Erinnerung an die Vergessenen

„United Colours of Bembeltown“ – dieser bald ein Vierteljahrhundert alte Slogan, der ausgehend von der Eintracht-Frankfurt-Fankurve den Rassismus verdammte, kommt mir dieser Tage sehr vehement ins Gedächtnis. Die Stimmung im Land, jedenfalls die im Hetz- und Hassmedium Internet erkennbare, könnte einen an die 1930er-Jahre erinnern.

Ins Gedächtnis rufen möchte ich aber etwas anderes, ehemals bisweilen hochgelobte, von Fans mitunter geifernd geforderte Eintrachtspieler – indem ich mal recherchiert habe, wen es über die Jahre so wohin verschlagen hat; und ob irgendjemand irgendwo sportlichen Durchbruch geschafft hat (was auch Rüschlüsse auf die Arbeit und Qualität im SGE-Jugendbereich zulassen könnte).

1. Nikola Petkovic, Linksverteidiger, war ab Januar 2009 eineinhalb Jahre und mit neun recht düsteren Einsätzen für die SGE in Ballnähe. Als großes Talent eingeschätzt, wurde er nach wenigen Monaten und bis Vertragsende gleich drei Mal verliehen, unter anderem bis nach Saudi Arabien. Neben Gastspielen in seiner serbischen Heimat verschlug es ihn noch nach Israel und Australien, immer wieder unterbrochen durch Vereinslosigkeit. Seit Sommer 2015 ist bei KVC Westerlo in Belgiens erster Liga unter Vertrag, und, mit nun 29 Jahren dort Stammspieler.

2. Kreso Ljubicic, Mittelfeldspieler, stand ab 2007 bis Sommer 2009 im Profikader der Eintracht. Er wechselte zu Hajduk Split, von dort via Leihe nochmal innerhalb Kroatiens, bevor er im Sommer 2015 zum FC Biel-Bienne wechselte. Dieser Verein spielt in der 2. schweizer Liga.

3. Faton Toski, Mittelfeldspieler, stand zwischen 2006 und 2010 bei den Eintracht-Profis unter Vertrag. Nach drei Jahren in Bochum war er zunächst ein halbes Jahr vereinslos, bevor er für eineinhalb Saisons zum FSV Frankfurt ging. Seit Juli 2015 ist er vereinslos.

4. Marcos Alvarez, Stürmer, kommt zwischen 2009 und 2010 auf 3 Bundesligaminuten und wechselte über Bayern Münchens zweite Mannschaft und die Stuttgarter Kickers zum VfL Osnabrück. Seit Sommer 2014 ist er dort Stammspieler und trifft recht regelmäßig.

5. Martin Hess, Stürmer, absolvierte in seiner Zeit zwischen 2007 und 2010 nur einen Profieinsatz für Eintracht Frankfurt, schoss aber in der seinerzeit noch existenten U23 viele Tore und saß manchmal auf der Bundesliga-Bank. Den aktuell 28-Jährigen verschlug es zunächst zu Wacker Burghausen, es folgten im Jahrestakt Lotte, Waldhof Mannheim, SV Schluchtern und momentan der Sechstligist Neckarsulm.

6. Juhvel Tsoumou, Stürmer, dessen Eintracht- und gleichsam Karriere-Glanzlicht ein Tor gegen Bayern München war. 2009/2010 bei der SGE, heuerte er erst in Aachen, dann mehreren Drittliga-Stationen in England und weiteren in Österreich und der Slowakei, schließlich bei Waldhof Mannheim an. Spielt mittlerweile bei Wacker Burghausen. Auch er war zwischenzeitlich mehrfach vereinslos, spielt derzeit in der Regionalliga Bayern aber regelmäßig.

7. Leonard Kweuke, Stürmer, in 2009 verglich Werner Lorant ihn mit Mario Gomez und anderen damals internationalen Topstürmern, nach einem halben Jahr war er nicht mehr Teil des Teams. Über die Slowakei, wo er in den Folgejahren drei Mal zum selben Verein hin- und zurückwechselte, sowie Cottbus und Sparta Prag landete er 2013 für die krude Ablösesumme von 2,5 Millionen Euro in der Türkei bei Rizespor. Dort hat er alleine in der laufenden Saison 9 Tore in 16 Spielen erzielt, vergangene Saison traf der heute 28-Jährige 12 Mal, davor 11-fach. Vor seinem Wechsel, kam er in Prag auf 6 Tore und 6 Vorlagen, spielte sogar Europa League.

8. Cenk Tosun, Stürmer, stand von 2009 an für eineinhalb Jahre im Profikader, kam auf 15 Bundesliga-Minuten. In der Regionalliga-Mannschaft traf er zuvor und währenddessen sehr oft. Er wechselte für 400 000 Euro zu Gaziantepspor in die Türkei, wo er einen kometenhaften Aufstieg schaffte. Spielt seit Sommer 2014 bei Besiktas Istanbul, steht aktuell bei 5 Toren und 3 Vorlagen, sein Marktwert wird auf 6,5 Millionen Euro taxiert. Ist immernoch erst 24 Jahre alt.

9. Marcel Titsch-Rivero, Mittelfeldspieler, machte zwei Spiele für die Eintracht-Profis, darunter das unvergessene ist im Rekordbuch stehende Spiel, wo er 43 Sekunden nach seiner Einwechslung den Platzverweis kassierte. Ist seit 2012 beim Zweiglisten Heidenheim aktiv und kommt dort regelmäßig zum Einsatz.

