Der Hebel

Wegducken, Reihen schließen, aussitzen ist angesagt. Wie all die Jahre bei Eintracht Frankfurt. Ein Präsident, der erst kürzlich mit 90+X-Prozent wiedergewählt wurde, ein Vorstandsvorsitzender, den man aufgrund vergangener Verdienste nicht vorzeitig in Rente schicken will, ein Sportdirektor, dessen Vertrag allen sportstrategischen Verfehlungen zum Trotz verlängert wurde, ein aus dem e.V. geprägter Marken-Starkredner und ein Aufsichtsrats-Chef, der dem Treiber seiner Rotweinkompagnions tatenlos zusieht. Das ist die Ausgangslage in diesem Klub.

Die Zuversicht, dass ein Trainerwechsel der entscheidende Hebel ist, teile ich bei allen Zweifeln an Trainer Armin Veh jedenfalls nicht. Die nimmerendende Tristesse hat Ursachen, die, wie in der Vergangenheit und nun nochmal oben geschrieben, höher anzusiedeln sind.
Leidenschaft, Mut, Träume, Glauben, Siegermentalität, Kreativität. Nichts von alledem ist in diesem Klub vorhanden. Stattdessen gibt man sich im Stile der hanseatischen Kaufleute aus vorvergangenen Zeiten: Man ist verlässlich, vertragstreu, berechenbar, ehrlich. Gespickt mit trotziger Ruhe und Demut, zufrieden mit dem Kanten Brot zu sein, das der Herrgott einem gibt. Das sind menschlich löbliche Eigenschaften, aber auf dem Sportplatz sind sie bestenfalls hinderlich, um nicht zu sagen fatal. Der große Fehler, der aufgrund seiner zu langen Amtsdauer sich Bahn gebrochen hat, ist die Übernahme der Bruchhagenschen Mittel – was die operative Führung der AG in finsteren Zeiten angeht – auf den sportlichen Bereich. Der von Bruchhagen gepredigte Zement hat sich zu einer self-fulfilling prophecy entwickelt, was sich im Denken, in Trainer- wie Spielerauswahl ausdrückt. Es stimmt, Eintracht Frankfurt hat ein Kopfproblem – aber es ist keines in den Schädeln der Spieler, sondern es sind die Köpfe der Verantwortlichen in Führungskreisen, die das Problem sind.

Natürlich ist, schlicht, weil es das Einfachste ist, der Trainer das Opfer Nummer 1. So wird es auch in Frankfurt sein, wenn gegen Bremen nicht gewonnen wird. Zurecht, und ja, eigentlich bis dann bereits überfällig. Zweifelos ist eine neue Ansprache sinnvoll, da kein Spieler den etwaigen Lösungsvorschlägen eines an der Misere mitschuldigen Trainers glauben kann. Zumal, wenn dieser offensichtich ratlos ist, er das letzte Aufgebot bereits auf das Feld geschickt hat (Kadlec). Auch eine Veränderung der sportlichen Inhalte ist selbstverständlich angezeigt. Obwohl sich allen Überlieferungen zufolge weder an Intensität noch Eifer auf dem Trainingsplatz etwas bemängeln lässt, wählt Veh die falsche Herangehensweise. Er mag die Zeichen der Zeit erkannt haben, setzt aber getreu seiner Überzeugung (welcher Mensch kann schon aus seiner Haut?) weiterhin auf die spielerische Karte. Auf Elemente, die das Team nachweislich nicht (mehr) besitzt; auch, weil die nötigen Spieler dafür fehlen.
Was es angesichts dieser Ausgangslage braucht, schon seit Wochen, ist eine massierte Defensive á la Bayernspiel. Dann stellt man eben gegen Mainz ein 4-3-2-1 auf und lässt Darmstadt, die auch einen quasi kampflosen Punkt in Frankfurt mitgenommen hätten, ebenso gegen eine Verweigerungswand laufen. Die hatten bis tief in der zweiten Halbzeit eine Passquote von 49% ! Also wieso nicht (mit-)verweigern, Schweinespiel liefern angesichts der eigenen Schwäche? Zwei mögliche Punkte wären besser gewesen als angesichts der Spielverläufe verbriefte 0 Punkte. Denn man vertue sich nicht: Darmstadt war letztlich trotz besagter Passquote sogar die bessere, zwingendere Mannschaft, nicht nur die willigere.

Die SGE steht dieses Jahr jedenfalls genau dort, wo sie letzte Saison ohne die Alexander-Meier-Tore gestanden hätte. Aus der Kombination schlechte Kaderzusammenstellung, Formschwäche, wenig Glück und noch weniger Know-How folgt dann das, was wir alle seit Monaten sehen (müssen).
Nun holt man sich erstmal mit einer Verlegenheits-Elf die 0:3, 0:4 Niederlage in Dortmund ab, bevor man das Schadensvermeidungs-Spiel gegen Werder Bremen ansteht. 14, 15 oder 17 Punkte, 15. bis 18. Platz – das ist das Spektrum, in dem sich die SGE bewegt. Wie so etwas personell folgenlos bleiben kann, ist mir ein Rätsel.

Ein paar Neuverpflichtungen im Winter (Heribert Bruchhagen) werden es sein, um sich irgendwie in Richtung 36 Punkte zu mogeln. Jene Kracher-Kicker, die im Winter für zehn Euro und den Blick auf die Skyline zu haben sein werden. Jene Art Transfers, die die Funktionäre der Eintracht in der Vergangenheit ablehnten, weil in diesem Kaufs-/Verkaufsfenster fast nur Untaugliche zu überteuerten Preisen zu haben sind. In Frankfurt ist es am 2. Advent allen Zündeleien der Hirnverbrannten zum Trotz sehr finster geworden.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Der Hebel

  1. Adlerschnabel

    Eine „Verweigerungswand“ ist in Frankfurt seit dem vom Umfeld erzwungenen Rauswurf Funkels nicht mehr zu machen.

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