Schweizer Nachtigall

Gut 30 Stunden später haben zwei Granden der Fußballszene uns glücklicherweise ihre Einschätzungen zur causa Haris Seferovic / Armin Veh wissen lassen. Der Bayern-München-Markwort hat während des HR-Heimspiels seine PR-Floskel „Fakten-Fakten-Fakten“ mit einer „Veh=launisch,SGE=launisch,AnderswoWäreDasNiePassiert-These“ ad absurdum geführt, während der Dauer1990er Ansgar Brinkmann einfach er selbst, der Otto-Normal-Dampfplauderer vom Verein um die Ecke, war.

Schwer erträglich ist das, was einem die Zwangsgebühr-Finanzierten als Angebot ins Programm senden, oftmals ohnehin schon (unser einer aus der freien Medienmarktwirtschaft mag das Finanzierungssystem sowieso sehr gerne, wie man sich vorstellen kann). Aber wenn sich dann so Leute wie Markwort, dessen auch geldberische Affinität zum SV Darmstadt 98 bekannt ist, mal so aus der Hüfte heraus zu Hergängen äußert, die er noch weniger einzuschätzen vermag als wir Laien, die uns aber immerhin täglich mit Eintracht Frankfurt beschäftigen …

Brinkmann gibt sich dann ganz profinah, der arme Haris habe eben spielen wollen #mimimi Ist das also eine Erklärung, ein legitimer Schwamm-drüber-Ansatz für Schrotflinten-Sefes Auftritt? Die abschätzigen Gesten, die Tribünenbesteigung, das ohnehin seit Monaten andauernde Leistungsloch? Wenn die Enttäuschung so zerfressend wirkt, wieso gibt es dann Profis wie Slobodan Medojevic, von Constant Djakpa ganz zu schweigen, die weitaus mehr Grund zu Groll hätten und dennoch stillhalten – und nach allem was man hört, liest und sieht – ruhigen Mutes weiterarbeiten?

Gegen Bremen, als Seferovic Großchance um Großchance versiebte, gab er den Traurigen, er wollte, er musste getröstet werden. Er freute sich nach diesem überlebenswichtigen Sieg sichtbar weniger mit dem Team als das er mit sich und seiner Bilanz haderte. Das erinnert, wenn man die neuesten Entwicklungen so einordnen möchte, an Thomas Brdaric (die Älteren erinnern sich), der einst sagte, dass es ihm wichtiger sei ein Tor zu schießen als mit der Mannschaft zu gewinnen.

Dabei sind ja nicht mal die prominenten, jedem im Kopf präsenten Seferovic-Schludri-Szenen das größte Problem. Sein Manko ist die Mischung aus Hektik, Emotionalität und Egoismus (bislang war das in Abschlusssituationen, aber nicht im Umgang zu sehen) im Spiel. Lange konnte er mit Einsatz und Kampfgeist kaschieren, dass er fußballersich doch einige arge Defizite aufweist. Abseits all dessen gibt es jedoch auch kleinere, aber dafür sehr aussagekräftige, jedenfalls symbolische Momente, die Verwerfungen rund um den Schweiz-Bosnier tatsächlich nahelegen:

Wenige Minuten vor dem Halbzeitpfiff gegen VW Investorenburg bekam er den Ball, so circa 20 Meter vor dem Tor. Anstatt prallen zu lassen oder querzulegen, nimmt er den Kopf mal wieder runter und zwischen die Schultern, dreht sich in die Mitte in vier Wolfsburger hinein, verliert so den Ball und ermöglicht einen Konter. Er macht keine Anstalten, hinterherzugehen, sondern parkt tief in des Gegners Hälfte (im Abseits) und schaut sich das Treiben an. Hradecky, der den Ball letztlich hat, will schnell in die Spitze spielen, geht aber nicht, eben weil Seferovic stoisch im Abseits parkt. Wie mir ein Bekannter, der unter den vielleicht 26 000 anwesenden Zuschauern war, erzählte, soll er daher von Zuschauern kritisiert worden sein, mit denen (und dem Linienrichter) er sich wiederum anlegte und zurückkeilte (das Spiel lief schon weiter).
Ohnehin sah man ein paar merkwürdige Szenen, in denen er Mitspieler anzupflaumen schien oder mindestens genervte Gestik/Mimik an den Tag legte (speziell gegenüber Neuzugang Huszti).

