Frankfurter Figuren

Märchen, dafür ist Hessen bekannt. Vor allem die Brüder Grimm sind da zu nennen. Doch vermutlich kämen nicht mal die beiden Kreativlinge auf die Idee, einem Abstieg in die zweite Bundesliga eine reinigende Wirkung anzudichten. Es wäre der fünfte Abstieg, und nie hat der Nackenschlag, die erzwungene Veränderung zu einer langfristigen Verbesserung der sportlichen oder strukturellen Lage von Eintracht Frankfurt geführt. Es ist bezeichnend, dass die Jahre unter Friedhelm Funkel – jene, wo die Ausgangslage sowohl vom Kader als auch von den Finanzen weitaus dürftiger war als in den vergangenen Saisons – weiterhin das Prädikat der längsten SGE-Erstligazugehörigkeit im vergangenen Vierteljahrhundert behalten würden.

Schauen wir uns doch mal das Bild an, das dieser Verein abgibt. Es ist ein Gemälde der Trauer; gespickt mit Ölgötzen: Ein Präsident, der das Treiben der Randalierer – die einen Teil seiner (Wieder)Wahlgefolgschaft ausmachen – relativiert, ein Vorstandsmitglied, das in Mainz die Fans erst fürs Schweigen, nun fürs Ausrasten kritisiert, ein Aufsichtsrat, der auf dem Papier existiert. Und davor eine Mannschaft, die sportlich samt und sonders ebenso überfordert wie gelähmt ist; angeleitet von einem Trainer, der im Laufe von 17 Pflichtspielen (Pokal eingerechnet) alles personelle wie taktische bereits ausprobiert und zum Scheitern gebracht hat. Dazu in der analytischen Außendarstellung noch ein 19-Jähriger, der seine älteren Auswahlspieler (da hat wohl einer Ambitionen! Der muss sofort geerdet werden!) in die Pflicht nimmt, woraufhin der Kapitän das Gesagte relativiert. Immerhin lehnt Alexander Meier Mannschaftsabende und solche Verzweiflungsakte ab. Logisch, im Advent isst man ja auch keine Pizza.

Das vielfältige Rundherum, die Arbeit von verborgeneren Verantwortungsträgern wie Scouts und Videoanalyst (man glaubt ja kaum, das dieser Klub sowas „schon“ hat!), mal außen vor gelassen, gibt es noch zwei weitere Protagonisten, die in diesen Tagen sehr unterschiedlich auffallen.

A) Sportdirektor Bruno Hübner macht nämlich das, was er immer in schlechten Phasen macht: Er lässt andere ins Feuer, vor die Notziblöcke und Mikrofone gehen. Er behält das Strahlemann-, das Architekten-Image, während sich andere, die natürlich ähnlich schuld an der Entwicklung sind, die Watschen abholen. Der arme Herr Hübner, der ja quasi mit dem Klingelbeutel durchs Rhein-Main-Gebiet laufen muss, um irgendwelche 08/15-Kicker in den Kader zu zwingen! Die Frage nach dem Kardinalsfehler der Kaderzusammenstellung ist auch 15 Spieltage nach Saisonbeginn unbeantwortet, bzw. ein Eingeständnis des Versagens samt personeller Konsequenz, ist ausgeblieben, bleibt auch weiterhin aus. Die Blinden sollen ihre Blindheit heilen, die Ratlosen die Lösung finden. Das sind Oxymora der übelsten Sorte. Natürlich wird es im Winter einen finanziellen Kraftakt geben, es werden Über-den-Zenit-Spieler wie Sidney Sam und/oder Kevin Großkreutz geholt. Man wird noch ein, zwei weitere Spieler für die Defensive auftreiben, ob nun gekauft oder geliehen, die zumindest keine totalen Wundertüten sind – Marke Alexander Madlung 2.0, sie werden in den Frankfurter Führungsebenen auf so einen wie Felipe Santana kommen.

B) Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen, dessen oberlehrerhafte „ich habe das alles schon so oft erlebt“-Rhetorik nicht nur vom Tonfall her fragwürdig ist, viel interessanter und vor allem kritischer ist der Inhalt, die Meta-Ebene dieser Aussage: Er hat das alles (er meint den Abstiegskampf) schon so oft erlebt. Na, und weiter? Weil … Ja, weil es immer und immer und immer wieder passiert (ist)! Und dass das so ist, hat Gründe. Ursachen, die auch in seiner Person liegen, die mit ihm und seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender, als Akteur und die sportlichen Geschicke Mit-Beeinflußender zusammenhängen. Er ist nun seit einer Dekade im Amt, in dieser Zeit wäre es der dritte (!) Abstieg aus der Bundesliga, wobei er wenigstens für seinen ersten nur bedingt mitschuldig gesprochen werden kann. So oder so: Bruchhagen, sein Geist, seine Rhetorik des Zements und der gottgebenen Verläufe rund um Eintracht Frankfurt, wirkt als self fullfilling prophecy wie Gift in und um den Klub.
Und jetzt deutet der Vorstandsvorsitzende, sicher auch im Bangen um das eigene Vermächtnis, diese seine Geschichte auch noch um: Man sei mit der „Trainertreue gut gefahren“. Bitte? Was hat man denn erreicht, außer das schnöde Überleben? Der Hamburger SV hat sicher viele Trainer entlassen, ist aber nie abgestiegen. Worum geht es? Um Buchhaltung, um das Lob von Zahlen-Freunden, möglichst enthaltsam gelebt, gehaushaltet zu haben? Für was? Für wen? Reiner Selbstzweck ohne Bedeutung, Geld beeinflußt jedoch unmittelbar das sportliche Geschehen. Viel hilft viel, Punkt. Mittel- bis langfristig sowieso. Geld ist reine Esoterik, die Bruchhagen´sche Prognose, wonach die ganzen Misswirtschafter und Zocker an ihren Verbindlichkeiten ersticken, ist auch Jahre nach seiner Thesenaufstellung und gebetsmühlenartigen Wiederholung nicht eingetreten. Nichts ist dahingehend passiert, es wird auch nichts passieren, die Konkurrenten geben (weiterhin) mit vollen Händen aus, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Was natürlich auch daran liegt, dass der sportliche worst-case für diese Klubs – siehe Hamburg – nicht eingetreten ist. Und wieso nicht? Weil man sich den Erfolg am Ende eben doch kaufen kann. Oder man spart sich in die zweite Bundesliga, oder jedenfalls (permanent) an ihren Rand. Davon ab: Die Abstiege der Eintacht haben mit Sicherheit mehr Geld gekostet als die Trainerentlassungen etwa in Hamburg. Um das fadenscheinige Finanzargument sogleich zu entkräften. Bruchhagen ist im selben Maße schuld, verantwortlich, wie andere im Klub. Keinem Trainer, keinem Spieler kann man das Maß an Vorhaltungen machen, wie den Langzeit-Handelnden der SGE.

Am Ende bleibt nur der Fan ewig, er ist die einzige Konstante – und die Gewöhnung an Niederlagen – die nur alle Jubeljahre durch Mini-Hochlichter wie Underdog-Siege oder das Reinrutschen in den Europapokal (kurzum: durch nichts Zählbares) unterbochen werden – hat bereits mehr als eine Anhänger-Generation geprägt. Herrje, in Frankfurt gelten Aufstiege in die erste Bundesliga als Erfolg! Ich glaube, als (mündiger) Fan wächst man aus diesen Reflexen irgendwann heraus. Man muss nur lange genug enttäuscht und gekränt worden sein, bis man den Zirkus leid ist, sich die kostbare Zeit eines Menschenlebens sowie die Nerven kaputt zu machen. Diesesr ganze Profifußball-Quatsch ist ja ohnehin quasi-religiös, es ist Opium. Irgendwann ist es einem die ganze Sache ziemlich egal – eine Träne würde ich persönlich, der einfach nur wütend auf die handelnden Personen ist, diesem Klub jedenfalls nicht mehr nachweinen, wenn er sich abermals ins Unterhaus diletiert (hat).

Am Sonntag in Dortmund, soll man sich da wirklich mit auseinandersetzen, geschweige denn sich das anschauen? Irgendwas wie 0:3, 0:4, je nachdem, wie viel Lust die Borussia hat, das Gaspedal herunterzudrücken und wie schnell das 0:1 aus Eintrachtsicht fällt. Und selbst wenn die Truppe wie ein achtes Weltwunder einen Punkt ergaunert, hilft der nichts. Siege, nur Siege hätten (<— Konjunktiv!) einen Wert.

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