10. Kevin Kraus, Innenverteidiger, absolvierte 2011 ein Spiel für die SGE-Profis, wechselte dann erst Fürth, dann von dort nach Heidenheim . Der 23-Jährige ist in der laufenden Saison Stammspieler in der zweiten Bundesliga.

11. Julian Dudda, Innenverteidiger, einmal über 90 Minuten in der Zeit von 2012 bis 2013 durfte er bei den Profis ran, dann ging es zu Werder Bremen II und vor dort aus im Sommer 2015 zu Kickers Offenbach. Dort ist er Reservist.

12. (aber außer Konkurrenz, weil sehr lange her)

Christopher Reinhard, Linksverteidiger und auf dieser Position seinerzeit als eines der größten deutschen Talente gefeiert, rückte als Jugend-Eigengewächs 2004 in den Profikader auf, blieb dort bis 2007. Es folgten Vereinswechsel im Jahrestakt, über den Karlsruher SC und Ingolstadt, bis Trier, Jügesheim, Magdeburg, Halberstadt und – seit vergangenem Sommer (mit nach wie vor erst 30 Jahren) – zum Fünftligisten SV Seligenstadt.

Resümee: Die einzig vielversprechende Personalie Cenk Tosun hat die Eintracht so behandelt und gelöst, wie man es von dem Klub irgendwie erwartet. Alle anderen Spieler, bis auf Spätstartet Leonard Kweuke (der aber in Frankfurt tatsächlich unglaublich dünn war), sind sportlich ziemlich versackt, was wiederum ein ganz finsteres Licht auf die Jugendabteilung, die dort vorhandene Qualität wirft. Gut, für Kweuke und Petkovic zeichnen aber die Scouts, eine andere Stärke der Eintracht, verantwortlich.

Advertisements

8 Kommentare

Eingeordnet unter Beiträge

8 Antworten zu “Erinnerung an die Vergessenen

  1. Eintracht Fan_Hamburg

    Immer diese Verquickung eindimensionaler Weltsichten (gut/böse) mit populären Themen. Muss das Medium Fußball, was uns alle fesselt und beschäftigt, denn wirklich in dieser Weise und derart oft missbraucht werden, um in dessen Subtext eigene politische Statements unter zu schieben?
    Zum eigentlichen Kommentar:
    Die Abgang- Chronik war interessant, wie ernüchternd …für einen SGE’ler in 2015/16.

    • Nunja, meiner Meinung nach gibt es tatsächlich nichts Unpolitisches – schon gar nicht aktuell – und Eindimensionalität ist ein Attribut, das ich mir nicht nachsagen lasse (n muss). „United Colors of Bembeltown“ ging und geht ja, wie viele Aktivitäten in und rund um den Fußball, auch weit über Fußball hinaus.

      Ohne das jetzt ausufern lassen zu wollen, aber ich hab so meine Zweifel, ob man etwa einen Eintrachtspieler, dessen Eltern aus Eritrea flohen, anfeuern kann, um im Geiste eine andere Haltung zu haben.
      Hoffen wir, das besgater Spieler nicht auch noch in die Liste aufzunehmen sein wird 😉

  2. Olli

    Can wollte ich auch schon nennen. Dazu kommen dann noch evtl. Kempf und Bell (zwar kein Eigengewächs, aber genauso exemplarisch).
    Und was soll von unten auch nach kommen, wenn a) die U23 nicht mehr existiert und der Sprung von A-Jugend zu den Profis anscheinend bedeutend größer ist als angenommen und b) uns Vereine wie Leverkusen, Hoppenheim und RB uns mal eben die B-Jugend Meister wegkaufen …

    • Du/ihr hast/habt natürlich recht, was die Namen angeht, ich schaute aber absichtlich eher so auf die Zeit 2007 bis 2010 +/-, um etwas von Momentaufnahmen wegzugehen und tatsächlich ein paar Namen fallen zu lassen, die auch ich bis dato zum Teil völlig vergessen hatte.

      • Olli

        Schaue dir mal eine beliebige Aufstellung zwischen 2000 und 2007 an … da wirst du mindestens 1/3 der Spieler nicht mehr kennen … oder mit maximalem Grauen dran erinnern 😉

  3. F..N

    Die Liste lässt sich fast beliebig um junge Spieler aus den eigenen Reihen oder als Talente verpflichtete Spieler ergänzen:

    Alexander Huber
    Jan Zimmermann
    Anthony Jung
    Dominik Stroh- Engel
    Marcel Heller
    Hien und Wille aus dem Jahrgang Dudda
    and so on

    Es gibt aber auch Spieler, die nie markant bei der Eintracht in Erscheinung traten und sich dann entwickelt haben wie Nicolai Müller, Marco Marin oder Emre Can ( der zu gut für die Eintracht war)

    Bemerkenswert ist auch, dass junge Spieler, die bei der Eintracht eine überdurchschnittliche Entwicklung genommen haben, sich bei anderen Vereinen nicht wirklich durchsetzen konnten: Ochs, Jung, Russ, Preuß . Jones stellt eine positive Ausnahme dar.

    Noch eine Frage: welcher Stürmer gar sich bei der SGE in den letzten 15 Jahren positiv entwickelt?

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s