Wie man hört, gab es in der sportlichen Leitung im Trainingslager sogar Zweifel an der Hartnäckigkeit seiner Verletzung. Provoziert Seferovic gar einen Vereinswechsel? Interpretiert man in die Worte von Armin Veh (speziell zum Vergleich zwischen Seferovic und Meier) etwas rein, könnte man zu dem Schluss kommen, dass der Schweizer ein Transferangebot bekommen hat, das er in dem Maße annehmen wollte/will, wie Fußballgott Alexander Meier es ablehnte. Hört man eine Nachtigall?

So oder so: Haben die Herren Markwort und Brinkmann diesen Kontext – der ja nur einen Teil dessen, was man bei Zurateziehung von Quellen und Hermeneutik auf dem Schirm haben kann abbildet – wenn sie ihre Ausführungen machen? Eher nicht. Bauchgefühl halt. Den Stammtisch wird’s freuen.

Die Worte, auch und gerade in der Öffentlichkeit von Armin Veh, sind jedenfalls goldrichtig. Seferovics sportliche Leistung ist seit geraumer Zeit schwach, seine facebookigen Worte dazu diametral markig. Es wird in den vergangenen Wochen und Monaten schon einiges vorgefallen sein im Gefüge, dass Veh nun der Kragen geplatzt ist. Man mag dem Trainer dies und jenes vorwerfen, aber ein hochroter In-den-Senkel-Steller ist er nicht, und wenn er das in der Vergangenheit tat, stets zu recht. Schließlich stellten sich seine Einschätzungen fast immer als richtig, wenigens nachvollziehbar heraus – siehe Vaclav Kadlec (wobei man sich natürlich fragen muss, wieso der Tscheche überhaupt mal sein Wunschtransfer war).
In der jetzigen und noch viele Wochen anhaltenden sportlichen Situation ist jeder Anflug von Egoismus gleichbedeutend mit einer Minderung der Klassenerhalts-Chancen. Wenn es in dem Kader jetzt tatsächlich einen gibt, der sich auch nur ein Jota über andere, über das Kollektiv und das Minimalziel Klassenerhalt stellt, muss derjenige aus dem Kader fliegen. Besser jetzt, vor Ende des Transferfensters, als ab Februar. Ungut wäre ein nötig werdender Verkauf von Seferovic natürlich, die ganze Vorbereitung wäre für möglichen Ersatz ungenutzt verstrichen, aber einen minderleistenden Stinkstiefel durchzuschleppen, kann jetzt noch weniger eine Option sein als je zuvor.
Vielleicht fängt sich Seferovic ja nochmal, sportlich wie verhaltenstechnisch. Aber das dürfte dann eben auch nicht nur vordergründig geschehen, um des versöhnten (Außen)bildes wegen, sondern um das Binnenklima nicht (weiter) zu schädigen. In Augsburg wird sich eventuell auch die Zukunft des Schweizer Stürmers in Frankfurt entscheiden – seinen Stammplatz dürfte er aber verloren haben. Und das aufgrund von sportlichen, nicht atmosphärischen Gründen.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Schweizer Nachtigall

  1. F.N.

    gab es nicht mal eine Anfrage über 10 Mio für Haris S .? Annehmen und weg ist er. Da bewegt sich Obasi bestimmt mehr….

  2. TK1972

    Hallo, ich finde Du hast in der Vergangenheit kurze knackige und Aussagekräftige Kommentare verfasst. Mittlerweile sind mir diese zu lang um Sie mal kurz zwischendrin zu lesen. Gruß TK

  3. Pingback: #Link11: Hosenzwang | Fokus Fussball

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