein vages Saisonziel vielleicht, aber weder inhaltlich noch personell gibt man dem Coach zu verstehen, dass er der Ausführende eines größeren Ganzen ist, zu sein hat.

Wieso watscht das so oft als Beispiel herangezogene Mainz 05 die Eintracht immer und immer wieder ab, wieso stehen die Rhein-Hessen tabellarisch nie wirklich weit von der (angeblich) viel potenteren Eintracht entfernt? Das ganze mit wechselnden Trainern, wechselnden Spielern … Alles Zufall? So hätten es die Anhänger der Bruchhagen-Doktrin, die hier später noch Thema sein wird, zwar gerne. Falsch ist sie trotzdem, egal wie sehr man sich an diesen Glauben klammert. Richtig ist, dass in Mainz bessere, fachlich kompetentere Arbeit geleistet wird, und zwar auf allen Ebenen. Vom ebenfalls gerne beäugten Mönchengladbach, das ja tatsächlich jahrelang in etwa auf Augenhöhe mit Frankfurt gastierte, muss man gar nicht erst reden. Oder vom FC Köln. Doch anstatt auf die best-practice-Beispiele zu verweisen, sich daran zu orientieren, setzt man in der Bruchhagen-Logik auf die Vermeidungs-Strategie, man schaut nach Bremen, Stuttgart, bis zuletzt Hamburg, denen geht es ja noch schlechter. Mit so einer Sicht auf die Dinge, ist alles immer gut; irgendwo findet sich stets jemand, etwas, das noch schlechter (dran) ist, noch schlechter arbeitet als man selbst. Urteil: Ein Gebilde ohne Strebsamkeit, das ist Eintracht Frankfurt.

Vorgelebt wird das vom Kopf des Fisches. Der Vorstandsvorsitzende entzieht sich immerhin konsequent der Realität. Er gibt den großen Steuermann, der alles schon gesehen, alles schon erlebt hat und die seit Monaten andauernde Misserfolgsserie zur Nicht-Krise deklariert: bitteschön, noch Fragen im so erwartungsschwangeren Umfeld?

Die Blog- und Fan-Kollegen von SGE4ever leisten dieser Tage zur Satuiertheit, zur nimmergefähredeten Zufriedenheit mit dem status quo, auch ihren PR-mechanischen Beitrag. Etwa in ihrer Folge-Analyse zum Mainz-Spiel und der „derzeitigen“ Situation. Dort wird den Lesern unbeirrt die viel zu hohe Erwartungshaltung, die Bruchhagen-Dialektik verkauft. Im Nebensatz wird eine gefühlte Realität geschmiedet. Im Kern geht es also um jene brutal hohen Ansprüche – die eigentlich wie viele genau vertreten, bis auf eine Minderheit von Fantasten?! – mal irgendwo zwischen 6 und 10 statt zwischen 13 und 17 zu rangieren oder wenigstens mal wie ein ambitioniertes Bundesligateam zu spielen, nicht wie ein (bestenfalls) Klassenerhalts-Minimalist! Es ist zum Haare raufen, wie ewigtreu verblendet und unmündig devot, geradezu unterwürfig manche aus der Fan-Schar durchs Leben zu gehen scheinen. Man hat sich, wie der ganze Verein, ans Verlieren gewöhnt. Und wahrscheinlich finden das viele sogar irgendwie geil, so als Nische der Trotzigen. Gemäß der bockigen, mit den Füßen aufstampfenden Maxime: Jetzt stehen wir erst recht dahinter!

Niemandem kann an einer Hexenjagd, an einem Personalienaustausch als Selbstzeweck gelegen sein. Aber wie kann, wie will man nicht erkennen, dass systematisch Fehler gemacht werden, die wiederum in diese immer wiederkehrende sportliche Sackgasse führ(t)en? Fragen kann man viele und regelmäßig stellen, nur sind die befragten Verantwortlichen zu inhaltlich aufschlussreichen Antworten nicht verpflichtet – das weiß ich aus meiner beruflichen Laufbahn nur zu gut. Deshalb, und das ist ja das mediale Ärgernis, haften Einordnungen so häufig etwas stark Subjektives an – so auch diese meine Blog-Beiträge. Natürlich ist das, was ich hier analysiere, bemängele, lobe nicht die Wahrheit. Es ist eine Wahrhaftigkeit, die sich aus Wahrnehmung, Prägung und Wertung der Faktenlage ergibt.
Und diese Mixtur sorgt für Einschätzungen meinerseits. A) dass Heribert Bruchhagen mindestens zwei, drei Jahre zu lange wirkt, gewirkt hat – er aber als Person gleichsam in der aktuellen Situation, auch schon vor Eintreten der aktuellen Situation nur eine lahme Ente ist, wenngleich eine ärgerliche. Sein Duktus der Zufriedenheit hingegen, der offenbar in der Blutbahn vieler in der Anhängerschaft fließt, ist hingegen durchaus ein dauerhaftes und bestehenbleibendes Problem. So oder so: Bruchhagen ist ganz unabhängig vom Verlauf dieser Saison erledigt – ich würde ihm, uns ein versöhnliches letztes Amtsjahr wünschen, jedenfalls keinen neuerlichen Abstiegshorror.
B) dass Trainer Armin Veh entlassen werden muss, sollten bis zur Winterpause nicht mindestens 18 Punkte – und somit 50% der für den Klassenerhalt nötigen Zähler – geholt worden sein. Mit diesem Kader, der seiner Meinung nach sein bester SGE-Kader und zumal der teuerste in der Vereinsgeschichte war/ist, muss wenigstens das, zumal angesichts des wirklich dankbaren Spielplans (Darmstadt und Bremen zuhause) möglich sein. Auch Mainz, Hoppenheim und ein alles andere als formidables Leverkusen waren zuvor keine unlösbaren Punkte-Aufgaben. Diese Realität zugrunde gelegt, gibt es keine Argumente für das Festhalten am Trainer, sollte dieses wirklich schon fast kleinsmöglich ausgebbare Minimum nicht erreicht werden.

