Die Liga der Außergewöhnlichen

Einstieg mit einem Fremdwort – im Journalismus ebenso Totsünde wie Garantie dafür, dass der Artikelleser nicht weiterliest. Da das hier aber keine Journalismus-Tätigkeit ist, sondern ein daher-emotionalisierter Blog, haue ich zum Beginn mal ein Fremdwort raus:

Amblyopsidae.

Bei diesem biologischen Geschöpf handelt es sich um eine bei Eintracht Frankfurt weit vebreitete Gattung. Um nicht zu sagen: sie ist Synonym für die klubinterne Monokultur.
Die meisten Arten dieser Familie leben in Höhlen, Naturwissenschaftler kennen sie eigentlich nur aus dem Süden und Osten der USA; jedenfalls sind diese Tiere an das Leben in der Dunkelheit angepasst. Uns Laien sind Amblyopsidae unter einem leichter zu merkenden Namen geläufig: Blindfische.

Der Grund für diese Feststellung sind Aussagen von Wolfgang Steubing, Aufsichtsrats-Chef von Eintracht Frankfurt, zur aktuellen Situation des mittlerweile Abstiegskandidaten Nr.1 oder 2: „Wir haben eine innere Geschlossenheit, die aufgrund des Tabellenplatzes wichtig ist. Und die Geschlossenheit möchte ich auch behalten.“ Das, und ein paar Durchhalte- und Hoffnungsparolen samt Trainer-Job-Garantie, hat er in der FAZ gesagt.

Geschlossenheit. Verbinde nur ich damit Starrsinn, Beratungsresistenz und Trotz? Eine „Wir-gegen-die-anderen“-Mentalität, um sich den vielen unangenehmen Fragen nicht stellen, sich das eigene Unvermögen nicht eingestehen zu müssen? Die These, dass sich da mehrere ältere Herren einig in einen für Frankfurt fatalen Kurs, flankiert von vielen nicht ohne Weiteres umkehrbaren Fehlentscheidungen, verrannt haben, drängt sich angesichts von solchen Sätzen jedenfalls auf.
Geschlossenheit ist nämlich zum einen wohl externen Mutmacher, zum anderen internes Handlungs-Rezept der obersten Klubführung. Womit nun, da sich der letzte Mächtige geäußert hat, klar ist, dass die SGE so ziemlich am Allerwertesten ist. Sportlich können es Zeit und Zufall ja noch zum Guten wenden, strukturell scheint der Beweis der Unfähigkeit erbracht: Steubing sieht als letzer Hoffnungsträger ebenso wenig durch wie Bruchhagen, Hübner, Hellmann und Fischer. Er reiht sich ein in die Riege der Funktionäre, die nicht mal den Funken eines (selbst)kritischen Worts äußern und/oder Entscheidungen hinterfragen bzw. rückgängig machen wollen (bspw. Kaderzusammenstellung, Trainerwahl, U23-Abmeldung, Jugendarbeit, generelle Ausrichtung/Mentalität). In Frankfurt, und das ist das Bittere, hat eine Debatte über all die Fehler, all die Ursachen für den neuerlichen, den x-ten sportlichen Absturz nicht mal begonnen. Man schaut sich gegenseitig mit geöffnetem Mund und tellergroßen Augen an und versteht wirklich nicht, wie es so „weit“ kommen konnte. Und registriert nicht mal, dass das Murmeltier immer und immer wieder grüßt.
Wenn die Mannschaft am Ende irgendwie die Klasse gehalten haben sollten, klopfen sich die Funktionäre wieder auf die Schulter. Für ihre Geschlossenheit. Bis zum nächsten Abstieg(skampf). So furchtbar viel Schande kann der letzte Fall ins Unterhaus übrigens nicht über den Verein gebracht haben, jetzt, wo man doch nach kurzer Zeit abermals an dessen Tür klopft.

Fakt ist in Gegenwart eines fortgesetzten Absturzes, dass die Steubings, Bruchhagens uns Co. irgendwann um den 30. Spieltag herum die nackte Panik packen wird. Wie aus heiterem Himmel zerschellen sie dann auf dem Asphalt der sportlichen Realität und es wird wild; Feuerwehrmänner der Welt, reicht eure Bewerbungen ein! Ein Kreativkopf wie Heribert Bruchhagen nimmt dann, wenn die SGE der Klassenerhalts-Musik hinterherlaufen sollte, wahrscheinlich noch den Spaten in die Hand und versucht Jörg Berger zu exhumieren.
Am Ende ruht die Hoffnung auf zweierlei: Erstens auf dem Heimspiel gegen Bremen am Samstag, wo das SGE-Punktekonto – Koste es, was es wolle – auf 17 Zähler geschraubt werden muss. Das ist die Grundvoraussetzung für ein bedachtes Drücken des zuletzt vielzitierten „Reset-Knopfs“. Zweitens, dass die Neuverpflichtungen die sportlich (wesentlich) kaputtere und bedrohtere Mannschaft ähnlich erfolgreich über die Ziellinie retten, wie Alexander Madlung das vor zwei Jahren tat. Ein in Watte gepacktet Solo-Torschütze namens Alexander Meier kann angesichts der Minder-Qualität der anderen Offensivspieler wahrlich auch nicht schaden. Das Christkind hat in dieser Adventszeit eine Menge Wünsche abzuarbeiten, wenn es um die Eintracht, die Eintracht-Fans geht.

Der MSV Duisburg, das nur als abschließender Exkurs in die gähnend langweilige und völlig überbewertete Finanz-Frage, bekommt von einem US-Unternehmen für die Abtretung von 5,1 Prozent Klubanteile zehn Millionen Euro Kapital – einen Trapp-Transfer, sozusagen. Als Tabellenletzter der zweiten Bundesliga. Hochgerechnet bewertet der Investor diesen Klub also mit gut 200 Millionen Euro an Wert. Und Eintracht Frankurt? Geschlossen Trainerstabil. Wieviele Geld das wohl jemandem wert ist? Wenn es so 30, 40, 50 Millionen Euro wären, könnte man zumindest finanziell das drohende Jahr zweite Bundesliga abfedern. Denn bei der SGE geht es ja, zumindest vorgeblich und damit ebenso verloren, um gut aussehende Zahlen, nicht um gut aussehnden Sport.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Die Liga der Außergewöhnlichen

  1. Olli

    Preuß, Chris, Amanatidis, Erik Wille, Anderson, Kittel …. auch hier eine gewissen Konstanz …

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