Der Wunschzettel

Mehr als alles andere sollte für den modernen Menschen Weihnachten die Zeit sein, in der er bedenkenlos die Bremse ziehen kann. Den Alltag hinter sich zu lassen, innezuhalten und zu reflektieren. Über das eigene Leben, über Vergangenes, weniger über Zukünftiges. Letzteres passiert sowieso, allen Plänen und Zielen, die man haben und verfolgen mag, zum Trotz. Die Vermeidung großer Pläne, das haben Kinder uns voraus. Sie machen einfach. Und sie wünschen sich Dinge. Mein Wunschzettel, bezogen auf Eintracht Frankfurt liest sich so:

Liebes Christkind,

ich wünsche mir, dass es sportlich, spierlerisch, vor allem tabellarisch für diese Mannschaft, für diesen Klub aufwärts geht. Nicht nur von Woche zu Woche, nicht nur in (Teilen) der bevorstehenden Rückrunde, sondern mittelfristig, dauerhaft, saisonübergreifend. Dass irgendwann die Bräsigkeit, die devot-blasse Ambitionslosigkeit, der dahergeredete bleierne Zement aus Köpfen und Vereinsstruktur verschwinden. Dass man sich ein gesundes Maß an Demut behält, geerdet ist, dass aber ein Euphorie-Funken entsteht, entstehen darf und kann, den dieser Klub für einen Sprung ins aufstrebende Mittelfeld der Bundesliga nutzt. Ein Verein, der sich an best-practice-Beispielen orientiert, nicht daran, dass es anderen noch schlechter geht. Einen Klub, bei dem Funktionäre an den Schalthebeln sitzen hat, die den sportlichen Kurs, die spielerische Ausrichtung weitaus mehr prägen als das bei der SGE je der Fall war. Ein Sportdirektor, Vorstandsleute, die Trainer und Team Vorgaben machen, sie sich nicht machen lassen, die verbissen an höheren Zielen arbeiten, anstatt auf glimpfliche Saisonverläufe/Saisonausgänge zu hoffen. Dass Realisten am Werk sind, die trotzdem mutig und kreativ sind, klammheimlich sogar eine Vision verfolgen.

Für uns Fans wünsche ich mir, dass Eintracht Frankfurt bald wieder Stoff zum Träumen gibt, in Form von der Europa-League-Qualifikation in homöopathischen Dose (also alle paar Saisons). Dass uns die vergangenen Jahre – die in der Wahrnehmung auch maßgeblich von Buchhaltungs-Logiken geprägt waren – nicht zu sehr in den Duktus der Betriebswirtschaft, des kaufmännischen Denkens hineingezogen haben werden. Dass wir den Fokus auf Sport und Spielern behalten, uns nicht so sehr für Transferüberschüsse, Bilanzen, (Nicht-)Verschuldung, Stadionmiete und Sponsorenverträge interessieren bzw. diese Dinge in den Mittelpunkt der Entwicklung, der Zukunft stellen – aller notwendiger Erlöserzielung zum Trotz. Am Ende singen wir im Stadion nicht das Amtsgerichts-Aktenzeichen der SGE, lassen Trikots nicht mit dem Jahresabschluss beflocken. Das Wesentliche spielt sich auf dem Fußballrasen ab, und da sollte uns Fans daran gelegen sein, die Spieler nicht als austauschbare Ware wahrzunehmen, sondern (weiterhin) dafür zu sorgen, dass Leistung anerkannt und für dauerhaften Verbleib der Besten, der Typen und Charaktere, der Team-Repräsentanten gesorgt wird. Austauschbar sein können andere; es gibt stets alternative Markenkerne.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei allen Lesern, speziell bei den Kommentatoren von meinem Blog „Eintrachtinside“ für die anhaltende Aufmerksamkeit und den fruchtbaren Austausch. Ich wünsche euch allen möglichst wenig Aufregung für und über die Weihnachtstage, alles Gute, ein frohes Fest, wie auch immer ihr es zu begehen gedenkt!

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Beiträge

3 Antworten zu “Der Wunschzettel

  1. Jermaine Jones Junior

    Auch Dir wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest! Auf das Deine Wünsche an das Christkind in Erfüllung gehen!

  2. Adlerschnabel

    Mögen die Weihnachtsmänner bei Eintracht Frankfurt Deinen Wunschzettel zur Kenntnis nehmen und ihn sich hinter die Ohren schreiben. Dem für mich einzig wirklich lesenswerten Eintracht-Kommentator ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr in alter kritischer Frische.

  3. Der Norddeutsche

    Den Wunschzettel unterschreibe ich ohne wenn und aber😊
    Ich wünsche Dir ein ruhiges,besinnliches Weihnachtsfest 🎄🎅
    und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!
    Ich hoffe das Du weiter objektiv, aber dennoch mit einer Prise Patriotismus
    schreibst!
    Meine Gefühlslage wird hier, gerade nach schlechten Spielen oft reflektiert.
    In diesem Sinne: Mögen die Spiele in der Saison 2016/17 auch auf höchster
    Ebene stattfinden.

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s