C) dass Sportdirektor Bruno Hübner, der aus überschaubaren finanziellen Mitteln (wieso muss das eigentlich auf Gedeih und Verderb so bleiben mit dem faktisch ja schlicht falschen Kirchenmaus-Dasein?) etwas wenigstens Ambitioniertes machen muss, diesen Spagat offensichtlich nicht schafft. Aus wenig viel zu machen, was Mitte der 2000er halbwegs regelmäßig gelang, gelingt ihm nicht. Millionentransfers enden als Fehleinkäufe, voreilig gelobte Neuzugänge entpuppen sich als Eintagsfliegen, die anderswo Aussortierten kommen nicht voran und zu allem Überfluss wird auf den falschen Positionen eingekauft / nicht eingekauft.

Eine Auflistung aller vom Sportdirektor getätigten Transfers seit dem Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga:

Lukas Hradecky
Heinz Lindner
David Abraham
Stefan Reinartz
Mijat Gacinovic
Luc Castaignos

Timo Hildebrand
Timothy Chandler
Aleksandr Ignojvski
Makoto Hasebe
Slobodan Medojevic
Haris Seferovic
Nelson Valdez

Alexander Madlung
Johannes Flum
Jan Rosenthal
Tranquillo Barnetta
Tobias Weis
Joselu

Kevin Trapp
Carlos Zambrano
Marco Russ
Bastian Oczipka
Martin Lanig
Stefan Aigner
Takashi Inui
Srdjan Lakic
Dorge Kouemaha

Eine Bewertung der Einzelnen, ob gelungen oder nicht, überlasse ich den Lesern. Meine persönliche Einschätzung auf die Gesamtheit bezogen, ist eine ziemlich schlechte. Welcher der oben genannten Spieler hat sich dauerhaft durchgesetzt? Von sich sich selbst oder gar das Team (am besten dauerhaft) verbessert, ganz zu schweigen?

Bis heute sind die Erstliga-Aufsteiger, die bisweilen zuvor Erstliga-Absteiger waren und denen bis heute nachgetrauert wird (Sebastian Rode, Pirmin Schwegler), gespickt mit den Neuzugängen aus der ersten Wieder-Oberhaus-Saison quasi konkurrenzlos die besten Spieler oder wenigstens am häufigsten eingesetzten Kicker dieses Teams. Oczipka, Zambrano, Russ, Aigner, Meier.

Nichts gegen ein Korsett, schon gar nicht gegen Vereinstreue, auch nicht gegen ein Bekenntnis zur eigenen Jugend (konterkarierend zur U23-Abmeldung), aber wo sind letztlich diejenigen, die diesen paar Qualitätsspielern Druck machen, sie im Bedarfsfall wenigstens ersetzen könnTen, geschweige denn, die an ihnen vorbeidrängen? Weit und breit ist dort niemand in Sicht. Womit, mit welchem Akteur im Handlungsapparat Eintracht Frankfurt hängt das zusammen?

Figuren wie Arabien-und-Genussschein-Vermarkter Axel Hellmann und Vereinsmeier-Streichler Peter Fischer spielen natürlich gerade im intern kürzlich verschobenen Machtverhältnis Rollen, zumal tut das Aufsichtsrats-Chef Wolfgang Steubing, dessen Loyalitäten allerdings fatalerweise dem Duo Veh/Hübner gelten.
Vielleicht tut man Hübner aber sogar, aller schwachen Transferbilanz zum Trotz, unrecht. Gebe man ihm mehr Geld (was das weiterhin recht maue Scouting nicht ändert) … aber auch das müsste in erster Linie der Aufsichtsrat, also maßgeblich Steubing, forcieren. Wie man es dreht und wendet, müsste ein Personal- oder eben Vereinspolitik-Schwenk vom obersten Gremium kommen und durchgesetzt werden. Geschieht das nicht, ist das einzige Konzept von Eintracht Frankfurt (weiterhin): Gottvertrauen.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Gottvertrauen statt Strebsamkeit

  1. Die wesentliche Frage ist wie im Innenverhältnis miteinander gesprochen wird. Ich kann nachvollziehen, dass nach außen die Reihen geschlossen werden aber intern muss alles auf den Tisch.
    Meine persönliche Meinung: Bruchhagen soll seinen Nachfolger einarbeiten, so das für die nächste Saison geplant werden kann. Bei Hübner bin ich sehr skeptisch was seine Kompetenz angeht. Ab und an sollte mal ein Kracher dabei sein. Bei Veh bin ich weiterhin guter Dinge. 6 Punkte gegen die Lilien und Werder. Dann kann er wieder in Ruhe arbeiten.

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